Martin Sprenger, CFO und Mitglied der Geschäftsleitung von Coop Rechtsschutz, spricht über die KI-Assistentin Cora, steigende Fallzahlen und die Frage, wie digitale Unterstützung den Betriebsrechtsschutz schneller, präziser und persönlicher machen kann.
Herr Sprenger, Rechtsfragen sind längst kein Randthema mehr und können gerade kleineren und mittleren Unternehmen (KMU) stark belasten. Wo sehen Sie heute den grössten Bedarf nach schneller und verlässlicher Rechtsunterstützung?
Bei KMU steht meist das Vertragsrecht im Vordergrund. Ob Kauf-, Miet- oder Arbeitsverträge – sie bilden das Fundament des täglichen Geschäftslebens. Entsprechend hoch ist die Nachfrage nach professionellen Vertragsprüfungen und -gestaltungen, um Risiken zu minimieren oder Unterstützung in Streitigkeiten zu erhalten. Gleichzeitig beobachten wir, dass die regulatorische Dichte stetig zunimmt. Der Gesetzgeber neigt dazu, immer mehr Aspekte des Wirtschaftslebens detailliert zu regeln. Für KMU, die oft keine eigene Rechtsabteilung haben, wird es zunehmend anspruchsvoller, diesen Anforderungen gerecht zu werden und den Überblick zu behalten. Genau hier entsteht ein grosser Bedarf an schneller und verlässlicher externer Rechtsunterstützung.
Coop Rechtsschutz hat mit Cora eine eigene KI-Lösung entwickelt und dafür den Swiss Insurance Innovation Award erhalten. Was war der zentrale Gedanke hinter Cora und welches Problem sollte damit gelöst werden?
Der zentrale Gedanke war die Ressourcenallokation, um unsere Dienstleistungen noch professioneller und effizienter zu gestalten. Die Zahl der Fachpersonen ist begrenzt, während Kundinnen und Kunden gleichzeitig viele Fragen haben. In der Juristerei fliesst viel Zeit in Schreiben, Recherchieren und ähnliche Arbeiten. Unser Ziel war es, dass Fachpersonen mehr Zeit für die Kundschaft haben: für die Kommunikation, für das Abholen und Klären von Problemen und für die persönliche Betreuung. Recherchen und Vorarbeiten sollen dort, wo es sinnvoll ist, durch eine KI-Lösung unterstützt werden. Gleichzeitig geht es um Geschwindigkeit. Wenn eine Antwort schneller und zielführender kommt, ist damit auch den Kundinnen und Kunden geholfen. Das alles steigert nicht nur die Geschwindigkeit, sondern auch die Qualität unserer Beratung, was letztlich direkt unseren Kundinnen und Kunden zugutekommt.
Ein zweiter wichtiger Punkt ist der Datenschutz und die Wahrung des Berufsgeheimnisses. Diese stehen bei uns über allem: Wo wir KI einsetzen, gewährleisten wir beide Elemente – auch durch technische Massnahmen. So ist Cora auch aufgebaut.
Cora unterstützt juristische Fachpersonen. Was bedeutet das konkret für die Bearbeitung eines Rechtsfalls und wo spürt man diesen Nutzen am deutlichsten?
Unternehmen merken den Nutzen vor allem daran, dass sie Antworten schneller erhalten. Juristinnen und Juristen brauchen weniger Zeit für Recherche- und Vorbereitungsarbeiten und können sich stärker der Kundschaft widmen. Im Rechtsschutz erzählen Kundinnen und Kunden oft ihre Geschichte. Die Aufgabe besteht darin, daraus die eigentliche Rechtsfrage herauszuarbeiten. Das ist kommunikativ anspruchsvoll und braucht Zeit. Wenn Fachpersonen weniger stark durch Routinearbeiten gebunden sind, können sie sich stärker auf die Kundensituation einlassen, das Problem sauber einordnen und die passende Antwort vorbereiten. Schliesslich ist Zeit, zusammen mit Qualität und Preis, ein entscheidender Wettbewerbsfaktor.
Im Recht reicht Schnelligkeit allein nicht aus; entscheidend sind auch Präzision, Nachvollziehbarkeit und Verantwortung. Wie stellen Sie sicher, dass Cora Fachpersonen entlastet, ohne dass Qualität und Kontrolle verloren gehen?
Bei Coop Rechtsschutz gilt der Ansatz «Human in the Loop». Wichtig ist, dass Kundinnen und Kunden keine automatisierten Antworten bekommen. Cora unterstützt im Hintergrund, etwa bei Recherchen, bei der Präzisierung von Schreiben oder bei Vertragsüberprüfungen. Die KI bereitet vor, ordnet ein und entlastet, trifft aber keine abschliessende juristische Beurteilung. Die Prüfung der Inhalte liegt immer bei den Juristinnen und Juristen. So bleibt jeder Fall fachlich eingebettet und wird nicht allein einer technischen Lösung überlassen. Automatisierte Rechtsfallbearbeitung ist nicht das Ziel. Die Verantwortung soll beim Menschen bleiben. Der Human-in-the-Loop-Ansatz wird dadurch auch ein Qualitätssicherungsinstrument.
Welche Rolle kann eine Lösung wie Cora spielen, um bei steigenden Fallzahlen trotzdem persönlich, effizient und fallbezogen beraten zu können?
Bei Coop Rechtsschutz waren es 2025 rund 50 000 neue Rechtsfälle; zusammen mit der von uns betreuten Helsana Rechtsschutz AG liegt die Zahl noch höher. Diese Zahl verteilt sich auf etwa 100 Juristinnen und Juristen. Jede Fachperson betreut damit mehrere Hundert Fälle jährlich. Damit diese Fälle in vernünftiger Zeit und mit hoher Qualität bearbeitet werden können, braucht es die richtigen Instrumente. Ohne solche Instrumente würde sich die Bearbeitung spürbar verzögern. Cora kann hier einen Beitrag leisten, indem ähnliche Anfragen schneller eingeordnet und Antworten effizienter vorbereitet werden. So bleibt mehr Zeit für die persönliche Einordnung des einzelnen Falls.
Coop Rechtsschutz baut den Betriebsrechtsschutz unter anderem mit Blick auf KMU aus. Wie wird KI den Rechtsschutz für Unternehmen in den nächsten Jahren verändern und welche Rolle soll Cora dabei übernehmen?
Cora soll vor allem entlasten. Damit ermöglichen wir, dass mehr Zeit in die Betreuung investiert werden kann. Natürlich können Unternehmen auch frei zugängliche KI-Modelle nutzen. Das Problem ist jedoch, dass nebst der Datenschutzproblematik solche Modelle halluzinieren können: Antworten sind teilweise unpräzise oder schlicht falsch. Hier bietet Coop Rechtsschutz mit Cora einen Mehrwert, weil das System auf den juristischen Kontext ausgerichtet ist. Cora arbeitet mit spezialisierten Agenten je nach Rechtsgebiet und kann dadurch präzisere, verständliche und angemessen formulierte Antworten vorbereiten. Wichtig bleibt dabei: Eine Juristin oder ein Jurist prüft und finalisiert die Inhalte und übersetzt sie in eine Form, die für die Kundschaft verständlich und rechtlich belastbar ist.
Weitere Informationen unter cooprecht.ch

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