-0.6 C
Zürich
30 März 2020

«Zürich hat Style, ohne protzig zu wirken».

Mit Leib und Seele dabei: Martin Sturzenegger arbeitet in seiner Heimatstadt für seine Heimatstadt. Der CEO von Zürich Tourismus spricht im Interview mit «Fokus Modern Working» über sommerliche Feriengefühle, die wichtige Rolle des Flughafens und seine Vision von Zürich 2030.

Martin Sturzenegger, was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie an Zürich denken?

Da fallen mir drei Dinge ein. Zuerst «Heimat»: Ich bin hier geboren, hier aufgewachsen und lebe heute hier. Das Zweite ist das Baden im See und in den Flüssen. Das Dritte betrifft das Kulinarische, das Essen draussen und in Bars.

Woran sollte ein Tourist idealerweise als Erstes denken, wenn er «Zürich» hört?

Er soll mit Zürich ein Feriengefühl verbinden. Er soll diese typischen Zürcher Sommer-Momente vor sich sehen: Leute, die über den Mittag im See schwimmen gehen. Alles ist voller Badi-Bars, in denen man abends ein Bier trinken oder ein Konzert hören kann. Überall Gartenbeizen, in denen man an der frischen Luft essen kann. Und alles ist zu Fuss oder mit dem Velo erreichbar.

Gibt es weitere erwünschte Assoziationen?

Ein Besucher soll Zürich als «Mini-Metropole» sehen, wie wir sie nennen. Die Stadt hat einerseits einen Metropol-Charakter: Mit dem Flughafen, der Bedeutung für die Wirtschaft, mit den Hochschulen, den Shopping-Möglichkeiten und auch der Gastronomie. Zürich ist mehr als nur eine grosse Stadt. Andererseits sind wir im Vergleich mit Berlin oder London viel kleiner, was ebenfalls zahlreiche Vorteile mit sich bringt. Viele Orte sind zu Fuss erreichbar, die Naherholungsgebiete liegen vor der Haustüre. Klein, aber fein also. Daneben nimmt man Zürich – das hat eine Befragung gezeigt – auch als kultiviert wahr. Man hat Geld, man hat Lifestyle, aber nicht auf eine protzige Art. Alles funktioniert, ist sauber und gut organisiert.

Also ist Zürich quasi ein Abbild der ganzen Schweiz?

Genau, durchaus. Man könnte sagen, dass die Attribute der ganzen Schweiz in einer einzigen Stadt verpackt sind.

Man hat Geld, man hat Lifestyle, aber nicht auf eine protzige Art. Alles funktioniert, ist sauber und gut organisiert.

Welche Art von Touristen besucht Zürich und aus welchen Ländern kommt sie?

Da sind wir international gesehen wirklich eine Ausnahme: Lediglich ein Viertel der Übernachtungsgäste kommt aus dem Inland. Andere Metropolen haben in der Regel einen Anteil von 50 Prozent und mehr. Das zeigt, wie gut die Schweiz weltweit vernetzt ist. Die meisten ausländischen Gäste kommen aus den USA, Deutschland, Grossbritannien, China, Indien und den Golfstaaten. Darunter sind zwar viele Business-Reisende, doch wir stellen fest, dass der Freizeit-Bereich immer wichtiger wird. Touristen kommen zunehmend nach Zürich, um die Stadt als Ausgangspunkt für Touren in die Berge und andere Schweizer Reiseziele zu nutzen.

Welche Trends sehen Sie im Bereich Geschäftsreisen?

Die Tendenz ist klar: Die Leute wollen während einer Geschäftsreise nicht mehr tagelang in einem Kongresszentrum hocken. Sie wollen Business mit Freizeit und Erlebnis verbinden, auch mal in der Stadt joggen und am Abend etwas Feines essen gehen. In diesem Trend sehe ich eine riesige Chance für Zürich, weil wir so klein und kompakt sind. Die Distanzen sind extrem kurz, von einem Meeting in einem Hotel in Zürich-West ist es ein Katzensprung zu einem Restaurant in der Stadt.

Welche Rolle spielen Geschäftsreisen, Kongresse und Tagungen für den Standort Zürich?

Geschäftsreisen sind sehr wichtig, ganz klar. 40 bis 50 Prozent der Reisen nach Zürich haben einen geschäftlichen Hintergrund. Dieser Teil ist vor allem konjunkturabhängig: Wenn die Wirtschaft brummt, gibt es auch viel Business-Traffic. Während wir in diesem Bereich wenig Einfluss nehmen können, hat der MICE-Bereich mit Kongressen und Tagungen noch viel Potenzial. Und er wird zunehmend wichtig werden, gerade auch weil sich der Finanzplatz verändert.

