«Ich bin Mutter, aber auch eine Person mit eigenen Träumen, die ich verwirklichen möchte.»
Unter den zahlreichen Handtaschenlabels findet man Christina Stahls Laptoptaschen für Frauen von ihrer Marke «Alemi». Was aus einem persönlichen Bedürfnis heraus entstanden ist, wird heute international verkauft. Im Interview erzählt die Unternehmerin, warum die Selbstständigkeit nicht für alle geeignet ist und wie sich ihr Beruf mit dem Familienleben vereinbaren lässt.

Christina Stahl
Unternehmerin und Mutter
Frau Stahl, Sie haben 2020 während der Coronap-Pandemie Ihr Taschenlabel «Alemi» gegründet und den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Wie viel Mut brauchte dieser Schritt?
Um ehrlich zu sein nicht so viel, denn ich bin nicht komplett selbstständig geworden. Damals habe ich parallel meinen PhD geschrieben und war in der Unternehmensberatung tätig. Wäre «Alemi» nicht erfolgreich gewesen, hätte ich noch ein Sicherheitsnetz gehabt. Deshalb ging ich mit wenig Druck in die Selbstständigkeit. Aus diesem Grund konnte die Marke auch so gut starten, da sie mit einer gewissen Leichtigkeit beginnen konnte.
Haben Sie den Schritt, eine Marke zu gründen und in die Selbstständigkeit zu gehen, nie bereut?
Es gibt Menschen, die alles zehnmal überdenken, und solche, die direkt ins kalte Wasser springen. Ich gehöre zu Letzteren und tue das mit einer gewissen Naivität. Ich habe sehr schnell an Fahrt aufgenommen und mich erst später gefragt, wo eigentlich die Bremse ist. Doch wer eine Idee hat, sollte versuchen, sie unabhängig von den Konsequenzen umzusetzen. Dafür braucht es eine gewisse Naivität.
Etwas Ähnliches habe ich über das Kinderkriegen gehört. Wüsste man vorher um die Schmerzen und die anstrengenden Nächte, würde man es sich genauer überlegen. Mit der Zeit wächst man jedoch mit den Herausforderungen, die sich einem stellen. Ich weiss jedoch nicht, ob ich mich noch einmal für die Selbstständigkeit entscheiden würde, hätte ich damals schon das Wissen von heute gehabt. Denn die Höhen sind höher und die Tiefen sind tiefer.
Eine Herausforderung bei Ihrer Marke war der Name. Bis vor einem Jahr hiess Ihr Taschenlabel noch «Ameli». Diesen mussten Sie aus rechtlichen Gründen ändern. Erzählen Sie mir vom «Rebranding».
Wir haben die Marke nicht auf klassische Weise mit einer Vision und einem Businessplan gestartet. Bei der Gründung hatten wir «Ameli» international nicht vernünftig angemeldet. Nach ein paar Jahren wollten wir dies nachholen, da wir zu diesem Zeitpunkt bereits in 60 Länder verkauft hatten. Doch eine andere Marke hatte den Namen bereits schützen lassen. Bevor diese Marke uns verklagte – zum Glück war das noch nicht der Fall (lacht) – entschieden wir uns für einen neuen Namen. Für diesen bin ich dankbar. Zuvor hatte ich ständig Angst, dass jemand am nächsten Tag unsere Taschen mit unserem Logo verkauft und wir nichts dagegen tun können.
Gibt es etwas, das Sie aus dem Prozess der Namensänderung von «Alemi» persönlich mitnehmen?
Was mich antreibt, ist immer wieder zu lernen, und durch ein «Rebranding» lernt man sehr viel (lacht). Ich konnte neudenken und neue Ideen sammeln. Wir haben das «Rebranding» transparent kommuniziert, was auch unsere Werte widerspiegelt. Unsere Kundinnen blieben uns treu, egal ob «Ameli» oder «Alemi». Das war für mich eine schöne Bestätigung.
Taschenbrands gibt es bereits viele und doch haben Sie mit Ihren «Alemi»-Taschen einen Platz im Markt gefunden und sind ein spezifisches Problem angegangen. Wie haben Sie Ihren eigenen Weg im Taschenmarkt gefunden?
Am Anfang bin ich stark von meinen Bedürfnissen ausgegangen. Ich war als Frau in der Arbeitswelt viel unterwegs, doch es gab keine vernünftigen Laptoptaschen für Frauen. Nicht einmal Breuninger hatte eine Sektion für Laptoptaschen für Frauen. Dabei ist fast die Hälfte der Personen in den Büros weiblich. Wieso also gab es keine Laptoptaschen für Frauen? Wir haben uns darauf konzentriert, was ich brauche und haben ein schönes sowie funktionales Produkt entwickelt. Dass wir so eine Nische besetzt haben, die es damals noch nicht gab, hat uns stark gemacht. Wir haben die Frustration der Frauen gespürt und sind darauf eingegangen. Unser Ansatz ist: Was brauchen unsere Kundinnen? Dafür entwickeln wir.
Haben Sie das Gefühl, dass mit Ihrem aktuellen Angebot an «Alemi»-Taschen das Bedürfnis nach Laptoptaschen für Frauen gestillt ist oder braucht es mehr?
