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14 Juli 2020

Emily Blunt: «Wir wollen alle herausfordernde Arbeit».

Kaum eine Schauspielerin ist so vielseitig wie Emily Blunt. Das kommt nicht von ungefähr. Bei unserem Gespräch am Internationalen Frauentag in New York erklärt sie, wieso es sich lohnt, auch in schwierigen Situationen mutig zu sein. 

Emily Blunt, vor vierzehn Jahren sind Sie mit «The Devil Wears Prada» berühmt geworden. Wie blicken Sie auf Ihren Werdegang zurück?

Ich hatte wahnsinniges Glück. Ich bin sehr dankbar, wohin es mich verschlagen hat. Ich denke oft, was wäre wohl gewesen, wenn dieses oder jenes nicht passiert wäre. Eines meiner Lieblingsbücher ist «Life After Life» von Kate Atkinson. In der Erzählung werden verschiedene Abzweigungen parallel verfolgt, wenn die Protagonistin an einer Lebenskreuzung steht und einen Entscheid fällen muss. Wirklich eine tolle Lektüre über glückliche Zufälle.

Die Dominosteine in Ihrem Leben fallen schon länger zu Ihren Gunsten. Sie haben seit Ihrem Durchbruch jedes Genre gemeistert: Vom Action-Thriller («Sicario») über die romantische Komödie («Salmon Fishing in the Yemen») zum Psycho-Drama («The Girl on the Train»), Musical («Mary Poppins Returns») und Horror («A Quiet Place»). Wie haben Sie das geschafft?

Wie nett, dass Sie das sagen. Ich fühle mich kreativ tatsächlich sehr erfüllt. Ich bin sehr selektiv und werde das bleiben, weil ich meine Grenzen erweitern will. Meistens unterschreibe ich für eine Rolle, wenn sie mir ein bisschen Angst macht oder ich am Anfang nicht genau weiss, wie ich sie angehen soll. Solche Projekte sind aber rar. Es sind meistens Filme, die so um die 35 Millionen Dollar kosten und auf denen ich meine Karriere aufgebaut habe. Und die gibt es kaum mehr.

Ich fühle mich kreativ tatsächlich sehr erfüllt. Ich bin sehr selektiv und werde das bleiben, weil ich meine Grenzen erweitern will.

Emily Blunt
Was sind Ihre Alternativen?

Ich habe schon eine Weile meine Fühler nach einem Lang-Format ausgestreckt, also einer limitierten Serie. Ich habe da etwas im Auge – einen Western mit dem Titel «The English». So etwas Ausserordentliches habe ich in meiner ganzen Karriere noch nie gelesen. Schon auf der ersten Seite des Drehbuchs dachte ich: Das muss ich machen! Mehr möchte ich dazu aber noch nicht verraten.

Abgesehen von Ihren persönlichen Projekten: Wir führen dieses Interview am internationalen Frauentag. Können Sie eine Standortbestimmung für Frauen in Hollywood abgeben?

Ich finde, es ist eine aufregende Zeit für Frauen. Man spürt die Wende, dass Frauen jetzt gehört werden und den Raum haben, produktiv zu werden. Meine Freundinnen und ich reden viel darüber, dass sich etwas verändert hat. Aber es gibt noch mehr zu tun. Ich unterschreibe voll, was die Regisseurin Lulu Wang Anfang Jahr an den Independent Spirit Awards gesagt hat: Es ist nicht so, dass wir Motivation brauchen. Wir sind hier und motiviert, wir alle wollen herausfordernde Arbeit. Wir brauchen einfach die Jobs. Jetzt müssen die Gelegenheiten einfach weitergegeben werden.

Sie haben in einem Interview gesagt, dazu gehöre auch der Mut, nicht immer nett und einfach rüberzukommen…

Was ich damit meine: Man muss direkt kommunizieren, was man will und sich dafür auch nicht entschuldigen. Es hilft sicher auch zu wissen, was man in ein Projekt einbringt. Seinen eigenen Wert zu kennen ist sehr wichtig. Nicht nur finanziell, sondern auch auf kreativer Ebene. Dies für sich gegen aussen zu beanspruchen, ist schwieriger für Frauen.

