Interview von Matthias Mehl

Christine Antlanger-Winter: «Wir wollen im Feld der KI dynamisch, aber auch verantwortungsvoll voranschreiten»

Die Länderchefin von Google Schweiz blickt auf 25 Jahre Suchmaschine zurück und wagt einen Ausblick in die Zukunft.

Seit bereits einem Vierteljahrhundert erklärt die Suchmaschine Google den Menschen die Welt. In dieser Zeit haben sich sowohl das Internet, der Konzern Google als auch die Gesellschaft grundlegend verändert. «Fokus» traf Christine Antlanger-Winter, Länderchefin von Google Schweiz, und wollte wissen, welche neuen Horizonte sie mit dem Unternehmen anstrebt.

Frau Antlanger-Winter, vergangenes Jahr feierte Google seinen 25. Geburtstag. Können Sie sich noch an Ihre allererste Google-Suchanfrage erinnern?

Das kann ich tatsächlich, denn diese fällt auf eine prägende Zeit in meinem Leben: 1998 hatte ich gerade mein technisches Studium an der FH Hagenberg im Bereich «Medientechnik und Mediendesign» begonnen. Ich sass zur Zeit des Google-Launches an meinen ersten Zeilen Code und war immer wieder mal auf die Suchmaschine angewiesen, um mir Informationen zu beschaffen. Es ist verblüffend, wie schnell die Zeit vergangen ist – und schon heuer dürfen wir bereits das 20-Jahr-Jubiläum von Google Schweiz feiern!

Christine Antlanger-Winter

Bild: © Klaus Vyhnalek

Seit April leiten Sie Google Schweiz nach mehrmonatiger Interims-Funktion als permanente Länderchefin. Welche Ziele verfolgen Sie für das Unternehmen?

Ein wesentliches Ziel besteht darin, der Schweiz als offener sowie starker Partner zur Seite zu stehen. Eine Hauptaufgabe sehe ich in der Förderung der Digitalisierung. Dabei schauen wir auch gezielt dorthin, wo eventuell ein Ungleichgewicht besteht und stellen sicher, dass möglichst alle Menschen ungehinderten Zugang zu den digitalen Technologien erhalten.

Wie gehen Sie dafür konkret vor?

Ein Beispiel liefert unsere Unterstützung der «Digi-Kafis», die in verschiedenen Kreisen der Stadt Zürich stattfinden und von unserem Google.org-Partner, dem Verein Nachbarschaftshilfe, angeboten werden. Im Rahmen dieser Veranstaltungen erhalten ältere Personen die Möglichkeit, sich mit Fachleuten auszutauschen und die Chancen von digitalen Anwendungen hautnah zu erleben. Auf diese Weise wollen wir verhindern, dass sie «den Anschluss verlieren». Ein weiteres wichtiges Handlungsfeld sehen wir im Bereich «Nachhaltigkeit». Denn Technologie kann unter anderem dazu beitragen, Energieeffizienz zu fördern. Hier arbeiten wir eng mit swisscleantech zusammen. Für uns bedeutet «Nachhaltigkeit» aber auch, dass wir den Entwicklungsstandort Schweiz stärken und hier an neuen Innovationen arbeiten. In Zürich sind viele Teams tätig, die an essenziellen Google-Anwendungen wie Google Maps oder YouTube mitwirken. Unser experimenteller KI-Chatbot «Bard» wird ebenfalls hier mitentwickelt.

KI, also «künstliche Intelligenz», ist gerade ein absolutes Hot Topic. Was bedeutet es für Google?

Das Thema erfährt derzeit tatsächlich eine enorme gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Doch Technologieunternehmen wie wir beschäftigen sich natürlich schon deutlich länger damit: Bereits 2017 hielt unser CEO Sundar Pichai fest, dass Google eine «AI-first-Company» ist – ein Unternehmen also, bei dem künstliche Intelligenz an erster Stelle steht. KI ist heute Teil all unserer Produkte. Daraus ergeben sich gleichermassen aufregende Chancen sowie tiefgreifende Herausforderungen. Wir möchten in diesem Feld dynamisch, aber auch verantwortungsvoll voranschreiten. Für uns bedeutet das, dass wir einerseits Innovation im KI-Sektor antreiben, andererseits aber auch Regeln für den Einsatz dieser Technologie definieren. Aus diesem Grund haben wir bereits 2018 unsere «AI Principles» formuliert, also ethische Standards im Umgang mit dieser neuen Technologie.

Können Sie uns ein Praxisbeispiel dafür nennen, wie KI heute in Google-Anwendungen zum Einsatz kommt?

Dies lässt sich gut an unserem Large Language Model «Bard» veranschaulichen. Dieses ist, wie andere KI-Modelle seiner Art, dazu in der Lage, komplexe Fragestellungen zu beantworten, Recherchen durchzuführen und Texte zu verfassen. Doch natürlich nutzen wir maschinelles Lernen schon deutlich länger, etwa für Google Maps. Dort können wir User:innen auf Wunsch eine «nachhaltigere» Route vorschlagen, was ohne maschinelles Lernen schlicht unmöglich wäre. Ebenfalls spannend finde ich in diesem Zusammenhang die smarte Bildersuche «Google Lens». Wenn ich per Smartphone zum Beispiel eine Raupe fotografiere, zeigt mir die App, wie der Schmetterling nach der abgeschlossenen Metamorphose aussehen wird. Diese Anwendung wurde ebenfalls in Zürich entwi-ckelt. Und enormes Potenzial birgt KI in Feldern wie der Medizin sowie dem Schutz von Mensch und Natur.

Inwiefern?