Nein, es ist noch nicht gestillt. Wir konnten aber bereits einen Grossteil abdecken und versuchen weiter, innerhalb der Nische unser Sortiment auszuweiten. Anfang Mai haben wir eine Tasche für berufstätige Mütter herausgebracht. Diese können sie als Laptoptasche nutzen, aber auch die Wickelsachen darin verstauen.
Der Arbeitsmarkt hat sich seit unserer Gründung stark verändert. Als ich damals als Beraterin tätig war, konnte ich nicht mit Sneakern zur Arbeit gehen. Heute ist das möglich. Die Arbeitswelt ist entspannter. Auch bei unseren Produkten merke ich, dass inzwischen Taschen, die auch in der Freizeit getragen werden können, besser performen.
Sie haben es bereits kurz angeschnitten. Ihre neue Tasche soll Working Moms ansprechen. Sie selbst zählen auch dazu und sind frischgebackene Mutter. Wie bringen Sie die Selbstständigkeit und das Muttersein unter einen Hut?
Bei einem Event hat eine dreifache Mutter gesagt: «Du kannst alles haben, nur nicht zur selben Zeit.» Wenn man selbstständig ist, verschwimmen die Grenzen von Freizeit und Arbeitszeit, aber man ist flexibel. Es gab schon Meetings, bei denen ich das Baby gestillt habe, oder Zeitungsinterviews, bei denen ich mit dem Kinderwagen spazieren ging. Dinge, die weder «Alemi» noch dem Kind etwas nützen, lagere ich aus. Dreimal wöchentlich kommt eine Nanny, die uns auch im Haushalt unterstützt, und wir haben eine Putzkraftfrau. So kann ich meine Zeit zu Hause tatsächlich mit dem Kind verbringen. Es ist nicht immer optimal und ich kann nicht wie früher 150 Prozent geben. Ohne Kompromisse ist es nicht möglich. Bisher klappt es ganz gut, aber toi, toi, toi, das kann sich auch noch ändern (lacht).
Lassen sich diese Kompromisse mit Ihrem Gewissen vereinbaren, sodass Sie sagen, man kann selbstständig und Mutter sein?
Absolut. Jedoch muss das jede Frau für sich selbst entscheiden. Meine Eltern waren auch selbstständig und waren ein gutes Vorbild dafür, wie man Selbstständigkeit und Familie miteinander vereint. Meine Mutter hat zwar viel gearbeitet, war aber immer für mich da. Das möchte ich auch meiner Tochter vorleben. Ich kann meine eigenen Träume verwirklichen und dennoch für sie da sein. Ich möchte nicht in zehn Jahren meiner Tochter indirekt vorwerfen, dass ich wegen ihr meine Karriere nicht durchgezogen habe. Ich bin Mutter, aber auch eine Person mit eigenen Träumen, die ich verwirklichen möchte. Es ist nicht leicht und doch ist es wichtig, dass man es auf jeden Fall versucht.
Gibt es ein Know-how, das Sie als Unternehmerin auch als Mutter benutzen können und auch umgekehrt?
Vieles ist nicht planbar. Das gilt für das Kind wie auch für die Firma. Ich habe eine gewisse Resilienz und Gelassenheit entwickelt. Inzwischen kann ich extrem gut mit Chaos umgehen. Diese Problemlösungskompetenz lässt sich sowohl beim schreienden Baby als auch bei Problemen in der Firma anwenden.
Das Mindset ändert sich mit dem Muttersein in gewissen Bereichen. Gibt es eine unternehmerische Entscheidung bei «Alemi», die Sie heute mit dem Wissen einer Mutter anders treffen würden?
Da wir keine Investoren haben, denke ich nicht. Ich hatte immer die Möglichkeit, meine Marke auf meinen Werten aufzubauen. Ich möchte mit Integrität handeln. Bei der Gründung hatte ich enorm viel Energie und Zeit, die ich in die Firma gesteckt habe. Das würde ich wieder so tun. Jetzt habe ich definitiv weniger Zeit, aber genau das macht mich sehr viel effizienter und ich lerne, anders zu priorisieren.
Sie organisieren auch Events für andere Mütter im Businessbereich. Aus welchem Wunsch heraus ist diese Idee entstanden?
Aus Markenperspektive möchte ich mit «Alemi» etwas etablieren, das über Handtaschen hinausgeht. Unsere Kundinnen können die Welt verbessern. Dementsprechend finde ich es wichtig, Frauen zusammenzubringen. Wir haben einen Event für berufstätige Mütter erschaffen oder auch einen «Founder-Circle» ins Leben gerufen für den Austausch unter Gründerinnen. Ich möchte die Grösse unserer Marke als Plattform für die Vernetzung von Frauen nutzen.
Aus egoistischer, persönlicher Perspektive habe ich mich alleine gefühlt (lacht). Ich wollte mehr Frauen kennenlernen, die auch berufstätige Mütter sind. Eigentlich ändert sich dadurch an der eigenen Situation nichts, aber es gibt einem das Gefühl von Solidarität.
Haben Sie schon Rückmeldungen von teilnehmenden Frauen erhalten?
Die erste Rückmeldung war unsere kaum vorhandene «No-Show-Rate». Es sind viel mehr Frauen gekommen, als wir gedacht haben. Danach hatte ich viele Nachrichten auf WhatsApp oder LinkedIn von Frauen, die schrieben: «Es hat mir sehr geholfen. Lass uns noch einmal separat treffen.» Ich glaube daher, dass dieser Austausch vielen Frauen Gutes getan hat.
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