Interview von Linda Carstensen

Jörg Wild: «Die junge Generation macht mir Hoffnung»

Der CEO von Energie 360° setzt auf die junge Generation für das Netto-Null-Ziel.

100 Prozent erneuerbare Energie. Dieses Ziel will Energie 360° bis im Jahr 2040 erreichen. Jedoch fehlen in der Schweiz internationale Energieabkommen und Regelungen für den Import erneuerbarer Gase. Jörg Wild, der CEO von Energie 360°, hat dennoch Hoffnung. Er glaubt an die junge Generation und ist entschlossen, das Netto-Null-Ziel durchzusetzen.

Jörg Wild, welche Aufgaben Ihres Jobs als CEO von Energie 360° rauben Ihnen Energie und welche geben Ihnen Energie?

Es raubt mir manchmal Energie, wenn ineffiziente Prozesse pragmatische, zielführende Lösungen verhindern. Der Teamspirit in unserem Unternehmen hingegen gibt mir sehr viel Energie. Rund 400 Mitarbeitende an unseren Standorten in Zürich und Lausanne engagieren sich Tag für Tag für eine nachhaltige Energie- und Mobilitäts-Zukunft in der ganzen Schweiz. Gemeinsam verfolgen wir das Ziel, unseren Kundinnen und Kunden bis 2040 100 Prozent erneuerbare Energie anzubieten.

Welche Vorteile bietet der Energiestandort Schweiz?

Der Standort Schweiz bietet meiner Ansicht nach generell gute politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Das Bekenntnis von Politik und Bevölkerung zum Netto-Null-Ziel zeigt, dass der Wille zur Veränderung da ist. Dies wiederum ist eine sehr gute Voraussetzung für Innovationen. Und Innovationen sind ein entscheidender Erfolgsfaktor für die erfolgreiche Transformation des Energiesystems von fossil zu erneuerbar. Innovation ist beispielsweise auch bei Energie 360° in der gesamten Unternehmung fest verankert. Alle Bereiche sind laufend daran, Prozesse zu digitalisieren, neue Produkte zu entwickeln und entsprechende Dienstleistungen zu lancieren. Schliesslich möchte ich noch die hohe Versorgungsqualität in unserem Land betonen. 

Mit welchen Herausforderungen hat der Energiestandort Schweiz zu kämpfen?

Dies sind beispielsweise einerseits fehlende internationale Energieabkommen. Dieser Umstand fördert Unsicherheiten im Bereich der Versorgungssicherheit. Andererseits fehlen Regelungen für den Import von erneuerbaren Gasen. Die erneuerbaren Gase können einen wichtigen Beitrag zur Erreichung des Netto-Null-Ziels leisten.

Wie möchte Energie 360° diese bewältigen?

Betreffend der Herausforderung mit erneuerbaren Gasen: Der Anteil Biogas in der Schweizer Gasversorgung hat in den vergangenen Jahren sukzessive zugenommen. Energie 360° setzt sich ein für verbesserte Rahmenbedingungen für die inländische Biogasproduktion und die Anerkennung von importierten erneuerbaren Gasen aus dem Ausland. Generell richten wir bei Energie 360° den Fokus auf die Nutzung von lokal verfügbarer erneuerbarer Energie – sei dies Photovoltaik, Erdwärme, Nutzung von Seewasser, Abwärme von Industrieprozessen und Rechenzentren, Biogas oder lokales Holz. Dabei denken wir Energie dezentral, indem wir von einem Areal oder Quartier ausgehen und überlegen, wie die Energieversorgung erneuerbar ausgelegt werden kann. Und zwar gesamtheitlich: Wärme, Kälte, Strom, Elektromobilität. Und über alle Sektoren und Branchen – möglichst verknüpft sowie intelligent gesteuert. Energie 360° verfügt über ein kompetentes Team von Expertinnen und Experten mit breitem Fachwissen: vom Gasnetz über erneuerbares Gas zu Wärme- und Kältenetzen, von Photovoltaik über intelligente Gebäudesteuerungen bis zu Betrieb und Instandhaltung von Energiesystemen. Zudem treibt ein eigenes Team ausschliesslich die Elektromobilität voran. Eine weitere wichtige Aufgabe unseres Unternehmens ist die Transformation von Gemeinden von fossilen zu erneuerbaren Lösungen – nicht nur diejenigen, die wir bis anhin mit Gas versorgt haben – und dies schweizweit. 

Wie bewerten Sie die aktuelle Energiepolitik der Schweiz?

Die Rahmenbedingungen sind prinzipiell gut. Gegenwärtig legen uns Detailregulierungen aber nicht selten Steine in den Weg. Dadurch verlangsamt sich die Entwicklung und Umsetzung wichtiger Technologien und Innovationen im Energiebereich. Energie 360° setzt sich, wie vorhin angetönt, ein für die Verbesserung der Rahmenbedingungen.

Wie blicken Sie auf die Zukunft der Schweiz?

Ich bin grundsätzlich zuversichtlich. Die Schweiz ist gerade im internationalen Vergleich immer noch hervorragend aufgestellt. Etwas Sorgen bereitet mir, wenn die Politik Partikularinteressen vertritt, anstatt Lösungen zu entwickeln. Um das gemeinsame Ziel – die Energiewende – zu schaffen, müssen wir alle am gleichen Strang ziehen.