Dies lässt sich gut anhand unseres Projekts aufzeigen, bei dem es um die Verhinderung von Kondensstreifen beim Fliegen geht. Hier eruieren wir mit der ETH Zürich, wie dank KI der Klimaschutz verbessert werden kann. Ein anderes Beispiel liefert das ETH-Spin-off Restor, welches für das Enabling von Aufforstung auf KI-Lösungen von Google setzt. Auf einer noch grösseren Ebene kann KI zum Beispiel zur Vorhersage von Waldbränden oder der Antizipation von Überschwemmungen genutzt werden. Damit lassen sich diese Naturphänomene zwar nicht verhindern, doch man kann dafür sorgen, dass sich Betroffene frühzeitig in Sicherheit bringen können. Im Medizinbereich sorgt maschinelles Lernen unter anderem dafür, dass sich die Früherkennung von Brustkrebs massiv verbessern lässt. Solche Anwendungen sind nur einige Beispiele und «Zwischenstationen» auf dem Weg zu unserem erklärten Ziel, KI in Produkte, die im täglichen Leben hilfreich sind, einzubinden. Wir wollen es Menschen ermöglichen, auf die Information dieser Welt zuzugreifen und sie zu organisieren und zu nutzen. Mit diesem Bestreben bleiben wir, 25 Jahre nach dem Launch, dem Leitmotiv von Google auch heute noch treu.

Ein wesentliches Ziel besteht darin, der Schweiz als offener sowie starker Partner zur Seite zu stehen. Christine Antlanger-Winter

In den vergangenen Jahren kam es bei verschiedenen Big-Tech-Unternehmen erstmals seit jeher zu Stellenabbau.

Das ist leider Realität. Die Entwicklungen der letzten Jahre, allen voran natürlich die Pandemie sowie der Konflikt in Europa, haben auf uns alle Auswirkungen gehabt. Niemand war und ist davor gefeit, auch ein Unternehmen wie Google nicht. Darum mussten wir 2022 die schwierige Entscheidung treffen, uns zu verkleinern und weltweit 12 000 Stellen zu streichen. Dieser Schritt war schmerzhaft, erlaubt es uns aber auch, uns wieder auf die wesentlichen Aspekte und Ziele zu konzentrieren.

Wie kann Google der Schweizer KMU-Landschaft helfen, im kommenden Jahr erfolgreich zu sein oder zu bleiben?

Für uns sind die kleineren und mittleren Unternehmen absolut wesentlich, denn sie waren schon immer ein essenzielles Element des «Erfolgsmodells Schweiz». Diese KMU können wir mit unseren Produkten optimal unterstützen. Etwa, indem wir ihnen dabei helfen, ihre Produkte und Services auf der ganzen Welt anzubieten. Oder indem wir ihnen dank nützlicher Technologie zu mehr Effizienz und damit Wettbewerbsfähigkeit verhelfen. Wichtig ist uns auch, die Entscheidungsräger:innen in KMU dabei zu unterstützen, die Chancen zu erkennen, die KI und Co. für ihre Unternehmen bereithalten. Denn mit den heute verfügbaren Technologien lassen sich Dinge umsetzen, die zuvor schlicht unmöglich gewesen wären. Nun bricht eine Phase des Experimentierens und Ausprobierens an. Genau dazu wollen wir Firmen ermutigen und unterstützen, indem wir ihr Technologieverständnis fördern und schärfen.

Wie tut Google das konkret?

Wir bieten unter anderem verschiedene, berufsbegleitende Weiterbildungskurse an, mit Namen «Google Career Certificates». Die Angebote konzentrieren sich auf Felder wie Projektmanagement, Data Analytics oder UX Design. Die Kurse dauern maximal sechs Monate und werden über den Online-Weiterbildungsdienst Coursera angeboten. Alle Informationen finden sich auf unserem Schulungsportal «Google Atelier Digital».

Als Frau in einer Führungsposition eines Techunternehmens sind Sie auch heute noch Teil einer Minderheit. Woran liegt das Ihres Erachtens?

Hier spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Zentral, besonders für die ICT-Branche, scheint mir das Thema «Zugang» zu sein. Wir sollten uns darum bemühen, für alle den gleichen Zugang zur Technologie und den damit zusammenhängenden Berufsfeldern zu schaffen. Dafür benötigen wir mehr weibliche Rolemodels, welche die Möglichkeiten aufzeigen und Zuversicht vermitteln. Dieser Vorbildfunktion versuche ich selbst jeden Tag gerecht zu werden. Und da Technologie heute aus keinem Lebensbereich mehr wegzudenken ist, würde ein Vorschlag von mir lauten, IT und Computer Science in Lehr- und Studienplänen vielseitiger Fachrichtungen zu integrieren.

Welche Botschaft haben Sie für angehende, weibliche Talente?

Seid neugierig und probiert Dinge aus! Die Unternehmen wiederum stehen in der Pflicht, den Weg dafür zu ebnen und eine Kultur zu schaffen, in der alle Personen ihr persönliches Potenzial ausschöpfen können.

Smart
fact

Zur Person

Christine Antlanger-Winter ist Länderchefin von Google Schweiz. Zuvor war sie seit Dezember 2018 Country Director von Google Austria und hatte ab November 2022 die interimistische Länderleitung von Google Schweiz inne. Zuvor war sie CEO der Media-Agentur Mindshare mit Sitz in Wien, wo sie seit 2003 die Digital-Agenden aufbaute und zuletzt das Gesamtgeschäft verantwortete. Sie hat einen Abschluss als Diplom-Ingenieurin in Software Engineering im Bereich Medientechnik und -design der FH Hagenberg.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

05.01.2024
von Matthias Mehl
Vorheriger Artikel Mit Governance zum nachhaltigen Erfolg
Nächster Artikel Svenja Fischer: «Für diesen Job benötigt man Biss»