Der Standort Zürich ist für Google zu einer der grössten Forschungs- und Entwicklungsstätten weltweit geworden. Christine Antlanger-Winter steht dabei als Country Director an der Führungsspitze. Welche Rolle für sie Diversität spielt und wie die Upskilling-Strategie von Google aussieht, um mit den rasanten Veränderungen der heutigen Tech-Welt mitzuhalten, erzählt die Länderchefin von Google Schweiz im Interview.

Christine Antlanger-Winter
Country Director von Google Schweiz und Managing Director Switzerland and Austria
Frau Antlanger-Winter, Google Schweiz ist der grösste Forschungs- und Entwicklungsstandort von Google in Europa. Wie ist der Aufbau einer Organisation, die Innovation mit globalen Qualitätsstandards vereint, ohne an Agilität zu verlieren?
Wir sprechen über Google in Zürich oft als «Google Miniature» – ein hochkomplexes Ökosystem, in dem wir die gesamte Wertschöpfungskette von der Forschung bis zum Produkt auf engstem Raum vereinen. Eine Organisation mit 5’000 Mitarbeitenden aus 85 Nationen erfordert eine Architektur, die Freiheit und Verantwortung untrennbar miteinander verknüpft. Klarheit entsteht nicht nur durch eine Struktur, sondern auch durch eine konsistente Ausrichtung auf gemeinsame Qualitätsstandards und ethische Leitplanken.
Essenztiell im Leadership ist hier, den Rahmen für mutige Innovation innerhalb verantwortungsvoller Strukturen zu setzen. Vertrauen ist dabei die Basis, die es uns erlaubt, interdisziplinär an den globalen Kernprodukten der Zukunft zu arbeiten.
In der Tech-Welt gelten Fehler als Lernchance. Wie etablieren Sie eine Kultur der psychologischen Sicherheit, in der Mitarbeitende mutig Risiken eingehen, ohne Angst vor dem Scheitern zu haben?
Echte Innovation ist ohne ein Risiko zum Scheitern nicht denkbar – das ist ein zwingender Teil des Innovationsprozesses. Zusammenarbeit, Offenheit und Vertrauen über einzelne Funktionen hinweg sind eine wichtige Grundlage, damit Learnings nicht isoliert geschehen, sondern sowohl die Verantwortung als auch die Erkenntnisse aus Fehlversuchen gemeinsam weiterentwickelt werden können. Das ist notwendig für den Mut, an wirklich neuartigen Ideen und Herangehensweisen zu arbeiten.
Wie brechen Sie als Country Director und Site Lead die systemischen Barrieren der Tech-Branche auf, um Diversität nicht nur als Quote, sondern als Innovationsmotor zu verankern?
Diversität ist für uns kein Selbstzweck, sondern eine ökonomische Notwendigkeit für die Qualität unserer Produkte. In Zürich entwickeln wir Technologien für eine globale Nutzerschaft – das erfordert zwingend heterogene Perspektiven im Engineering-Prozess. Dafür braucht es eine Kultur der Zugehörigkeit, die nicht nur Barrieren abbaut, sondern Inklusion als echten Treiber für Innovation begreift.
Ein wichtiger Fokus ist die eigene Nachwuchsförderung und Berufsbildung. Bei unserem Lernendenp-Programm in Zürich stellen wir durch gezielte Schnuppertage und niederschwellige Angebote sicher, dass junge Frauen Bereiche wie die Applikationsentwicklung unkompliziert kennenlernen können. Das hat den Anteil weiblicher Lernender bei uns gesteigert.
Neben der gezielten Nachwuchsförderung: Welche strukturellen Rahmenbedingungen und kulturellen Initiativen sind in einer global vernetzten Organisation wie Google Schweiz notwendig, um Diversität nachhaltig als systemische Exzellenz zu verankern?
Vielfalt lässt sich nicht verordnen, man muss sie leben. Die Vielfalt unserer Belegschaft in Zürich ist durch die unterschiedlichen Sichtweisen eine Stärke, die für unsere Produktentwicklung essenztiell ist. Neben der Nachwuchsförderung unterstützen wir Initiativen, die Frauen und unterrepräsentierten Gruppen unter anderem dabei helfen, ihre Rolle erfolgreich zu gestalten und Erfolge selbstbewusst zu kommunizieren.
Ein weiterer Aspekt in unserer Produktentwicklung ist es auch, inklusive Produkte zu kreieren. Hierfür haben wir in unserem Zürcher Büro das Accessibility Discovery Center (ADC) geschaffen. Dieses widmet sich der Frage, wie Technologie zu mehr Inklusion für Menschen mit Behinderungen oder besonderen Bedürfnissen – wie älteren Menschen oder Familien – beitragen kann. Das ADC nutzen unsere eigenen Entwicklungsteams, und es steht auch externen Partnern offen, um den Austausch zu fördern. Zudem arbeiten wir in der Forschung eng mit der Universität Zürich zusammen, um zu untersuchen, wie KI Menschen mit Behinderungen unterstützen kann, ein inklusiveres Leben zu führen.
