Interview von SMA

Thomas Paroubek: «Die grünste Energie ist die, die man nicht verbraucht»

In den Bereichen Nachhaltigkeit und Sicherheit hat Thomas Paroubek beim Technologieunternehmen ABB Schweiz AG den Hut auf. Verantwortlich ist er dafür, die strategische Nachhaltigkeit intern weiterzuentwickeln und den Fokus auf CO2-Reduktion und Dekarbonisierung zu legen. Als zentral erachtet er hierbei die Optimierung der Energieeffizienz von den Lieferanten bis zur Kundschaft.

Herr Paroubek, Netto-Null bis 2050 zu erreichen, ist ein hochkomplexes Unterfangen für die Schweizer Gesellschaft. Welche ersten Schritte sollten Unternehmen gehen, um ihren Beitrag zu leisten?

Wichtig ist, die gesamte Organisation einzubinden, vom Top-Management bis in die Produktion. Die Orientierung an Netto-Null darf nicht nur ein Ziel der Nachhaltigkeitsabteilung sein. Wir als ABB haben eine Nachhaltigkeitsgovernance und Kompensationsmodelle, die an Nachhaltigkeitsleistung geknüpft sind, also an die Klimaperformance. Das ist ein grosser Hebel. 

Dann ist es entscheidend, die Scopes zu messen. Scope 1 ist das CO2, das wir direkt emittieren. Scope 2 sind die Emissionen, die bei der Herstellung der Energie entstehen, die wir selbst verbrauchen. Der grösste Teil bei ABB ist Scope 3. Das sind indirekte Emissionen, die schwieriger zu messen sind, da sie bei Lieferfirmen und den Kunden anfallen.

Haben Sie ein Beispiel für die Scope-3-Messungen?

Scope 3 umfasst zunächst den Bereich der Lieferfirmen, von denen wir wissen müssen, zu welchen CO2-Ausstössen es kommt, bevor das Produkt überhaupt bei uns ist. Bei der Messung nutzen wir je nach Verfügbarkeit Lieferantendaten, Materialkennwerte oder Einkaufswerte als Grundlage und verfeinern die Berechnung schrittweise. Die grösste Herausforderung sind die kundenseitigen Emissionen, also jene, die bei der Nutzung unserer verkauften Produkte anfallen. Sie machen rund 97 Prozent unserer Scope-3-Emissionen aus. Wir berechnen sie nach einem international anerkannten Standard, indem wir den Energieverbrauch unserer Produkte über ihre Laufzeit und Lebensdauer abschätzen und mit Emissionsfaktoren wie dem regionalen Strommix in CO2 umrechnen. Je grüner oder erneuerbarer der genutzte Strom ist, den die Kunden einsetzen können, desto tiefer sind auch unsere Scope-3-Emissionen.

Gibt es neben den Messungen weitere Instrumente, um Netto-Null zu erreichen?

Ja, es gilt, sich selbst Ziele zu setzen und diese laufend zu überprüfen. Schliesslich müssen Firmen wissen, worauf sie hinarbeiten und wo sie bei der Zielerreichung stehen.

Aber am besten beginnt man einfach mit den Quick Wins, startet also schnellstmöglich mit Energieeffizienzprojekten, um den Energieverbrauch zu senken. Denn die grünste Energie ist die, die gar nicht erst verbraucht wird – und sie ist auch die günstigste. Für solche Energieeffizienzprojekte haben wir bei ABB Schweiz einen Fonds eingerichtet. Zusammen mit Rückerstattungen aus der Schweizer CO2-Abgabe werden so Projekte gefördert, die sich erst über einen längeren Zeitraum amortisieren.

Haben Sie ein Beispiel für ein Projekt, das Sie auf diese Weise gefördert haben?

