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Zürich
18 Mai 2021

«Es gibt nicht die eine klare ‹Technologie der Zukunft›».

Die Schweizer Piëch Automotive AG entwickelt elektrisch betriebene Sportwagen – und formt so die Zukunft der Mobilität aktiv mit. «Fokus» hat mit den beiden Mitbegründern Toni Piëch und Rea Stark Rajcic über Zukunft der Mobilität, Autos und der Start-up-Szene in Zürich gesprochen.

Toni Piëch und Rea Stark Rajcic, wie sehen Sie die derzeitige Automobilbranche in Bezug auf deren Zukunftsfähigkeit?

T. Piëch: Da gibt es den feinen Unterschied zwischen Auto und Mobilität. Die Mobilitätsbranche ist inmitten eines massiven Umbruchs, der etliche Chancen bietet. Die traditionelle Autobranche wird sich dort wohl auch einreihen müssen. Märkte, die lange stabil waren, werden kleiner. Gleichzeitig öffnen sich aber auch neue. Wer schnell und richtig reagiert, kann viel gewinnen.

R. Stark: Ich denke, die Automobilbranche muss sich in Zukunft noch schneller an die Bedürfnisse der Kundschaft anpassen. Hier gibt es noch grossen Aufholbedarf, was zum Beispiel das Thema Kauf gegenüber Nutzung angeht. Ein junger Mensch möchte viele Objekte nicht mehr unbedingt kaufen, sondern flexibel nutzen können, wenn er sie benötigt. Liebhaberobjekte sind aber grösstenteils von diesen Tendenzen ausgenommen.

Was ist Ihre Vision für die Technologie der Zukunft in der Mobilität?

T. Piëch: Unsere Vision ist technologie-offen und flexibel. Man muss schnell reagieren und applizieren können. Es gibt nicht die eine klare «Technologie der Zukunft». Wir sehen uns als potenzielle Speerspitze für neue interessante Lösungen. Eine schnelle Reaktionszeit wird unserer Meinung nach immer wichtiger.

R. Stark: Klar ist, dass die Technologie der Zukunft vor allem ressourcenschonend sein muss. Wir denken sehr modular und sehen die Architektur unseres Fahrzeuges als Schlüsselelement an. Die Antriebstechnologie kann somit immer an die modernste und «sauberste» Variante angepasst werden. Weiter beschäftigen wir uns intensiv mit dem Thema Recycling. Unser Fahrzeug ist kein Wegwerfprodukt, sondern soll Jahrzehnte überdauern.    

Welche Antriebsarten werden aus welchen Gründen beliebter werden?

T. Piëch: Am Ende werden sich Technologien durchsetzen, die sich wirtschaftlich rechnen und genug regulative Unterstützung bekommen. Welche das denn sein werden und wie die Mischung der verschiedenen Antriebsarten aussehen wird, ist schwierig zu prognostizieren. 

R. Stark: Ich lehne mich da etwas weiter aus dem Fenster: Meiner Meinung nach ist der Elektromotor für die nächsten Jahrzehnte gesetzt. Mit welchem Strom dieser jedoch angetrieben wird, muss sich noch zeigen. Sprich: Es könnten noch Batterien, Wasserstoff oder Verbrenner-Hybride oben ausschwingen. 

Unsere Art, ein Fahrzeug zu designen und produzieren zu lassen, ist in der Automobilbranche weltweit einmalig.

Auf Ihrer Website schreiben Sie «Apps are for phones. We want to drive». Verklären Elektroautos zuweilen das Fahrerlebnis?

T. Piëch: Das ist natürlich eine Frage des Geschmacks. In unserem Segment gibt es sicher Menschen, die gerne mit Alexa über das Wetter plaudern und auf einem überdimensionalen Display die Pizzerias in der Gegend erforschen. Es gibt aber auch Menschen, denen ein konzentriertes und puristisches Fahrerlebnis ohne Ablenkung wichtiger ist. So positionieren wir uns.

R. Stark: Der Claim richtet sich um Gottes Willen nicht gegen das Elektroauto per se – wir bauen ja eines – sondern eher gegen die unnötige Überdigitalisierung und das häufig überladene UI/UX-Design im Innenraum. Hier sind wir sehr viel minimalistischer unterwegs.

Inwiefern wird die Coronakrise die Mobilität nachhaltig verändern?