Wir haben uns zum Ziel gesetzt, bis 2040 die ­fossilen Energien voll­ständig zu ersetzen und zu 100 Prozent erneuerbare Energie zu liefern.Jörg Wild, CEO Energie 360°

Welche Entwicklungen lassen Ihre Hoffnung wachsen?

Hoffnung macht mir die junge Generation. Viele Junge engagieren sich in Energie- und Klimathemen und sind daran interessiert, das Energiesystem erneuerbar zu machen und etwas zu bewegen. Was wir tun: Energie 360° erhöht jedes Jahr den Anteil der erneuerbaren Energie am Energieportfolio. Unser Zwischenziel: Bis 2025 wird der Anteil der erneuerbaren Energie bei 30 Prozent liegen. In den letzten Jahren waren wir stets zielkonform auf diesem Pfad unterwegs. Und wir sind sehr zuversichtlich, dass uns das weiterhin gelingt.

Wie verändert die Digitalisierung die Energiebranche in der Schweiz?

Das Potenzial ist gross, insbesondere bei der Nutzung von Flexibilität und Einsatz von Speichern bei Endverbrauchern. Innovationen im Sektor Technologie, Digitalisierung und Steuerung bringen uns diesem Ziel schrittweise näher. Deshalb setzen wir bei Energie 360° sehr stark auf dieses anspruchsvolle Element und treiben es sowohl in verschiedenen Abteilungen sowie in unseren Beteiligungen und Tochterfirmen voran. Intern ist unser Innovationslabor «lab360» ist eines dieser Gefässe. Es hat den Auftrag, zukunftsfähige Geschäftsmodelle und Produkte früh zu identifizieren und so vorzubereiten, dass wir damit im Markt auftreten können. Unsere Tochterfirma Smart Energy Link (SEL) beispielsweise ist aus dem lab360 hervorgegangen. Sie macht für ganze Quartiere intelligente Steuerungen für Strom, Wärme, Kälte, Elektromobilität (Steuerung, Messung und Abrechnung für mehrere Gebäude). Dann verfügen wir über unseren Smart Energy Innovationsfonds, der in einer frühen Phase in Start-ups mit Technologien investiert, die wir als vielversprechend einschätzen. Wir geben diesen Start-ups eine direkte Verbindung in die Energiebranche und gewinnen unsererseits zeitig Einblick in sich abzeichnende neue Technologien.Gleichzeitig bremst und verhindert aber leider oft die fehlende Liberalisierung des Stromvertriebs die positive Entwicklung. 

Was ist Ihre persönliche Vision?

Mein Ziel ist es, den nächsten Generationen eine lebenswerte Welt zu hinterlassen.

Wie prägt diese die Strategie von Energie 360°?

Wie eingangs erwähnt: Wir haben uns – als grösster Gasversorger der Schweiz – zum Ziel gesetzt, bis 2040 die fossilen Energien vollständig zu ersetzen und zu 100 Prozent erneuerbare Energie zu liefern. Ich denke, der Energiemarkt wird sich im Jahr 2040 verändert zeigen. Wir haben grosse und kleine Akteure in einem integrierten, sektorübergreifenden Energiemarkt. Der Energiehandel ist intelligent, plattformbasiert und offen. Auf den Strassen dominieren elektrisch betriebene Fahrzeuge, die auch als Speicher fungieren, Stichwort: Bidirektionales Laden. Thermische Netze und Fernwärme werden in dicht besiedelten Regionen und urbanen Räumen stark ausgebaut sein. Sowohl auf Dächern als auch an Fassaden oder Freiflächen wird es Solaranlagen geben. Diese Photovoltaik-Anlagen sind, zusammen mit thermischen Netzen, zentrale Bausteine unserer Energiewende. Energie 360° wird in der Schweiz eine grosse Zahl von Kundinnen und Kunden mit erneuerbaren Energie- und Mobilitätslösungen bedienen und nach wie vor Schrittmacherin für die Energiezukunft sein.

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Jörg Wild

Jörg Wild ist seit März 2017 CEO von Energie 360°. Er ist Verwaltungsratspräsident und -mitglied verschiedener Unternehmen in der Energiebranche. Zuvor war er während zehn Jahren Geschäftsführer der Elektrizitätswerk Altdorf AG (heute: EWA – Energie Uri), einem vertikal integrierten Stromversorger und Energiedienstleister. Vor dem Einstieg bei EWA baute er bei der Unternehmensberatung Plaut Economics die Energie-Practice auf und leitete Projekte für grosse Strom- und Gasversorger in der Schweiz, Österreich und Deutschland. Der Ökonom verfasste seine Dissertation zur Liberalisierung des Strommarkts.

 

Energie 360°

Energie 360° macht nachhaltige Energie in der ganzen Schweiz nutzbar. Rund 400 Mitarbeitende engagieren sich gemeinsam mit Kund:innen, Partnern und Gemeinden für erneuerbare Energie und ökologische Mobilität. Das Unternehmen mit Sitz in Zürich und Lausanne plant, baut und betreibt Energielösungen, investiert in Elektroladestationen und ist führend bei Biogas, Solaranlagen und Holzpellets. So leistet Energie 360° Tag für Tag einen Beitrag zur Umsetzung des Netto-Null-Ziels – hier und jetzt für die kommenden Genera

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06.04.2024
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