Touristen kommen zunehmend nach Zürich, um die Stadt als Ausgangspunkt für Touren in die Berge und andere Schweizer Reiseziele zu nutzen.

Was macht Zürich für Business-Kunden besonders interessant?

Neben den bereits erwähnten Faktoren ist der Flughafen für mich einer der grössten Vorteile von Zürich. Einerseits die Nähe und die gute Anbindung an den Öffentlichen Verkehr, aber auch der Flughafen selber, der überdurchschnittlich gut organisiert und konzipiert ist. Wo sonst kommt man so schnell vom Flugzeug durch die Kontrollen und Passagen zum Bahnhof?

Zürich ist darüber hinaus ein attraktiver Standort für Unternehmen, nicht zuletzt auch für Startups und Firmen aus der Tech-Branche. Weshalb?

Nicht nur Google, auch andere führende Technologiefirmen wie etwa Disney haben sich in den letzten Jahren in Zürich angesiedelt. Dafür sprechen mehrere Gründe. Zürich liegt sehr zentral in Europa und verfügt über einen Flughafen, der bestens in die ganze Welt vernetzt ist. Dank Universität, ETH und vielen Fachhochschulen kommt man in Zürich gut an Talente heran – gerade auch im Techbereich. Zürich bietet zudem beste Rahmenbedingungen für unternehmerische Aktivitäten. Auch der Zugang zu Kapital ist in Zürich einfacher als anderswo.

Vor ihrem Engagement bei Zürich Tourismus waren sie bei der Rhätischen Bahn tätig. Wie haben Sie sich als gebürtiger Zürcher im ländlichen Graubünden zurechtgefunden?

Sehr gut. Die Bündner sind sehr offen, insbesondere wenn man auch dort lebt und arbeitet. Erstaunlich fand ich die Vielfalt dieser Region: Teilweise ticken die Leute von Tal zu Tal unterschiedlich. Diese Mikrokulturen finde ich sehr faszinierend – in einer Stadt ist die Durchmischung natürlich viel grösser.

Seit rund fünf Jahren arbeiten Sie nun wieder in Zürich. Hat sich Ihre persönliche Wahrnehmung der Stadt durch Ihren Job verändert?

Ja, in einigen Punkten sicherlich schon. Ich bin beispielsweise viel stärker in das Zunftwesen eingetaucht und habe auch kulturelle Anlässe wie das Sechsläuten viel näher kennengelernt. Darüber hinaus ist mein Netzwerk grösser geworden, ich bin in vielen Kreisen vernetzt. Es war also vor allem ein Vertiefen der Beziehung zu meiner Heimatstadt.

In welchen Bereichen hat sich die Stadt am stärksten verändert seit Ihrer Kindheit? Gibt es Aspekte, die Sie vermissen?

Im Bereich Gastronomie, Bars und Clubs hat ein grosser Wandel stattgefunden. Die Stadt hat sich in dieser Hinsicht von einer grauen Maus zu einer echten Metropole entwickelt. Es gibt eine Flut von Pop-Up-Restaurants und eine Vielzahl von gastronomischen Ausrichtungen. Auch das Nachtleben ist mit über hundert Clubs sehr attraktiv geworden. Wenn ich etwas vermisse, dann ist es der Migros-Bus, der in meiner Kindheit jeweils bei uns im Quartier auftauchte. Und vielleicht auch stadtübergreifende Ausstellungen wie die Phänomena 1984, als die halbe Schweiz nach Zürich gepilgert ist.

Im November 2017 hat Zürich Tourismus ein neues Erscheinungsbild präsentiert. Auf einen Slogan wurde verzichtet, Basis ist die Marke «Zürich, Switzerland». Wie beurteilen Sie die Neuausrichtung nach knapp drei Monaten?

Wir hatten einen tollen Grafiker, welcher den Prozess geleitet hat. Die Systematik ist durchdacht und «verhebt». In der Anwendung ist das neue Branding deutlich einfacher geworden, was für uns ein grosser Vorteil ist in der täglichen Arbeit.

Dann haben Sie wohl auch viele positive Rückmeldungen erhalten auf den neuen Auftritt?

