mobilität energie-  mobilitätswende gemeinsam denken
Unsplash/Fredric Koberl, ÖBB/Marek Knopp
Smart City Energie Industrie Mobilität Transport & Logistik Wirtschaft

Energie- und Mobilitätswende gemeinsam denken

15.10.2026
von SMA

Eine leistungsfähige Wirtschaft braucht eine verlässliche Energieversorgung, belastbare Infrastruktur und energieeffiziente Mobilität. Die Schiene verbindet diese Aufgaben: Sie befördert Menschen und Güter elektrisch und bietet konkrete Einsatzfelder für Strom aus erneuerbaren Energiequellen. Österreichs Bahnsystem zeigt, warum Energieversorgung und Mobilität gemeinsam geplant werden müssen.

Andreas Matthä CEO der ÖBB-Holding AG

Energie und Mobilität als vernetztes System
Energie ist längst mehr als eine Frage der Erzeugung. Entscheidend ist, wann und wo Strom verfügbar ist, wie effizient er eingesetzt wird und ob Erzeugungsanlagen, Netze, Speicher und Verbrauch aufeinander abgestimmt sind. Gerade im Verkehr wird dieses Zusammenspiel sichtbar. Die Bahn bewegt viele Menschen und große Gütermengen mit elektrischer Traktion. Der Bahnstrom der ÖBB stammt zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen. Gleichzeitig braucht sie eine stabile Stromversorgung, die den laufenden Betrieb auch bei schwankender Erzeugung absichert.

Dabei kommt es nicht auf eine einzelne Technologie an, sondern auf ein belastbares Gesamtsystem. Eigene Erzeugungsanlagen und langfristige Energiepartnerschaften verbreitern die Bezugsbasis. Speicher gleichen zeitliche Unterschiede zwischen Erzeugung und Verbrauch aus. Leistungsfähige Netze transportieren Energie dorthin, wo sie benötigt wird. Digitale Steuerung unterstützt dabei, Anlagen vorausschauend zu betreiben und Energie bedarfsgerecht einzusetzen.

Mehrfachnutzung von Flächen schafft zusätzliche Potenziale
Photovoltaik entlang der Bahninfrastruktur macht dieses Zusammenspiel anschaulich. Dächer von Werkstätten, Betriebsanlagen und Bahnhöfen, Park&Ride-Anlagen, technische Flächen oder Lärmschutzwände können zusätzlich zur Stromerzeugung genutzt werden. Der konkrete Vorteil liegt in der Mehrfachnutzung: Bestehende oder betrieblich notwendige Flächen erhalten eine weitere Funktion, ohne dass für jede Anlage eine eigene Fläche bereitgestellt werden muss.

Erneuerbare Energie dort erzeugen, wo sie gebraucht wird
Im ersten Pionierprojekt der ÖBB wird in Thalsdorf (Kärnten) Stromerzeugung mit landwirtschaftlicher Nutzung kombiniert. Auf der Agri-PV-Anlage erzeugen rund 19.000 Module auf einer Fläche von sechs Hektar Sonnenstrom. Hühner und Schafe nutzen die Flächen unter und rund um die Module weiterhin als Auslauf-, Weide- und Futterflächen.

Die Anlage liefert rund 16 Gigawattstunden Sonnenstrom pro Jahr. Durch die Nähe zur Bahn kann der erzeugte Strom direkt in das 16,7-Hertz-Bahnstromnetz eingespeist werden. Damit sind rechnerisch rund 7.000 Railjet-Fahrten von Villach nach Wien möglich.

Auch Donnerskirchen verbindet Photovoltaik und Landwirtschaft. Dort richten sich bewegliche Module mithilfe einer Tracker-Technologie nach dem Sonnenstand aus. Zugleich bleibt Raum für den Bio-Anbau von beispielsweise Kürbissen unter den Modulen. Die Anlage verfügt über 6,6 Megawatt Peakleistung; der erwartete Jahresertrag beträgt rund 8,3 Gigawattstunden – damit sind rechnerisch etwa 30.000 Fahrten zwischen Wien und Eisenstadt möglich.

