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Kultur Bildung

Könige geplagt von Wahnsinn und Unvernunft

22.02.2022
von Léa Stocky

Der Wahnsinn kann sich durch verschiedene Symptome bemerkbar machen. In Kombination mit Macht verleitete er manche Herrscher:innen zu schlimmen Gräueltaten. Bei anderen dagegen löste die fehlende Vernunft irrsinniges Verhalten aus. Die Geschichte bezeugt unzählige Beispiele von Reichen geführt von Wahnsinn. 

Herrscher:innen können nie wissen, welches Bild sie nach ihrem Tod hinterlassen werden. Bei manchen ist es leider ihre Verrücktheit, an die man sich auch Jahrhunderte später noch erinnert. Ob es Tatsachen sind oder nur übertriebene Verunglimpfungen – ihr extravagantes Verhalten ist der Grund, warum noch heute von ihnen gesprochen wird.

Nero, ein umstrittener Kaiser

Der Name Nero, ein römischer Kaiser, der von 54 bis 68 n. Chr. über Rom herrschte, wird oft mit dem grossen Brand in Verbindung gebracht, der die Hauptstadt des Reiches im Jahr 64 n. Chr. verwüstete. Lange Zeit wurde er gar verdächtigt, den Brand ausgelöst zu haben. Er beschuldigte die Christen, die später ihre erste Verfolgung erleben würden, und nutzte die Zeit, um den Wiederaufbau der Stadt zu organisieren, woraus unter anderem sein prächtiger Palast «Domus Aurea» entstand.

Überreste der Domus Aurea in Rom.

Überreste der Domus Aurea in Rom.

Diese Episode ist nicht die einzige, die uns überliefert ist. Die ersten Jahre von Nero als Kaiser waren eher friedlich. Da er sich für Poesie, Gesang und Zirkusspiele in Form von Pferderennen begeisterte, wurde seine Herrschaft vom Volk gut akzeptiert. Die Ereignisse beginnen sich zu überschlagen, als er eine Frau namens Poppea zur Geliebten nahm und 59 n. Chr. seine eigene Mutter, Agrippina die Jüngere, ermordete. Er befürchtete nämlich, dass diese ihn verdrängen wollte, obwohl sie alles dafür getan hatte, um ihren eigenen Sohn an die Spitze des Reiches zu setzen. 

Masslosigkeit, Ehrgeiz, Habgier und Brutalität: Der Kaiser vervielfachte seine Grausamkeiten laufend. So soll er beispielsweise Poppea in den Bauch getreten haben, als diese schwanger war. Einige Historiker:innen sind der Ansicht, dass ihr Tod kurz nach der Geburt auf die Komplikationen ihrer Schwangerschaft zurückzuführen ist. Nach und nach verschworen sich Gruppierungen gegen ihn. Der Philosoph Seneca wurde zum Beispiel gezwungen, Selbstmord zu begehen, da er beschuldigt wurde, zu den Verschwörern dazugehört zu haben. Als Nero schliesslich zum Staatsfeind erklärt wurde, bat er seinen Sekretär Epaphroditus, ihn zu töten. In diesem Moment soll er seinen berühmten Satz «Welch ein Künstler stirbt mit mir?» gesagt haben.

Seine Geschichte wird von antiken Historikern wie Sueton und Tacitus erzählt. Aus diesem Grund ist es wichtig, bei der Aufzählung all seiner Verfehlungen, die einige Historiker:innen heute in Frage stellen, Vorsicht walten zu lassen.

Ibrahim I., der extravagante Sultan

Ibrahim I. wurde 1615 geboren. Der Sultan des Osmanischen Reiches, der den Spitznamen Ibrahim der Verrückte trägt, gilt heute als labil, ehrgeizig und grausam. Er wuchs zunächst beengt auf, während sein Bruder Murad IV. den Thron besetzte. Dieser hatte nämlich mehrere seiner Brüder hinrichten lassen.

