Poesie
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Zur Feier des Welttages der Poesie

19.03.2021
von Vanessa Bulliard

Poesie ist allen ein Begriff. Doch was bedeutet dieses Wort genau und wieso gibt es sogar einen Welttag, an dem Poesie gefeiert wird?

Den Tag der Poesie, welcher ursprünglich von Matthyas Jenny in den 1970er-Jahren ins Leben gerufen wurde, hat die UNESCO im Jahr 2000 zum internationalen Welttag der Poesie ausgerufen. Dafür wurde der 21. März gewählt. Der Welttag möchte an den Stellenwert der Poesie, an die Vielfalt des Kulturguts Sprache und an die Bedeutung mündlicher Traditionen erinnern und sie allen Menschen nahebringen. Der Gedenktag will auch dazu beitragen, dem Bedeutungsverlust der Lyrik entgegenzuwirken. Ebenfalls soll der interkulturelle Austausch gefördert werden.

Was ist Poesie?

Der Begriff «Poesie» kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie «Erschaffen». Weiter bezieht sich der Begriff auf poetische Werke, seien es Theaterstücke oder Texte, wie zum Beispiel Gedichte. Alisha Stöcklin, Literaturwissenschaftlerin und Doktorandin am Zentrum für die Theorie und Geschichte des Bildes, meint: «Die Sprache des Gedichts ist in permanenter Entwicklung.» Die starreren Formen der Lyrik aus früheren Epochen werden heute gesprengt. Bis zur Zeit der Barockliteratur, also bis ins 18. Jahrhundert, war Poesie die strengste aller Gattungen, die eine hohe Beherrschung sprachlicher Regeln verlangte. Während sich diese Regeln im Verlaufe der letzten 300 Jahre zugunsten eines freieren, womöglich sogar des freiesten literarischen Ausdruckes überhaupt, gelockert haben, ist Sprachbeherrschung immer noch zentral. Die Zeit der literarischen Moderne ist dadurch gekennzeichnet, dass Gedichte die Sprache und ihre vermeintliche Verständlichkeit vermehrt in Frage stellen.

Der Begriff «Poesie» kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie «Erschaffen».

Die Wandlung der Poesie

Poesie ist, wie auch die Sprache selbst, dauerhaft im Wandel. Im Gedicht findet eine Auseinandersetzung mit der Kraft, Funktion und Möglichkeit der Sprache statt. Eine sehr starke Transformation vollzog sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Einerseits hat die ideologische Vereinnahmung der Sprache im Nationalsozialismus ihre Spuren hinterlassen, aber es hielt auch eine grundsätzlichere Skepsis Einzug, die sich auf den vorbehaltlosen Rückbezug und Anschluss an die Dichtungstradition und Philosophiegeschichte richtete. Der Wohlklang des Gedichts und die unverstellte Schönheit seines Ausdrucks ist dissonanteren Tönen gewichen. Man kann sagen, dass sich der Rätselcharakter des Gedichtes in der heutigen Zeit gesteigert hat. Weil sie ihren Gehalt nicht unmittelbar preisgeben, verlangen sie, dass sich das Gegenüber mit ihnen auseinandersetzt und sich auf einen Dialog mit ihnen einlässt.

Lyrik als Gedankenanstoss

Lyrik ist ein Wahrnehmungsinstrument: Präzise Weltwahrnehmung wird in Sprache übersetzt. Gedichte regen die Leserschaft zum Nachdenken an, in Bezug auf die Art und Weise, wie man in der Welt existiert. Lyrik schafft ein deutlicheres Bewusstsein von Alltäglichem, das in einem Gedicht von Selbstverständlichkeit befreit wird. «Sich über das Poetische Gedanken zu machen, heisst immer auch, über das Verhältnis von Gegebenem, wie beispielsweise der Natur und Geschaffenem, wie der Kultur, nachzudenken», so Elias Zimmermann, Dozent für neuere deutsche Literatur an der Universität Lausanne. Gedichte können zum Ausdruck der inneren Gefühlswelt von Dichter*innen werden.

