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9 August 2020

Eine nachhaltige Finanzwirtschaft ist das Gebot der Stunde.

Jean-Daniel Gerber
Jean-Daniel Gerber

Nachhaltige Investments sind längst aus ihrem Schatten getreten. Gestern noch ein Nischenprodukt, sind sie heute aus keinem Portfolio mehr wegzudenken. Wie ist es so weit gekommen? Zunächst einmal scheint vor dem Hintergrund der anhaltenden Umweltzerstörung und der Klimadebatte ein gesellschaftliches Umdenken eingesetzt zu haben. Auch das lange kultivierte Vorurteil, dass nachhaltige Anlagen im Vergleich mit konventionellen Anlageformen eine tiefere Rendite abwerfen würden, ist heute widerlegt. In Investorenkreisen ist überdies die Erkenntnis gereift, dass man dank dem verantwortungsvollen Handeln auch Reputationsrisiken vermindern kann, wie beispielsweise durch den Verzicht auf Beteiligungen in Unternehmen, die Menschenrechte verletzen oder geächtete Waffen herstellen. 

Die ESG-Kriterien

Man erreicht dies durch die Berücksichtigung der sogenannten ESG-Kriterien im Anlageprozess. Darunter versteht man drei zentrale Bereiche: Das «E» für Environment steht für Umweltaspekte wie Treibhausgasemissionen oder Energieeffizienzthemen. Social («S») beinhaltet Aspekte wie Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz oder gesellschaftliches Engagement. Und unter Governance («G») wird eine gute Unternehmensführung mit transparenten Entscheidungs- und Kontrollprozessen verstanden. 

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache

Die jüngsten Schweizer Marktdaten zeigen ein eindrückliches Wachstum nachhaltiger Anlagen: 2019 betrug dieses 62 Prozent. In absoluten Zahlen ausgedrückt, erreichten nachhaltige Investments ein Volumen von
CHF 1 163 Milliarden. Damit sind in der Schweiz schon rund ein Drittel aller verwalteten Vermögen nachhaltig angelegt. Die Zahl weist jedoch auch auf ein noch bestehendes beträchtliches Optimierungspotential hin.

In der Schweiz sind schon rund ein Drittel aller verwalteten Vermögen nachhaltig angelegt.

Jean-Daniel Gerber, Präsident, Swiss Sustainable Finance (SFF)
Die EU setzt verbindliche Leitplanken

Nicht überraschend haben auch andere internationale Finanzplätze den Trend hin zu einer nachhaltigen Finanzwirtschaft erkannt. Denn in vielen Industrieländern fördern die Gesellschaft und die Finanzwirtschaft nachhaltige Anlagen. Besonders erwähnenswert ist der umfassende Aktionsplan der EU mit dem Ziel, den Markt der nachhaltigen Finanzen substanziell zu regulieren und damit zu beeinflussen. Geplant sind zudem ein Klassifikationssystem nachhaltiger Aktivitäten (die sogenannte Taxonomie), Kriterien zur Messung der Nachhaltigkeit, Informations- und Transparenzpflichten, der Einschluss von Klimafaktoren bei der Beurteilung von Finanzprodukten und vieles mehr. 

Davon betroffen ist auch die Schweizer Finanzindustrie, ist sie doch im grenzüberschreitenden Geschäft angehalten, europäische Standards zu übernehmen. Es zeigt sich jetzt, dass die Schweizer Banken gut beraten waren, ihre Anlage-Expertise mit nachhaltigen Aspekten anzureichern. 

Sollte man diese vorausschauende Strategie der Finanzbranche nicht auch durch eine Schweizer Regulierung ergänzen? Die Debatte dazu hat erst begonnen. Einerseits macht es keinen grossen Sinn, zusätzliche von der EU abweichende Bestimmungen zu erlassen. Die schweizerischen Anbieter sollten nicht zwei unterschiedliche Finanzmarktregulierungen beachten müssen. Andererseits kann es Bereiche geben, für welche die Schweiz bereit ist, weiter zu gehen als die EU, sofern solche zusätzliche Massnahmen ihre Wettbewerbsfähigkeit, den Gläubigerschutz oder die Stabilität des Finanzsystems stärken.

Es zeigt sich jetzt, dass die Schweizer Banken gut beraten waren, ihre Anlage-Expertise mit nachhaltigen Aspekten anzureichern. 

Keine Mogelpackungen

Nicht ganz zu Unrecht monieren Konsumenten immer wieder die mangelnde Transparenz im Zusammenhang mit nachhaltigen Anlagen. Das hängt mit den unterschiedlichen Begrifflichkeiten, die von den Finanzinstituten verwendet werden, zusammen. Es fehlt derzeit noch an einheitlichen Standards, welche die Vergleichbarkeit einzelner Finanzprodukte im Nachhaltigkeitsuniversum ermöglichen. Höhere Transparenzanforderungen sollen sicherstellen, dass Anleger nur nachhaltige Produkte in ihrem Portfolio halten, die dieses Prädikat auch verdienen. Swiss Sustainable Finance, der Schweizer Verband für eine nachhaltige Finanzwirtschaft, arbeitet an ebensolchen Standards. 

Der Preis muss die wahren Kosten reflektieren

Nachhaltige Investments könnten benachteiligt werden, wenn vergleichbare Anlagen angeboten werden, deren Preise negative Umwelteffekte, z.B. den CO2 Ausstoss, nicht widerspiegeln. Dass die tatsächlichen Kosten der Umweltbelastung immer im Preis internalisiert wird, kann man bezweifeln. Hier sind staatliche Vorschriften, vergleichbar mit den gesetzlich vorgeschriebenen Energieetiketten bei Motorfahrzeugen und Elektrogeräten, vorstellbar.

Die kommenden Monate 

Sie werden Gelegenheit bieten, die Anreize zugunsten von nachhaltigen Investments noch zu verstärken. Wie in der Schweiz üblich sollte dazu die Verantwortung primär bei den zivil- und privatwirtschaftlichen Akteuren liegen, der Staat sollte deren Aktivitäten aktiv begleiten und nur subsidiär gesetzgeberisch aktiv werden.

Text Jean-Daniel Gerber

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