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11 April 2021

Claudia Kemfert: »Wir dürfen nicht noch ein Jahrzehnt vergeuden!«.

Bereits seit Jahrzehnten setzt sich Prof. Dr. Claudia Kemfert für den Klimaschutz in Deutschland ein. Wir sprachen mit der Wissenschaftlerin über die Wirkung bereits getroffener Massnahmen, über dringenden Handlungsbedarf in Wirtschaft und Verkehr – und erfuhren, warum die Debatte jetzt keinesfalls wieder in alte Muster verfallen darf.

Prof. Dr. Claudia Kemfert, Sie leiten die Abteilung »Energie, Verkehr, Umwelt« des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin. Welches sind die zentralen Themen, die Sie aktuell beschäftigen? 

Zentral sind derzeit drei Themenbereiche: die Energiewende, basierend auf einer Vollversorgung mit erneuerbaren Energien und deren Wirkungen auf den Energie-, Verkehrs- und Gebäudesektor – samt Energiespeicher, Elektromobilität oder Prosumage. Dann beschäftigt uns der Ausstieg aus fossilen Energieträgern und Atomenergie zur Bewertung des Einflusses der Klimapolitik auf Märkte für Öl, Kohle und Erdgas. In diesem Zusammenhang gilt unser Fokus auch den entstehenden Märkten für grünen Wasserstoff beziehungsweise Synfuels. Und drittens erstellen wir empirische Analysen von energie-, verkehr- sowie umweltpolitischen Maßnahmen. Beispiele dafür sind die Politikevaluation im Bereich Emissionshandel und Umweltpolitik oder die Untersuchung der Wirkung von Infrastrukturen und lokalen Emissionen, etwa im Bereich der Stadtmobilität. Wir untersuchen beispielsweise, wie glücklich Menschen sind, die ein Windrad, eine Biogasanlage oder einen Strommast in der Nähe haben. Und wir untersuchen, welche volkswirtschaftlichen Chancen durch Klimaschutz und Energiewende entstehen. 

Ihre Abteilung beschäftigt sich zentral mit der Transformation der Energiewirtschaft. Wo stehen wir hier? 

Die Transformation der Energiewirtschaft ist ein Marathonlauf. Die ersten Kilometer sind zwar geschafft, doch drei Viertel des Weges liegen noch vor uns. Der Atomausstieg ist fast abgeschlossen, der Kohleausstieg beginnt und die erneuerbaren Energien haben bereits einen Anteil von über 40 Prozent an der Stromerzeugung. Leider wird der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien seit einiger Zeit paradoxerweise ausgebremst, dabei müsste sich das Tempo erhöhen! 

Was muss demnach jetzt getan werden?

Wir müssen Barrieren so schnell wie möglich abbauen. Zudem muss die auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit ausgerichtete Verkehrswende mit einer Stärkung des Schienenverkehrs sowie des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV), der Elektromobilität sowie dem Ausbau der sicheren Rad- und Fußwege auf den Weg gebracht werden. Gebäude müssen schneller energetisch saniert werden, erneuerbare Energien auch hier zum Einsatz kommen und mehr Energie erzeugt als sie verbraucht werden (Prosumer). Zu guter Letzt muss auch die Digitalisierung rasch umgesetzt werden, sie ist elementar für eine dezentrale und intelligente Energie- und Verkehrswende. 

Sie untersuchen ebenfalls die Auswirkungen von Energie- und Klimapolitik auf die Ressourcen- und Umweltmärkte. Zu welchen Schlussfolgerungen gelangen Sie hier? 

Die derzeitige Energie- und Klimapolitik wird nicht zielführend betrieben, da der Ausbau der erneuerbaren Energien viel zu langsam vonstatten geht und Barrieren auf- statt abgebaut werden. Die Verkehrswende muss endlich angegangen werden! Es gilt, den Schienenverkehr zu stärken, sichere Fahrrad- und Fußwege auszubauen, Elektromobilität samt Digitalisierung zu fördern, Ladeinfrastruktur auszubauen und eine streckenabhängige PKW-Maut samt Parkraumbewirtschaftung einzuführen. EU-PKW-Grenzwerte sollten zudem erhöht werden. Darüber hinaus sollte klimaneutraler Treibstoff für Flug-, Schiffs- und LKW-Verkehr zum Einsatz kommen. Das können im begrenzten Umfang Biokraftstoffe sein oder auch grüner Wasserstoff beziehungsweise synthetisches Gas. Und die energetische Gebäudesanierung muss stärker gefördert werden. 

Die derzeitige Energie- und Klimapolitik wird nicht zielführend betrieben, da der Ausbau der erneuerbaren Energien viel zu langsam vonstatten geht und Barrieren auf- statt abgebaut werden.