Mussten Sie das selber auch lernen?

Ja, ich war zwar eigentlich immer ziemlich direkt. Aber es liegt vielleicht an meinem britischen Wesen, nicht grosskotzig daherkommen zu wollen. Wir loben uns nicht schnell selber über den grünen Klee und wollen nicht über Geld sprechen. Aber irgendwann kommt man zur Erkenntnis, dass man bei gewissen Dingen standhaft sein muss. 

Es liegt vielleicht an meinem britischen Wesen, nicht grosskotzig daherkommen zu wollen.

Emily Blunt
Es gab also einen Aha-Moment? 

Ja, und er war eine positive Überraschung: Ich wollte unbedingt den Film «The Edge of Tomorrow» mit Tom Cruise machen. Das war eine riesige Action-Produktion und eine ebenso grosse Chance für mich. Tom und seine Produzenten sind ein altbewährtes Team. Ich dachte, das werde sicher ein Boys Club sein und ich würde nichts zu sagen haben. Ich irrte mich jedoch sehr: Ich wurde bei jeder kreativen Entscheidung konsultiert. Ich war bei jedem Meeting mit den Drehbuchautoren dabei. Da habe ich erstmals so richtig gemerkt, dass ich etwas beizutragen hatte und dass man daran auch interessiert war.

Sie haben vor Kurzem ja auch «Jungle Cruise» mit Dwayne Johnson abgedreht. Ist es Ihnen von einem Business-Standpunkt aus wichtig, ab und zu solche lukrativen Popcorn-Filme zu drehen?

Ich fälle eigentlich keine Entscheide aus strategischen Gründen, denn ich weiss nicht, wie ich so zufrieden arbeiten kann. Mein Agent hat mir gleichzeitig auch einen kleineren Indie-Film empfohlen. Der gefiel mir auch, aber es zog mir bei der Rolle in «Jungle Cruise» den Ärmel rein. Ich bin aufgewachsen mit Filmen wie «Romancing the Stone» und «Indiana Jones». Die liefen bei mir non-stop. Ich habe sie sicher vierzig Mal gesehen. «Jungle Cruise» trieft von Nostalgie für mich. Ich konnte einfach nicht nein sagen.

Filme wie «Romancing the Stone» und «Indiana Jones» habe ich sicher vierzig Mal gesehen.

Emily Blunt
Und: Wie war es, mit dem grössten Filmstar der Gegenwart zu arbeiten?

Ich mag DJ sehr und es war super, mit ihm zu arbeiten. Wir sind ziemlich gegensätzliche Typen, aber gleichzeitig haben wir auch eine gewisser Seelenverwandtschaft. Es war die glücklichste Zeit, die ich auf einem Filmset verbracht habe. Es war wie Neverland – ein endloser Spass! Ich fühlte mich beraubt, als es vorbei war. Ich habe etwa eine Woche lang geheult. [lacht]

Mit Ihrem Mann John Krasinski an «A Quiet Place» gearbeitet zu haben, dürfte aber auch befriedigend gewesen sein, oder? Der Erfolg des Monsterfilms hat ja alle Erwartungen übertroffen.

Ja, das war es sicher. Aber eine Mutter zu spielen, die ihren Mann verliert und alles geben muss, ihre Kinder zu retten, ist natürlich nicht so lustig. Mir so ein Szenario vorzustellen, geht mir als Mutter sehr nahe. Ich hoffe, ich komme nie in eine solche Situation. 

Was war das Schlimmste, dass Sie bisher mit Ihrer Familie erlebt haben?

