grüne digitalisierung
Innovation Nachhaltigkeit

Grüner wird’s noch

09.12.2021
von Rüdiger Schmidt-Sodingen

Kann die Digitalisierung die Welt retten? Steffen Lange und Tilman Santarius lassen in ihrem Buch »Smarte grüne Welt?«  den »Megatrend der Digitalisierung« auf die »Mega-Herausforderung der Nachhaltigkeit« treffen.

Zunächst skeptisch schauen die Autoren des Buches »Smarte grüne Welt?«, erschienen im Münchner oekom-Verlag, auf das Schneller-Höher-Weiter der Digitalisierung. Steffen Lange ist Volkswirt am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung, Santarius Professor für sozial-ökologische Transformation und nachhaltige Digitalisierung an der TU Berlin und am Einstein Center Digital Futures.

Beide bilanzieren: »Wenn sich an den grundlegenden Strukturen unseres Wirtschaftens und unserer Lebensweisen nichts verändert, dürfte unsere Zukunft ganz maßgeblich durch ökologische und soziale Krisen geprägt werden.« Ihrem Buch zugrunde liegt das mit Mitteln des Bildungs- und Forschungsministeriums geförderte Projekt »Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation – Rebound-Risiken und Suffizienz-Chancen digitaler Dienstleistungen«.

Wird die digitale Welt gerechter?

Als zentrale Frage formulieren Lange und Santarius: »Kann das disruptive Potenzial der Digitalisierung helfen, den dringend nötigen Wandel anzustoßen und die Welt von morgen zu einer sozial gerechteren und ökologisch nachhaltigeren zu machen?«

Die Autoren verweisen in diesem Zusammenhang auf die Ursprünge der Digitalisierung bei den drei gegensätzlichen Gruppen »Militär, Wirtschaft und alternativer Szene«. Es gehe bei der Digitalisierung folglich um eine Mischung aus Kontrolle, Profitsteigerung und Selbstbestimmung.
Ebenfalls kritisch beäugen sie das Konsumveralten, bei dem sich einerseits »Chancen für nachhaltige Konsumweisen auftun, etwa für Sharing, ›Do it yourself‹ oder den Verzicht auf Neukauf«. Andererseits weisen sie daraufhin, »wie Digitalisierung durch personalisierte Werbung und omnipräsente Shoppingoptionen dazu beiträgt, das bestehende, hohe Konsumniveau noch weiter zu steigern.«

Mehr Konsum, mehr Verantwortung

Zwar kauften die Menschen weniger analoge Geräte, dafür seien diese umso länger in Betrieb. Energie ersetze die materiellen Ressourcen. Die Elektrifizierung unserer Wirtschafts- und Konsumweise mache eine flexible Stromnutzung und -speicherung nötig, die allerdings eine intelligente Stromversorgung brauche. Eine solche sei ohne die Digitalisierung und Automatisierung nicht machbar.

An dieser Stelle des Buches sprechen die Autoren mit den »Micro Grids«, den nachbarschaftlichen Systemen und kleinen Wirtschaftseinheiten auf Stadtteilebene, eine der wichtigsten Folgen der Digitalisierung an. Die Menschen durchdringen nämlich durchaus die vielfältigen Möglichkeiten des digitalen Lebens. Sie verstehen, dass sie vieles selbst herstellen können – auch wenn diverse Dienstleister weiterhin oder noch mitverdienen wollen.

Mehr Daten, aber auch mehr Tausch

Diese »Micro Grids« könnten dafür sorgen, dass das andauernde Datenbombardement, das für Kund:innen in personalisierte Preise und Werbung münde, zu einer Bündelung von Bestellungen und einer nachhaltigen Auslieferung führe. Aus dem Nachbarn, der ständig Pakete annimmt, könnte also ein Beruf werden, der die Verteilung auf der »letzten Meile« für sein Viertel in festen, ökologisch sinnvollen Abständen übernimmt.

Große Möglichkeiten sehen Lange und Santarius auch beim Individualverkehr, der zwangsläufig zugunsten neuer, intelligenter öffentlicher Systeme zurückgefahren werden müsse. »Dank Digitalisierung könnte nach Jahrzehnten umwelt- und verkehrspolitischer Anstrengungen, das Verkehrsaufkommen verstärkt auf öffentliche und nutzungsgeteilte Verkehrsträger zu verlagern, ein historischer Durchbruch gelingen.«

Bürojobs runter, Pflegejobs rauf?

Brandaktuell wird es zum Schluss bei einem Blick auf die menschlichen Arbeitswelten. Zwar vernichte die Digitalisierung »allerorten« Jobs, etwa in administrativen Bereichen. Auf der anderen Seite aber werden händeringend Mitarbeitende für Kindergärten oder Pflegeheime gesucht, wo ein digitaler Alltag noch nicht oder nicht mehr über den körperlichen Bedürfnissen des Individuums steht.

»Wir sehen eine Lösung im goldenen Mittelweg: Es spricht nichts dagegen, Maschinen einen Teil der Arbeit übernehmen zu lassen«, so die Autoren. »Noch spannender ist jedoch die Frage, wie sie genutzt werden können, um Arbeit menschengerecht und sinnstiftend zu gestalten.« Es müsse zu einer Re-Regionalisierung der Arbeit und einer kürzeren Vollzeitarbeit von 24 bis 30 Stunden pro Woche kommen, die dann Platz für Care-Arbeit schaffe und das übrige Leben bewusst entschleunigen solle.

Wunsch nach Regulierung

Am Ende ihres Buches mahnen die Autoren eine monopolrechtliche Regulierung an, um die Macht der IT-Konzerne zu beschränken. »Digitalisierung kann zu etwas beitragen, was früher schwer vorstellbar war: ein modernes, weltoffenes Leben mit dezentralen wirtschaftlichen Strukturen.« Das Duo wirbt folglich für eine Digitalisierung mit einer Gemeinwohlorientierung als Leitprinzip. Infolgedessen fordert es eine Technik-, Daten- und Nutzungssuffizienz, also eine besser haltbare und besser überlegt eingesetzte Technik als bewusste »Abkehr von kurz getakteten Modezyklen und einer Wegwerfmentalität«.

Im Gegensatz zu den »Micro Grids«, die sich fast von selbst ergäben, müsse diese Nachhaltigkeit bei der Digitalisierung aber von oben, sprich von der Politik verordnet werden. So plädieren Lange und Santarius für selektive Werbeverbote bei den Internetriesen, um Manipulationen, Einflussnahme und Machtzunahmen abzustellen. Dann könne eine »sanfte und bedachte« Digitalisierung »die Umwelt entlasten, Mut machen und sozialen Zusammenhalt stärken.«

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