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Energie

Resilienz beginnt vor dem Stromausfall

04.07.2026
von Walter Nogueira

Je stärker Wirtschaft, Mobilität, Gebäude und Industrie elektrifiziert werden, desto weniger ist Energieversorgung eine reine Hintergrundfunktion. Für Unternehmen, öffentliche Einrichtungen und kritische Infrastrukturen wird sie zur Frage der Betriebsfähigkeit: Wer nicht unterbrechen darf, muss Energie systematisch absichern.

In Spitälern, Rechenzentren, Industrieanlagen oder Flughäfen entscheidet Strom nicht nur über Komfort, sondern über Sicherheit, Datenverfügbarkeit und laufende Prozesse. Die Internationale Energieagentur hielt für 2024 einen deutlichen Anstieg der weltweiten Stromnachfrage fest. Auch in der Schweiz steigt die Bedeutung des Stromsystems, da Wärmepumpen, Elektromobilität und grössere Rechenzentren neue Lasten erzeugen. Die Energieperspektiven 2050+ zeigen, wie eng Dekarbonisierung und Elektrifizierung zusammenhängen. Versorgungssicherheit endet damit nicht an der Netzgrenze. Sie setzt sich in Gebäuden, Anlagen und Betriebsprozessen fort.

Was kritisch ist, entscheidet der Ausfall

Kritische Infrastrukturen werden oft mit nationalen Stromnetzen, Telekommunikation oder Verkehrssystemen verbunden. Tatsächlich ist Kritikalität relativ. Eine Trafostation im Verteilnetz kann für eine Gemeinde entscheidend sein, während ein Steuerungssystem im Übertragungsnetz es für das ganze Land ist. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz zählt Energie, Verkehr, Gesundheit, öffentliche Verwaltung und Kommunikation zu den kritischen Infrastrukturen. Diese Bereiche sind von zentraler Bedeutung für das Funktionieren von Wirtschaft und Gesellschaft. Entsprechend geht es nicht darum, jedes Risiko vollständig auszuschliessen, sondern Systeme so zu planen, dass Ausfälle möglichst verhindert, ihre Folgen begrenzt und der Betrieb rasch wiederhergestellt werden kann.

Für Unternehmen gilt dasselbe Prinzip im kleineren Mass. Eine Produktionsunterbrechung, ein stillstehender Lift oder ein nicht verfügbarer Serverraum sind nicht immer eine nationale Krise. Betriebswirtschaftlich oder sicherheitstechnisch kann der Schaden dennoch erheblich sein. Resilienz verschiebt den Blick von der Frage, ob eine Anlage funktioniert, hin zur Frage, wie sie unter Stress reagiert.

Vom Notstrom zur Systemarchitektur

Lange wurde Ausfallsicherheit vor allem über Notstrom verstanden: Fällt das Netz aus, springt eine Ersatzquelle ein. Dieses Bild greift heute zu kurz. In der Praxis entsteht Versorgungssicherheit aus mehreren Ebenen. USV-Anlagen überbrücken Sekunden und Minuten, stabilisieren Spannung und schützen sensible Systeme vor Unterbrüchen. Netzersatzanlagen sichern längere Autonomiezeiten. Batteriespeicher können Lastspitzen abfangen, lokale Energie zwischenspeichern und gemeinsam mit Photovoltaik und anderen Erzeugern Teil eines Microgrids werden.

Resilienz entsteht nicht durch möglichst viel Technik, sondern durch Planung, die technische, organisatorische und wirtschaftliche Anforderungen verbindet.

Ein Microgrid verbindet Lasten, Speicher und lokale Erzeugung zu einer steuerbaren Einheit, die sich mit dem Netz austauschen und im Störfall teilweise eigenständig weiterlaufen kann. Die Anlage wird damit nicht erst im Notfall relevant, sondern ist Teil des laufenden Energiemanagements. Lastmanagement priorisiert Verbraucher, Monitoring erkennt Abweichungen frühzeitig, Wartung stellt sicher, dass Batterien, Schaltanlagen, Kühlung und Steuerung auch im Ernstfall funktionieren.