Prof. Dr. Claudia Kemfert
Der Verkehr scheint ein wesentliches Thema in Bezug auf Nachhaltigkeit zu sein.

Das ist korrekt, denn der Verkehrssektor ist mit knapp 20 Prozent der drittgrößte Verursacher von Treibhausgasemissionen in Deutschland. Und gerade hier gibt es viel zu tun. Die Emissionen resultieren vorrangig aus dem Straßenverkehr durch die Verbrennung fossiler Energien. Im Jahre 2019 sind bundesweit die Emissionen zwar gesunken – im Verkehrssektor aber gestiegen. Bis zum Jahr 2030 müssen die Emissionen um über 60 Millionen Tonnen – also über 40 Prozent – sinken! Die Emissionen hätten bereits deutlich reduziert werden müssen, es geht also in die völlig falsche Richtung. Der Verkehrssektor muss vollständig dekarbonisiert und endlich Teil der gesamten Energiewende werden. 

Der Verkehrssektor ist mit knapp 20 Prozent der drittgrößte Verursacher von Treibhausgasemissionen in Deutschland.

Prof. Dr. Claudia Kemfert
Wie erreichen wir das?

Über eine Verkehrsvermeidung, -verlagerung und -optimierung. 80 Prozent aller Fahrzeuge stehen 23 Stunden am Tag still, sind somit keine Fahrzeuge, sondern Stehzeuge, die wertvolle Infrastruktur und Parkräume benötigen. Bundessweit wird dafür eine Fläche so groß wie das Saarland benötigt! Das ist Platz, der dingend für Menschen benötigt wird, sei es für Grünflächen, Spielplätze oder Begegnungsräume. 

Wie sind Sie zum DIW gekommen? 

Vor knapp 17 Jahren hat mich das DIW berufen, zuvor war ich Deutschlands erste Juniorprofessorin. Ich forsche und lehre seit über zwanzig Jahren im Bereich der ökonomischen Wirkungen von Klimaschutz, Energie- und Verkehrswende. Ich bin durch und durch Wissenschaftlerin, Wissendurst treibt mich an. Ich habe ein hervorragendes Team am DIW, wir kooperieren intensiv mit der TU Berlin und mit der Leuphana Universität. Vor über zehn Jahren haben sich nur wenige für das Thema interessiert, glücklicherweise ist dies heute anders. Es gibt noch so viel zu erforschen – packen wir es an! 

In diesem Jahr ist Ihr drittes Buch erscheinen, es trägt den Titel »Mondays for Future«. Worum geht es in dem Buch und wie kann man es mit ihren beiden anderen Büchern in einen Kontext setzen? 

Mein erstes Buch zur Klimadebatte habe ich vor zwölf Jahren geschrieben. Damals habe ich die enormen wirtschaftlichen Chancen echter Klimaschutzpolitik dargelegt. Dann kam die Finanzkrise 2009, wo ich damals anmahnte, dass die staatlichen Rettungsschirme und Konjunkturpakete bitte in klimagerechte Wirtschaft und nachhaltige Industrien gesteckt werden sollten. Stattdessen flossen mal wieder Milliarden in die fossile Vergangenheit. Es folgte ein Jahrzehnt, indem die Gegner jegliche Klimaschutzpolitik aggressiv torpedierten. Deswegen schrieb ich zwei Bücher, um die Mythen und »Fake News« zu widerlegen. Jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir nicht noch ein Jahrzehnt mit rückwärtsgewandten Diskussionen vergeuden dürfen, sondern beherzt nach vorne gehen müssen. Durch das Engagement der »Fridays-For-Future-Bewegung» wird deutlich, dass es eine überwältigende Mehrheit für den Wandel gibt. Daher rührt auch der Titel des Buches: Nach der Freitagsdemonstration, den Diskussionen am Samstag und den Sonntagsreden muss in der Tat am Montag die Arbeit aufgenommen werden. Es müssen Entscheidungen getroffen, Prioritäten gesetzt, Bewährtes fortgeführt, aber auch Experimente gewagt werden. Dafür brauchen wir Grundlagen, Wissen, Fakten und Erkenntnisse. Das Buch räumt auf, sortiert und gibt so den Menschen Ideen und Methoden an die Hand, um sich in unserer demokratischen Gesellschaft aktiv in Prozesse und Aktivitäten einzubringen. Dabei kann sich jede und jeder einbringen. Im Buch gibt es zahlreiche Tipps, wo und wie ich mich einbringen kann – jenseits von Konsumentscheidungen. Was wir als erstes anpacken müssen? Egal an welcher Stelle, aber wir müssen einfach loslegen! Wenn wir dies beherzt umsetzen, können wir es schaffen. 

Text SMA Bild Reiner Zensen

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