Führung in der Schweiz bedeutet oft, sich mit konservativen Rahmenbedingungen auseinanderzusetzen. Wie nutzen Sie Ihre Position, um die Debatte um Vereinbarkeit von einer individuellen Herausforderung zu einer strategischen Standortfrage zu machen?
Die Frage der Vereinbarkeit ist eine ökonomische Standortfrage für die Schweiz. Als Führungskraft sehe ich es als meine Verantwortung, an zeitgemässen und damit wirtschaftlich notwendigen Rollenbildern zu arbeiten. Bei Google setzen wir Standards, die weit über das gesetzliche Minimum hinausgehen – etwa mit 24 Wochen Elternzeit für Mütter und 18 Wochen für Partnerinnen und Partner. Das ist kein Benefit, sondern eine Investition in Toptalente und gesellschaftliche Verantwortung zugleich.
Reichen solche betrieblichen Benefits aus, oder wie muss sich die gesellschaftliche und infrastrukturelle Unterstützung weiterentwickeln, um Vereinbarkeit zu ermöglichen?
Unsere flexiblen Arbeitszeiten, das hybride Modell und die über die gesetzlichen Standards hinausreichende Elternzeit sind wichtige Grundlagen bei Google Schweiz. So können Eltern Familie und Beruf flexibel vereinbaren. Aber Firmen-Benefits allein reichen nicht aus. Damit Vereinbarkeit eine echte Stärke für den Wirtschaftsstandort Schweiz wird, braucht es auch ein gesellschaftliches Umfeld, das partnerschaftliche Rollenbilder unterstützt. Wir leben diese Flexibilität auf Führungsebene vor, um Vertrauen zu schaffen. Hier müssen Wirtschaft und Politik Hand in Hand gehen.
In einer von KI-Transformation geprägten Zeit entwickeln sich neue Skills und Wissen mit einem rasanten Tempo. Wie sieht die übergeordnete Bildungs- und Upskilling-Strategie bei Google aus, um die kontinuierliche Weiterentwicklung von Talenten mit den Anforderungen der Zukunft zu synchronisieren?
Neugierde, Offenheit und Freude am lebenslangen Lernen sind zentrale Elemente in einer Organisation, aber auch in der Bildungslandschaft. Wir investieren stark in die Weiterbildung unserer Teams – dabei sind uns menschliche Fähigkeiten wie Problemlösungskompetenz genauso wichtig wie technisches Wissen und ein Innovations-Mindset.
Wir engagieren uns darüber hinaus im Bildungsbereich auch am Standort Schweiz. Hier setzen wir auf starke, lokale Partnerschaften: Gemeinsam mit Pro Juventute fördern wir die Medienkompetenz von Jugendlichen, und mit digitalswitzerland stärken wir die digitale Berufsbildung. Zudem ermöglichen wir über die Google Career Certificates auf Coursera – in enger Kooperation mit der Zürcher Handelskammer, digitalswitzerland, dem Impact Hub Zürich oder dem Amt für Arbeit des Kantons Zürich (RAV) – einen niederschwelligen Zugang zu wichtigen digitalen Qualifikationen. Das ist gelebtes Empowerment – wir geben Menschen die Werkzeuge in die Hand, um ihre Zukunft in einer digitalisierten Welt selbstbestimmt zu gestalten.
Welche Rolle nehmen Führungskräfte in der KI-Transformation ein und wie können Unternehmen dazu beitragen, dass der Standort Schweiz von der technologischen Weiterentwicklung profitieren kann?
Als Führungskraft nimmt man eine Vorbildrolle ein, die ein innovatives Mindset vorleben muss. Die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit verantwortungsvoll KI entwickelt und angewendet werden kann, und ein Denken in Möglichkeiten als zentrale Kultur zu verankern, ist essentziell. Bei der KI-Awareness und mit ein bisschen Reinschnuppern geht es darum, als Führungskraft zum «AI Experimenter in Chief» zu werden. Nur dann ist es möglich, das volle Potenzial auszuschöpfen, und das ist in der Schweiz mit generativer KI eines der höchsten weltweit.
Das hat auch eine Auswirkung auf die Wirtschaft. Die führende Innovationsrolle der Schweiz gilt es zu stärken und nicht einzuschränken. Dafür braucht es Unternehmen, die Forschung und Rahmenbedingungen, die weiterhin Innovation und damit die Schweiz stärken. Diese Weiterentwicklung gelingt am besten gemeinsam.
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