T. Piëch: Was Fernreisen angeht, dramatisch, aber das tangiert uns nicht wirklich. Im Bereich von individueller Mobilität in der Reichweite von Automobilen wird das Leben mit dem Virus den Bedarf eher erhöhen.

R. Stark: Wir konnten uns sehr schnell auf die neue Situation mit Corona einstellen, genauso schnell werden wir wohl wieder in alte Muster zurückfinden. Ich bin gespannt, ob durch Corona überhaupt eine langfristige Veränderung eintreten wird.   

Rea Stark Rajcic, Design wird häufig noch vor allem mit der Ästhetik verbunden. Was ist Ihre Auffassung davon als Creative Director?

R. Stark: Design zieht sich bei uns durch jeden einzelnen Aspekt in der Firma – im Engineering wohl am meisten – und hat viel mehr mit der Funktion an sich zu tun. Das, was landläufig als Design wahrgenommen wird, ist meist die ästhetische Anmutung des Aussendesigns. Das hat viel mehr mit dem Stil und Geschmack der Chefdesigner*innen zu tun. Bestenfalls folgt aber auch hier das Design zunächst der Funktion und richtet sich erst danach an die emotionalen Aspekte.  

Was ist konkret die innovative Disruption von Piëch Automotive und wie kamen Sie darauf?

T. Piëch: Die grösste Innovation ist die Anwendung des Asset-Light-Prinzips auf die Autoindustrie. Apple baut auch nicht seine eigene Hardware. Einfach gesagt, je mehr man über Partnerschaften arbeitet, desto flexibler bleibt die Firma.

R. Stark: Unsere Art, ein Fahrzeug zu designen und produzieren zu lassen, ist in der Automobilbranche weltweit einmalig. Wir haben es aber nicht von Beginn an so kreiert. Vielmehr ist es intuitiv entstanden als logische und zeitgemässe Art, wie Firmen aus anderen Branchen bereits agieren.

Wie erleben Sie die Zürcher Start-up-Szene?

T. Piëch: Ich hatte das Glück, viele Jahre in den USA und in China zu verbringen. Dagegen ist Zürich eher klein. Aber die Szene entwickelt sich weiter.

R. Stark: Die Szene in Zürich hat einen gewissen Charme und eine eigene, sehr ehrliche Identität – kaum vergleichbar mit Berlin oder dem Silicon Valley. Ich denke es werden zukünftig noch viele tolle Unternehmen ihren Ursprung in Zürich haben.

Was sind die Vorteile für Start-ups mit dem Standort Schweiz?

T. Piëch: Eigentlich sehr viele. Die Schweiz ist ein wunderbar definierter und kaufstarker Markt. Wirtschaftlich, regulativ und logistisch funktioniert die Schweiz super. Zudem liegt eine Expansion nach Europa vor der Tür. In der Schweiz braucht es einfach viel Mut, grosse Dinge zu wagen. Das liegt, denke ich, nicht wirklich in unserer Natur. Man muss sich also bereits am Anfang auf viele Zweifel gefasst machen.

Welches innovative Potenzial steckt in Start-ups?

T. Piëch: Bewiesenermassen sehr viel. Es gibt sehr viele Innovationen, die besser ausserhalb von grossen etablierten Strukturen funktionieren. Das haben auch die «Grossen» begriffen, und kaufen sich gerne interessante Start-ups mitsamt Technologie ein. Was wiederum für Gründer*innen als Exit attraktiv ist. Start-ups stärker zu fördern, wäre für den Innovationsstandort Schweiz eine sehr gute Sache.

R. Stark: In der Freiheit alles in Frage zu stellen und neu zu denken, steckt per Definition sehr viel Potenzial. Diese Tatsache sollte sich jedes Start-up zunutze machen.

Interview SMA Bilder Piëch Automotive AG

Entweder-oder:

Autobahn oder Landstrasse?
T. Piëch: Foifer und Weggli.
R. Stark: Landstrasse.

Leder- oder Stoffsitze?
T. Piëch: Leder; geht aber auch ohne Kuh.
R. Stark: Leder.

Glänzende oder matte Lackierung?
T. Piëch: Darüber scheiden sich bei uns in der Firma die Geister. Im Zweifel glänzend – ausser Rea hat eine bessere Idee. Die ist erfahrungsgemäss immer besser.
R. Stark: Matt.

Ausgefallene Farbe oder lieber schwarz?
T. Piëch: Neonpink – und deshalb habe ich da nichts zu sagen.
R. Stark: Schwarz. Autoradio oder Playlist? Beide: Playlist.

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