Warum Standardlösungen nicht reichen

Ausfallsicherheit lässt sich nicht sinnvoll von der Stange planen. Ein Spital benötigt andere Prioritäten als ein Tunnel, ein Flughafen andere Redundanzen als ein Industriebetrieb, ein Rechenzentrum andere Anforderungen an Kühlung, USV-Ketten und Wiederanlaufprozesse als ein Verwaltungsgebäude. Entscheidend sind Lastprofile, Autonomiezeiten, Sicherheitsanforderungen, Brandschutz, Schnittstellen zur Gebäudeautomation und die Frage, welche Prozesse zwingend weiterlaufen müssen.

Gerade die Elektrifizierung erhöht diese Komplexität. Heizung, Mobilität, Produktion, IT und Gebäudetechnik hängen stärker am Strom und erzeugen neue Abhängigkeiten zwischen Systemen, die früher getrennt betrachtet wurden. Die Internationale Energieagentur betont deshalb die wachsende Bedeutung von Flexibilität im Stromsystem. Resilienz entsteht nicht durch möglichst viel Technik, sondern durch Planung, die technische, organisatorische und wirtschaftliche Anforderungen verbindet.

Betriebssicherheit ist ein Prozess

Auch die beste Ersatzstromanlage verliert ihren Wert, wenn sie nicht getestet, gewartet und in die Betriebsführung eingebunden wird. Resiliente Energieinfrastruktur braucht klare Verantwortlichkeiten: Wer entscheidet im Ereignisfall über Lastabwurf? Welche Systeme haben Vorrang? Wie lange muss ein Standort autonom bleiben können? Wann wird auf Netzersatzbetrieb umgeschaltet?

Hier zeigt sich, weshalb Resilienz eine gemeinsame Aufgabe ist. Technologieanbieter liefern Systeme, doch ihre Wirkung entsteht erst im Zusammenspiel mit Energieversorgern, Elektroplanenden, Gebäudetechnik, Facility-Management, Sicherheitsverantwortlichen und Infrastrukturbetreibenden. Auch Industriepartner müssen früh eingebunden werden, damit Schnittstellen, Schutzkonzepte und Wartungsfenster nicht erst nachträglich angepasst werden. Besonders in Rechenzentren zeigen aktuelle Ausfallanalysen, dass technische Architektur, Betriebskultur und externe Risiken gemeinsam betrachtet werden müssen.

Resilienz als Teil der Energiezukunft

Die Energiezukunft wird häufig über erneuerbare Produktion, Netzausbau und Effizienz diskutiert. Diese Perspektive bleibt wichtig, ist aber unvollständig. Die Schweiz arbeitet mit Blick auf die Stromversorgungssicherheit an einer stabilen Systemgrundlage, während Netzbetreiber wie Swissgrid die langfristige Netzentwicklung über das Strategische Netz 2040 planen. Für einzelne Standorte reicht dieser Blick jedoch nicht aus. Geklärt werden muss, welche Funktionen unverzichtbar sind und wie diese auch bei Störungen geschützt werden.

Quellen:
https://www.iea.org/reports/global-energy-review-2025
https://www.bfe.admin.ch/bfe/de/home/politik/energieperspektiven-2050-plus.html
https://www.babs.admin.ch/de/die-kritischen-infrastrukturen
https://www.energy.gov/cmei/articles/success-story-new-tool-connects-multiple-microgrids-increase-community-resilience
https://www.swissgrid.ch/de/home/newsroom/newsfeed/20250430-01.html
https://www.bfe.admin.ch/bfe/de/home/versorgung/stromversorgung/stromversorgungssicherheit.html
https://uptimeinstitute.com/resources/research-and-reports/annual-outage-analysis-2025
https://www.iea.org/reports/electricity-2026/flexibility 

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