Die turbulente Regierungszeit von Ibrahim I. von 1640 bis 1648 war von Kriegen und Rebellionen im Osmanischen Reich geprägt. Da er stark von den Frauen seines Harems und seinen Ministern beeinflusst wurde – Verwandte, die er auf die wichtigsten Posten setzte –, galt er als exzentrisch und unberechenbar. Er soll ein zügelloses Sexualleben gehabt haben und sogar seine 280 Konkubinen ins Meer geworfen haben, weil seine Favoritin Gerüchte über Untreue verbreitet hatte. Im Jahr 1648 wurde er durch einen Aufstand abgesetzt und eine Woche später erdrosselt.

Karl II. von Spanien, ein Opfer der Fehler seiner Familie

Obwohl Karl II. 1665 im Alter von vier Jahren König von Spanien wurde, konnte er nie wirklich regieren: Zunächst übernahm seine Mutter für viele Jahre die Regentschaft, und später halfen ihm auch seine Minister. Der Grund dafür ist, dass der junge König gegen seinen Willen von vielen Problemen geplagt wurde. Seine Mutter Maria Anna von Österreich war nämlich niemand anderes als die Nichte seines Vaters Philipp IV.

Diese sowohl eheliche als auch familiäre Verbindung war nicht die einzige in der Familie. Der junge Karl war folglich das Ergebnis von Inzucht, die bei den Habsburgern in Spanien seit vielen Jahren üblich war. Infolgedessen litt Karl II. an mehreren genetischen Anomalien. Schon in seiner Kindheit schien er schwach und kränklich. Erst im Alter von vier Jahren begann er zu sprechen und mit acht Jahren zu laufen. Ausserdem litt er an epileptischen Anfällen. Nebst einer geistigen Behinderung wird ihm von Historiker:innen auch eine gewisse Hässlichkeit zugeschrieben. Karl II. heiratete zweimal, doch aus beiden Ehen gingen keine Kinder hervor. All seine Eigenheiten brachten ihm den Spitznamen «el Hechizado», der Verhexte, ein. Sein Tod im Jahr 1700 bedeutete das Ende der spanischen Habsburger-Dynastie, die das Land seit 1516 regierte.

Paul Deschanel, ein Präsident im Pyjama

Paul Deschanel wurde 1920 zum Präsidenten der Französischen Republik gewählt. Im selben Jahr zeigte er erste Symptome einer psychischen Störung. Da er sehr wahrscheinlich an Depressionen und Demenz erkrankte, verbrachte er einen Grossteil seiner Zeit im Élysée-Palast, geschützt vor den Blicken der Öffentlichkeit. Auch wenn seine Macht letztlich begrenzt war, verschlimmerte die Überanstrengung, die ihm sein Amt bescherte, seine Angstattacken und Schlaflosigkeit.

Paul Deschanel

Paul Deschanel

Es gibt Gerüchte, dass er imaginäre Gäste empfang oder sich selbst für einen Raben hielt. Er machte es sich auch zur Gewohnheit, Dekrete mit dem Namen Napoleon zu unterzeichnen. Die auffälligste Episode seines Wahnsinns, welche in die Schlagzeilen geriet, war ein Abenteuer, welches ihm in der Nacht vom 23. auf den 24. Mai 1920 auf einer Reise widerfuhr. In einem Nachtzug, der ihn nach Montbrison hätte bringen sollen, um dort eine Statue einzuweihen, fiel er aus dem Fenster des fahrenden Zuges. Kaum verletzt, lief er anschliessend im Pyjama und zu Fuss den Gleisen entlang, bevor er auf einen Arbeiter traf, der ihn zu einem Schrankenwärterposten brachte.

Es stellte sich heraus, dass der Präsident am Elpenor-Syndrom litt. Eine Störung, die zu räumlicher und zeitlicher Verwirrung und halbautomatischen Verhaltensweisen führen kann. Am nächsten Tag führte Paul Deschanel den Vorsitz im Ministerrat. Die Nachricht hatte sich jedoch bereits verbreitet und sogar Lieder griffen diese Episode auf. Sein Gesundheitszustand verbesserte sich nicht, sodass er im September 1920 nach sieben Monaten im Amt zurücktreten musste. Er starb zwei Jahre später.

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