Sehr positive, ja. Ich habe persönlich nur ein einziges negatives Feedback bekommen, dafür viele positive auch von Kreisen, von denen wir sonst nichts hören. Die Leute schätzen sehr, dass wir uns auf etwas «Urzürcherisches» konzentriert haben: die Helvetica-Schrift. Aber auch die Art und Weise kommt an, Zürcher mögen geradliniges, durchdachtes Design und sind dafür auch bekannt.

Zürcher sind zudem dafür bekannt, dass sie
innovativ sind und neuen Ideen offen gegen-überstehen. Wie sieht es bei Zürich Tourismus bezüglich Arbeitsmodellen wie Home Office, Shared Desk und flexiblen Arbeitszeiten aus?

Wir haben moderne Arbeitsmodelle bei Zürich Tourismus. Home Office oder flexible Arbeitszeiten sind bei uns Alltag, die früheren rigiden Regelungen machen heute keinen Sinn mehr.

Führen Sie mit Ihren Mitarbeitern regelmässig Teambuilding-Aktivitäten durch?

Jedes Team bei uns hat einen eigenen Tag für das Teambuilding zur Verfügung. Ausserdem veranstalten wir einmal im Jahr den Mitarbeiterausflug, bei dem alle dabei sind. Das sind für uns wichtige Anlässe des Zusammenseins – auch mal abseits des Arbeitsalltags. Daneben organisieren wir immer wieder kleinere Ausflüge oder Anlässe wie etwa die Bewegungswoche oder einen Besuch im Kino zu einem speziellen Thema.

Was ist Ihrer Erfahrung nach sonst noch wichtig, damit ein Team einen guten Spirit hat und erfolgreich zusammenarbeitet?

Ich bin überzeugt, dass sich die Mitarbeitenden nach Möglichkeit einbringen und mitgestalten sollen. Sie bekommen von uns das Vertrauen, dass sie etwas ausprobieren dürfen, dass dann auch mal schiefgehen kann. Aber die Erfolge, die daraus erzielt werden, fördern nicht nur das Selbstvertrauen und die Motivation, sondern schliesslich auch den Spirit innerhalb der Teams und der ganzen Organisation.

Ihre persönliche Vision für Zürich 2030: Wie soll sich die Stadt in zwölf Jahren
Besuchern präsentieren?

Das ist schwierig zu sagen. Wir haben mal versucht, das ein bisschen zu skizzieren. Von Zürich Tourismus aus nennen wir das «Smart Zürich». Die Stadt hat bereits eine Smart-City-Initiative lanciert, in der alle Bemühungen um eine nachhaltige, vernetzte, intelligente Stadt gebündelt werden sollen. Dabei sind auch Hochschulen und Firmen wie Google sehr wichtig. Die Vision ist also, dass Zürich als ein Zentrum von smarter Innovation wahrgenommen wird in der Welt.

Interview: Remo Bürgi
Foto: Zürich Tourismus

Lesen Sie mehr.

Diagnose Burnout – Raus aus dem Teufelskreis

Ganz egal, ob man das Burnout nun als Krankheit oder Gesellschaftsmode sieht. Fakt ist, dass immer mehr Menschen ausgebrannt sind und nicht mehr weiterwissen. Wenn man aber dem eigenen Körper zuhört, kann man durch ein Burnout nachhaltig sein Leben umkrempeln. Wie aus einer fast aussichtslosen Situation eine Erfolgsstory wurde.

Swissness ist Konsumenten bei Käse wichtig

Die Schweizerinnen und Schweizer kaufen gerne internationale Produkte. Aber beim Käse achten viele auf die Herkunft, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Pro und Contras der Velo-Revolution

Drahtesel war gestern. Das E-Bike ist in der Schweiz weiter auf dem Vormarsch. Die Gründe dafür sind vielfältig. Sowohl als Sportgerät wie auch als umweltfreundlicher Autoersatz macht ein Elektrofahrrad eine gute Figur und ist aus dem modernen Stadtbild nicht mehr wegzudenken.

«Mir wurde nichts geschenkt!»

Denise Gehrig arbeitet beim Schweizerischen Blindenbund und leitet sieben Beratungsstellen in der ganzen Deutschschweiz. Dass sie selbst von Geburt an sehbehindert ist, tut nichts zur Sache.

Archiv.

Hochzeiten gewinnen an Individualität

Die heutige Zeit wird immer schneller und digitaler. Gerade deswegen vertrauen wir stärker als je zuvor in die Gemeinsamkeit und in die Ehe.