Der Welttag der Poesie

Der UNESCO-Welttag der Poesie ist angelehnt an den Tag der Poesie, welchen Matthyas Jenny im Jahr 1979 initiiert hat, mit dem Gedanken, der Werbeflut etwas entgegenzustellen. Überall werden zu diesem Tag Gedichte in Umlauf gebracht. Das Ziel der Poesietage war und ist, Poesie auf die Strassen und unter die Leute zu bringen. Der Zugang zur Poesie soll niemandem versperrt sein. Im Jahr 2000 rief dann die UNESCO den Welttag der Poesie ins Leben mit ähnlichen Zielen. Mit ihm soll die Bedeutung der Lyrik unterstrichen und herausgestellt werden und Poesie als friedensstiftendes, immaterielles Kulturgut gefeiert und verbreitet werden. Der Erfinder des Tages der Poesie legte diesen jeweils auf den letzten Samstag im März, die UNESCO wählte schliesslich ebenfalls diesen Zeitraum und legte den Welttag der Poesie auf den 21. März.

Der Zugang zur Poesie soll niemandem versperrt sein.

Die verbindende Funktion der Lyrik

Poesie verbindet auf vielfältige Art und Weise. So ist der kulturelle Hintergrund unwichtig, denn es ist eine Art der Verständigung mit der Welt, welche für alle geschaffen ist. Sie kennt keine Nationalität oder Landesgrenzen. Auch stellt sie ein reiches Netz an Verbindungen auf der ganzen Welt dar, in dem Erfahrungen ausgetauscht werden. Durch den heutigen Stand der Technologie ist ein solcher Austausch einfacher und weitreichender. Ein Beispiel dafür stellt die 2019 erschienene Anthologie mit dem Titel «Grand Tour – Reisen durch die junge Lyrik Europas» dar, in welcher lyrische Werke von ganz Europa zusammengetragen und für die sich verschiedene Autor*innen auch gegenseitig übersetzten. Eine jüngst erschienene, Sammlung von über 500 Gedichten unter dem Titel «Frauen | Lyrik», herausgegeben von Anna Bers, präsentiert Lyrik von und über Frauen und versucht sich damit an einer Gegenkanonbildung.

Der Nutzen von Gedichten

Alisha Stöcklin meint: «Schreiben im Allgemeinen ist eine Möglichkeit der Selbstverständigung.» Beim Gedichteschreiben und -lesen wird die Einnahme unterschiedlicher Perspektiven angeregt. Insofern ist es nicht das Ziel, immer Antworten zu suchen, sondern neue Fragen zu finden. So fordern und unterstützen Gedichte anhaltende Neugier gegenüber der Welt und versetzen einen in Staunen angesichts der Faszinationskraft, auch über die kleinen Dinge dieser Welt.

Wer bei der Poesie-Hotline 061 721 02 05 anruft, bekommt jederzeit ein Gedicht ab Band zu hören.

«Sterne im März» von Ingeborg Bachmann

Noch ist die Aussaat weit. Auf treten
Vorfelder im Regen und Sterne im März.
In die Formel unfruchtbarer Gedanken
fügt sich das Universum nach dem Beispiel
des Lichts, das nicht an den Schnee rührt.

Unter dem Schnee wird auch Staub sein
und, was nicht zerfiel, des Staubes
spätere Nahrung. O Wind, der anhebt!
Wieder reißen Pflüge das Dunkel auf.
Die Tage wollen länger werden.

An langen Tagen sät man uns ungefragt
in jene krummen und geraden Linien,
und Sterne treten ab. Auf den Feldern
gedeihen oder verderben wir wahllos,
gefügig dem Regen und zuletzt auch dem Licht.

Text: Vanessa Bulliard

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