Wir sind etwa bei 100 Projekten, die wir mit dem Fonds bereits unterstützt haben. Das geht von kleineren Projekten, wie der Umstellung eines Beleuchtungssystems auf LED oder der Einführung eines Gebäudemanagementsystems, das die Energieeffizienz stark erhöht, bis hin zum Austausch einer gesamten Stromanlage. Konkret haben wir im letzten Jahr eine rund 105 Jahre alte elektrotechnische Testanlage ersetzt. Weil die Anlage längst abgeschrieben war, belief sich der Payback auf mehr als zehn Jahre. Mit dem Fonds konnten wir die Amortisationszeit auf rund vier Jahre reduzieren und das Projekt realisieren. 

Ich denke, jede Firma muss ihre Hausaufgaben machen und die gesamte Wertschöpfungskette im Blick behalten. Alle Unternehmen als Gesamtheit schaffen Netto-Null nur in der Kollaboration.– Thomas Paroubek,
Head Sustainability, Security & Safety bei ABB

Mit diesen Projekten haben wir direkten Einfluss auf die Emissionen, die wir selbst erzeugen. Sie sind ein wichtiger Beitrag zu ABBs Mission-to-Zero-Initiative, die zum Ziel hat, unsere eigenen Standorte nachhaltig und ressourceneffizient zu betreiben. Doch das genügt nicht, um das eigene Netto-Null-Ziel bis 2050 zu erreichen. Erfolgreich ist man nur durch Kooperation, vor allem mit unseren Kunden.

Warum legen Sie so viel Wert auf die Emissionen der Kunden?

Wie gesagt, liegt der kleinste Teil der Emissionen bei uns. Der grösste Teil entsteht, wenn unsere Produkte im Einsatz sind. Das heisst, dass wir stets an Innovationen arbeiten, um unseren Kunden Lösungen anzubieten, die ihnen dabei helfen, noch produktiver und energieeffizienter zu sein. Somit geht deren Energiebedarf zurück – und unsere Scope-3-Emissionen. 

Ich denke, jede Firma muss ihre Hausaufgaben machen und die gesamte Wertschöpfungskette im Blick behalten. Alle Unternehmen als Gesamtheit schaffen Netto-Null nur in der Kollaboration.

Wie kann eine solche Zusammenarbeit konkret aussehen?

Es braucht Austauschplattformen, auf denen man unabhängig von der eigenen Firma Erfahrungen teilt, voneinander lernt und gemeinsam Projekte anstösst. Schlussendlich ist die Industrie für 25 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Ein gutes Beispiel ist unsere Kooperation mit dem Cern. Gemeinsam haben wir ein Energieeffizienz-Audit bei Motoren für Kühlung und Lüftung durchgeführt und ein Sparpotenzial von 17,4 Prozent ermittelt. Das entspricht dem Verbrauch von über 18 000 europäischen Haushalten. Damit haben wir das ursprüngliche Ziel des Cern sogar übertroffen. Die Investition in die Modernisierung der Motoren amortisiert sich voraussichtlich in weniger als zwei Jahren. Entscheidend ist: ABB und Cern veröffentlichen die Erkenntnisse, um sie für andere Grossanlagen in Wissenschaft und Industrie zugänglich zu machen. Das zeigt: Kein Unternehmen schafft die Dekarbonisierung allein. Wenn wir Erkenntnisse teilen, profitieren alle und die Wirkung vervielfacht sich.

Welche Innovationen betrachten Sie vor dem Hintergrund der aktuellen klimatischen und gesellschaftlichen Bedingungen als besonders zukunftsweisend?

Man sollte nicht zu weit in die Zukunft hoffen, dass etwas kommt – eine mirakulöse Maschine, die dann alles CO2 zunichtemacht –, sondern jetzt handeln.

Das Wichtigste ist jetzt, die bereits existierende Technologie weltweit flächendeckend einzusetzen. Wenn das gelingt, liessen sich schon mehr als elf Prozent des globalen Strombedarfs sparen. Das ist der Ansatz, bei dem wir unsere Kundschaft mitnehmen möchten.