Unsere Tochter Hazel ist einmal von ihrem Scooter gefallen und hat ihr Kinn furchtbar aufgeschlagen. Es musste genäht werden. Die Naht war zwölf Stiche lang! Wir waren in Brooklyn mitten auf der Strasse, fünfzehn Blocks von zu Hause. Es war wie im Film «Kramer vs. Kramer»: John rannte durch die Strassen mit unserem Kind auf den Armen, um sie in die nächste Notfallaufnahme zu bringen.

Bewahrten Sie einen kühlen Kopf dabei?

Ich glaube schon. Zuerst war ich schon geschockt, aber dann schalten wir Frauen in solchen Situationen doch einfach in einen anderen Operationsmodus – den von der Beschützerin und Trouble-Shooterin. Da sind wir doch sehr zielgerichtet. In meinen Augen gibt es jedenfalls niemand Besseres in einer Krise als meine Mutter.

Was ist das Geheimnis einer guten Zusammenarbeit zwischen Ehepartnern? 

Wir funktionieren nicht anders als jedes andere Paar. Wir vertrauen einander. Und man darf auch nicht vergessen, dass wir auch separat ein volles Leben haben. Wir sind oft getrennt und müssen damit zurechtkommen. Der Schlüssel ist wohl, dass ich ihn sehr schätze und er mich sehr schätzt. Nicht nur auf persönlicher Ebene, sondern wir passen auch auf der kreativen Ebene zusammen. Das hilft sicher.

Für mich als Britin gehört Whiskey zum Haushalt.

Emily Blunt
Wie äussert sich das?

Wir sehen Filme auf gleiche Weise. Wir reagieren auf Szenen und Performances genau gleich. Was ihn berührt, berührt auch mich. Mehr kann ich auch nicht sagen. Es passt einfach gut – und wir trinken viel Whiskey zusammen. «A Quiet Place II» hätte von The Macallan 12 gesponsert werden können. Wir haben uns jeden Abend damit entspannt. 

Sind Sie eine Whiskey-Kennerin?

Nicht wirklich, John ist der Connaisseur. Ich mag fette Eiswürfel in meinem Whiskey. Für mich als Britin gehört Whiskey zum Haushalt. Wir trinken ihn, wenn wir erkältet sind. Denn da stecken viele ähnlich Elemente drin wie im Hustensirup. Schon als Teenager in der Schule, wenn ich etwas Schwieriges zu verdauen hatte, fragte mich meine Mutter, ob ich einen Schluck Whiskey brauche. Und zuvor nippte ich vom Glas meines Grossvaters. Ich habe eine sehr nostalgische Beziehung zum Whiskey.

Ich habe eine sehr nostalgische Beziehung zum Whiskey.

Emily Blunt
In den «A Quiet Place»-Filmen kämpfen Sie mit Stille gegen die Monster, die nur angreifen, wenn sie die Menschen hören. Das kann man sicher auch als Metapher verstehen – besonders in der jetzigen Zeit, richtig?

Das ist interessant… Ja,ich finde schon, dass John metaphorisch schreibt. Die beiden «A Quiet Place»-Filme sind keine oberflächlichen Horrorfilme. Hier wird man von etwas überrollt, dass einem Angst macht, das die Gemeinschaft zersplittert. Alles kommt zu einem Stopp. Aber ich glaube, dass es letztlich auch hoffnungsvolle Filme sind. Sie zeigen uns, dass wir zusammenhalten müssen – auch als Gemeinschaft. 

Sind Sie allgemein ein hoffnungsvoller Mensch?

Ja, ich versuche meistens, den Tag hoffnungsvoll anzugehen und optimistisch zu bleiben. Weltuntergangsstimmung mag ich nicht. Auch bei einem Film wie «A Quiet Place II» nicht. So schlimm die Lage auch ist: Am Ende fühlt man sich ermächtigt und bestätigt, dass es sich lohnt, mutig zu sein. 

Das Interview mit Emily Blunts Schauspielkollegin und Oscarpreisträgerin Natalie Portman lesen Sie hier.

Text Marlène von Arx Bild HFPA

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