Windkraft ergänzt die Stromerzeugung aus Photovoltaik ideal: Sie kann auch im Winter und in der Nacht Strom liefern – also häufig dann, wenn keine Sonne scheint. Mit der Windkraftanlage in Höflein nutzt die ÖBB bereits Windenergie für die eigene Stromversorgung. Weil Wind damit ein wesentlicher Faktor im Erzeugungsprofil ist, soll das Windkraftportfolio weiter ausgebaut werden.

Neben Photovoltaik bleibt Wasserkraft ein wesentlicher Bestandteil der ÖBB-eigenen Stromerzeugung. Das ÖBB-Wasserkraftwerk Spullersee feierte 2025 sein 100-jähriges Bestehen und wurde 2021 umfassend modernisiert. Gemeinsam mit dem Kraftwerk Braz kann es bei Bedarf die Bahnstromversorgung in Vorarlberg vollständig abdecken, Lastspitzen ausregeln und zur Stabilität des ÖBB-Stromnetzes beitragen. Das Pumpspeicherkraftwerk Tauernmoos geht 2028 in Betrieb.

Speicher und Netze sichern die Versorgung
Erzeugung allein reicht jedoch nicht. In Wien-Süßenbrunn wurde eine 50-Hertz-Photovoltaik-anlage mit einem Batteriespeicher kombiniert. Die Photovoltaikanlage erzeugt jährlich rund 638 Megawattstunden. Der Speicher verfügt über eine Kapazität von 645 Kilowattstunden und eine maximale Lade- und Entladeleistung von 324 Kilowatt. Er nimmt Stromüberschüsse auf und stellt sie später für Gebäude und Betriebsanlagen am Standort bereit. So steigt der Anteil des direkt vor Ort genutzten Stroms, und die Abhängigkeit vom öffentlichen Netz sinkt.

Die Energieversorgung der Bahn umfasst mehr als die Traktion von Zügen. Auch Bahnhöfe, Werkstätten, technische Anlagen und Dienstfahrzeuge benötigen Strom. Elektrische Dienstfahrzeuge, Ladeinfrastruktur und elektrische Rail&Drive-Fahrzeuge erweitern die Einsatzbereiche elektrischer Mobilität.

Damit daraus ein funktionierendes Gesamtsystem entsteht, müssen Stromerzeugung, Netzanschlüsse, Speicher und Lastmanagement gemeinsam geplant werden. Denn nur so können Synergien bestmöglich genutzt werden. Nur so kann Mobilitäts- und Energiewende gemeinsam gelingen.

Die Projekte zeigen, wie sich unterschiedliche technische Lösungen in ein Energiesystem integrieren lassen. Agri-Photovoltaik ermöglicht die parallele Nutzung einer Fläche für Landwirtschaft und Stromerzeugung. Direkte Einspeisung bringt die Erzeugung näher an das Bahnstromnetz. Wasserkraft stellt regelbare Erzeugungsleistung bereit. Batteriespeicher verschieben vor Ort erzeugten Strom in Zeiten, in denen er am Standort gebraucht wird.

Für Wirtschaft und Gesellschaft sind dabei vor allem Versorgungssicherheit, Resilienz und planbare Rahmenbedingungen relevant. Regionale Erzeugungsanlagen, modernisierte Netze, Speicher und langfristige Partnerschaften können Abhängigkeiten von einzelnen Bezugsquellen verringern. Zugleich braucht ein leistungsfähiges Verkehrssystem eine Energieversorgung, die Erzeugung und Verbrauch zuverlässig zusammenführt.

Die Technologien dafür sind vorhanden. Die Aufgabe besteht darin, Wasserkraft, Photovoltaik, Windkraft, Speicher, Netze, digitale Steuerung und Bahnbetrieb als Gesamtsystem zu organisieren. Die Energiewende und die Weiterentwicklung des Verkehrssystems sollten deshalb nicht getrennt voneinander geplant werden.

Text Andreas Matthä, CEO der ÖBB-Holding AG

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Vorheriger Artikel Bei der Energie geht es jetzt ums Ganze