Ausserdem besteht ein grosses Potenzial darin, fossile Prozesse zu elektrifizieren. Da gibt es etliche Beispiele bei der Bahn, beim Bus, aber auch bei Minenfahrzeugen, die aktuell noch mit fossiler Energie betrieben werden, obwohl es die Technologie für einen Elektroantrieb bereits gibt. ABB kann aufzeigen, dass sich die Elektrifizierung nachweislich wirtschaftlich lohnt.

Wie gehen Sie mit schwankenden Energiepreisen um?

Bei ABB kaufen wir weltweit zu 98 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien ein, in der Schweiz sind es 100 Prozent. Als ABB Schweiz kumulieren wir den Energiebedarf aller unserer Fabriken der Schweiz und können so bereits über die nächsten zwei bis drei Jahre Strompreise fixieren, weil wir schon wissen, wie unser Lastbild aussieht. Wenn wir alle Fabriken zusammennehmen, können wir einen grösseren Teil zu festen Preisen beziehen und müssen nur einen kleineren Teil auf dem volatilen Strommarkt einkaufen, was sich positiv auf die Kostenplanungssicherheit auswirkt.

Natürlich bietet sich auch die Eigenproduktion an, also selbst Strom herzustellen, sei es mit Solar- oder mit Windenergie. Wir setzen auf Solar und haben PV-Anlagen auf unseren Dächern angebracht, um noch unabhängiger von den Schwankungen zu werden. 

Welchen Einfluss hat die Annäherung an eine Kreislaufwirtschaft auf die Energieverbräuche und Treibhausgasemissionen von Industriebetrieben?

Die Entwicklung unserer Produkte nach den Grundsätzen der Kreislaufwirtschaft optimiert und verlängert die Lebensdauer von Kundenlösungen, die ABB-Produkte integrieren. Unsere Lösungen sind so konzipiert, dass sie langlebig, material- und energieeffizient im Betrieb sind sowie wiederverwendet, repariert und recycelt werden können. So reduziert unser zirkulärer Ansatz die Emissionen gleich mehrfach. 

Haben Sie ein Best-Practice-Beispiel für Kreislaufwirtschaft?

Unser Ansatz ist auf alle Phasen des Produktlebenszyklus abgestimmt. Von der Konstruktion und Beschaffung über die Produktfertigung bis hin zur optimierten Nutzungsphase und dem verantwortungsvollen Ende der Nutzungsdauer. Letzteres erklärt sich am besten durch unsere Take-back-Aktion, bei der wir Motoren zurücknehmen, egal welcher Bauart und welches Herstellers. Diese recyceln wir zusammen mit einem professionellen Partner. So können sehr viel Kupfer, Stahl, seltene Erden et cetera zurückgewonnen werden und das ist natürlich ressourcenschonend und entscheidend für die weitere Produktion von neuen, hocheffizienten Motoren. Für uns ist es elementar, hier Erfahrungen zu sammeln und das Konzept auf andere Produktgruppen auszubauen.

Wenn man gute Nachhaltigkeitsprojekte umsetzt, zeigt sich dies bei allen auch im Geldbeutel.– Thomas Paroubek,
Head Sustainability, Security & Safety bei ABB

Ist das wirtschaftlich möglich oder eher ein Zuschussgeschäft?

Für uns rechnet sich das, auch für unsere Kunden. Aber es ist vor allem eine konsequente Umsetzung unseres zirkulären Ansatzes. Wir sehen die Kreislaufwirtschaft als Chance, neue Partnerschaften und Geschäftsmodelle zu entwickeln und gemeinsam mit Partnern die natürlichen Ressourcen in unserer Wertschöpfungskette zu schonen. Hinzu kommt: Immer mehr Kundinnen und Kunden fordern von uns oder unserer Konkurrenz nachhaltige Lösungen. Die Schweiz steht für Innovation, Automatisierung und Nachhaltigkeit. Es ist massgeblich, dass man in diesen Themen weitergeht und neue Technologien und Lösungen mitentwickelt. Wenn man gute Nachhaltigkeitsprojekte umsetzt, zeigt sich dies bei allen auch im Geldbeutel. Also: Good for the pocket, good for the planet.

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04.07.2026
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