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Zürich
25 Oktober 2020

Kurs halten, wenn die Wogen hochgehen.

Kurzfristige Krisen verleiten häufig dazu, den Blick von den langfristigen Herausforderungen abzuwenden.

Prof. Rudolf Minsch, Chefökonom economiesuisse
Prof. Rudolf Minsch, Chefökonom economiesuisse

So rasch kann es gehen: Gerade noch blickten viele hoffnungsfroh auf das beginnende 2020. Die wirtschaftlichen Prognosen waren zwar nicht euphorisch, aber durchwegs positiv. Doch spätestens als die Corona- Krise Ende Februar die Schweiz erreichte, wurde deutlich, dass 2020 ein besonders herausforderndes Jahr werden dürfte.

Turbulente Zeiten

Kann man sich als Unternehmerin oder Unternehmer auf solche Szenarien vorbereiten? Und wie soll sich die Schweiz als Wirtschaftsstandort in derart turbulenten Zeiten verhalten? Auf kurze Sicht gibt es kein generelles Rezept, wie Epidemien oder ähnlich unschönen Überraschungen am besten beizukommen wäre. Viel zu unterschiedlich sind die Problemstellungen: Während Firma A mit Lieferengpässen zu kämpfen hat und temporär auf Kurzarbeit setzt, braucht Unternehmen B mehr Kapazität, weil für sein Medizinalprodukt die Nachfrage explodiert. Eines aber gilt für beide: Es ergibt wenig Sinn, die Unternehmensstrategie aufgrund kurzfristiger Ereignisse auf den Kopf zu stellen. Dasselbe lässt sich auch für die Schweiz als Ganzes konstatieren. In Krisen werden rasch Rufe nach Radikallösungen laut. Im Fall von Corona verlangten einige umgehend die Schliessung der Landesgrenzen. Andere forderten die Öffnung der Nationalbank-Tresore zur Stimulierung der Konjunktur.

Auf kurze Sicht gibt es kein generelles Rezept, wie Epidemien oder ähnlich unschönen Überraschungen am besten beizukommen wäre.

Prof. Rudolf Minsch, Chefökonom economiesuisse

In plötzlich auftauchenden Krisensituationen ist schlecht beraten, wer seinen bisher zuverlässigen Kompass gleich wegwirft und wild am Steuerrad zu drehen beginnt. Selbstverständlich braucht es zuweilen unkonventionelle Lösungen, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Doch wer an die Grundlagen langfristig erfolgreicher Konzepte rührt, muss sich etwas mehr Zeit lassen. Der Blick soll nicht auf die kommenden Wochen, sondern auf die nächsten Jahre gerichtet werden. Und hier spielen ganz andere Herausforderungen eine Rolle. Es sind Veränderungen, die Wirtschaft und Gesellschaft langfristig prägen werden. Dazu gehört die Digitalisierung, die auf allen Ebenen für grosse Umwälzungen sorgt und weiterhin sorgen wird.

Langfristige Herausforderungen

Während viele Schweizer Unternehmen hier schon weit sind, beginnen andere erst zu realisieren, wie stark sich ihr Umfeld durch die neuen Technologien verändern wird. Besonders schwer tut sich der Wirtschaftsstandort als Ganzes im Umgang mit den langfristigen Herausforderungen. Die Verzögerungen bei der Einführung einer E-ID oder der laute Widerstand gegen die 5G-Technologie zeigen, dass der Schweiz hier noch viel Arbeit bevorsteht. Ähnliche Hürden gibt es bei fast allen grossen Reformprojekten, die für den langfristigen Erfolg der Schweiz unumgänglich sind: Die nachhaltige Reform der Altersvorsorge, eine breit abgestützte Klimapolitik oder die Stabilisierung der Beziehungen zur Europäischen Union, um nur einige zu nennen.

Gerade wenn die Wogen besonders hoch gehen, lohnt es sich, diese wichtigen Fixpunkte am Horizont nicht aus den Augen zu verlieren. Das gilt für Politik und Wirtschaft gleichermassen. Denn wer den Kurs in der Krise halten kann, hat bereits einen Vorsprung, wenn sich die Wetterlage wieder bessert. Aber wenn die Sonne scheint, dann gilt es an der Strategie zu arbeiten, um das Land oder das Unternehmen für die Zukunft fit zu halten.

Text: Rudolf Minsch 

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