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Supply-Chain-Management

Dekarbonisierung beginnt vor der Rampe

20.05.2026
von Thomas Soltau

Die Schweiz will klimaneutral werden. Doch im B2B-Alltag entscheidet sich das nicht im Leitbild, sondern in der Lieferkette: beim Transportmittel, bei der Auslastung, beim Zeitfenster. Genau dort liegen die grössten Hebel und die härtesten Zielkonflikte.

Ein Schweizer Importeur bestellt Ware in Norditalien. Die Bahn als Transportmittel wäre zwar möglich, aber trotzdem fährt der Lkw. Nicht aus Ignoranz, sondern aus Kalkül: weniger Schnittstellen, flexiblere Disposition, höhere Reaktionsfähigkeit bei Störungen. Unternehmen entscheiden sich in diesen Fällen oft bewusst gegen die klimafreundlichere Option, wenn sie im Alltag unzuverlässiger ist. Wer Dekarbonisierung will, muss deshalb die operative Logik verändern – nicht nur die Technik. Für die Schweiz als Import- und Transitland ist das zentral, weil ein grosser Teil der Emissionen ausserhalb der Landesgrenzen entsteht, aber durch hiesige Nachfrage ausgelöst wird.

Der Verkehr bleibt das Nadelöhr

Die Schweiz hat ihre Emissionen gesenkt, doch der Verkehr bleibt einer der grössten Verursacher. Rund ein Drittel der Emissionen entfällt auf diesen Bereich. Im Güterverkehr zeigt sich der Zielkonflikt besonders klar: Etwa zwei Drittel der Transportleistung erfolgen auf der Strasse, rund ein Drittel auf der Schiene. Im alpenquerenden Verkehr ist das Verhältnis umgekehrt, dort dominiert die Bahn deutlich. Doch genau dieser Erfolg lässt sich im Binnenverkehr kaum replizieren. Enge Zeitfenster und hohe Flexibilität spielen dem Lkw deutlich in die Karten – und treiben die Emissionen in die Höhe.

Warum die Strasse gewinnt

Der Lkw ist klimapolitisch das Problem, operativ aber oft die beste Lösung. Er fährt direkt, reagiert sofort und passt sich dynamischen Lieferketten an. Die Bahn wiederum ist effizient, wenn Volumen, Planung und Infrastruktur zusammenspielen. Fehlt eines davon, steigt das Risiko. Unternehmen entscheiden deshalb nicht nach CO2-Ausstoss, sondern nach Verlässlichkeit. Terminals, Umladungen und Fahrpläne erhöhen dabei die Komplexität. Der strukturelle Nachteil der klimafreundlicheren Option ist offensichtlich: Sie funktioniert nur im idealen System – der Lkw allerdings auch im suboptimalen Umfeld.

Emissionen entstehen vor der Grenze

Die Schweiz ist stark von Importen abhängig. Ein erheblicher Teil der Emissionen entsteht entlang globaler Lieferketten, etwa in der Produktion, im Umschlag oder im Nachlauf. Der Seetransport ist pro Einheit effizient, verliert aber durch ineffiziente Vor- und Nachläufe an Wirkung. Letztlich entscheidend ist die Gesamtkette. Wer nur den Inlandtransport optimiert, greift zu kurz. Die grössten Hebel liegen oft bei Lieferanten, Beschaffungsstrategien und Transportentscheidungen weit vor der Schweizer Rampe.

Die schnellsten Fortschritte entstehen durch klar bessere Organisation. Weniger Leerfahrten, höhere Auslastung, stabilere Planung gelten hier als zentrale Pfeiler.

Auch Verpackungen geraten dabei zunehmend in den Fokus. Sie beeinflussen nicht nur Materialverbrauch und Recyclingfähigkeit, sondern auch Transportvolumen, Gewicht und Auslastung. Überdimensionierte oder schwer recycelbare Verpackungen erhöhen Emissionen entlang der gesamten Lieferkette – vom Rohstoff bis zur Entsorgung. Unternehmen versuchen deshalb, Verpackungen leichter, standardisierter und kreislauffähiger zu gestalten. Der Effekt ist operativ relevant: Wer weniger Material bewegt, reduziert Kosten und Emissionen gleichzeitig.

Scope 3 wird zum Prüfstein

Und damit rückt dann auch Scope 3 ins Zentrum der Betrachtung. Indirekte Emissionen entlang der Lieferkette machen häufig den grössten Anteil aus und sind zugleich am schwersten zu erfassen. Daten fehlen, Standards unterscheiden sich, Verantwortung ist verteilt. Dennoch wächst der Druck. Internationale ESG-Anforderungen wirken über Kunden direkt in die Schweiz hinein. Wer Teil globaler Lieferketten ist, muss zunehmend belegen, wie Produkte beschafft und transportiert werden. Dekarbonisierung wird damit zur elementaren Voraussetzung für den Marktzugang.

Was sofort wirkt

Die schnellsten Fortschritte entstehen durch klar bessere Organisation. Weniger Leerfahrten, höhere Auslastung, stabilere Planung gelten hier als zentrale Pfeiler. Denn wer Transporte gezielt bündelt und digital steuert, reduziert nicht nur Emissionen unmittelbar, sondern spart zusätzlich Kosten. Der grösste Hebel liegt nicht im Antrieb, sondern im System, weil jede vermiedene Fahrt sofort wirkt. Jede bessere Auslastung ebenfalls. Die entscheidende Frage lautet nicht, wie ein Transport grüner wird, sondern ob er überhaupt nötig ist.

Technologie bleibt ein Baustein

Elektrische Nutzfahrzeuge gewinnen im regionalen Verkehr an Bedeutung. Planbare Routen und feste Ladepunkte machen sie wirtschaftlich. Im Fernverkehr bremsen Reichweite, Infrastruktur und internationale Koordination den schnellen Wandel. Alternative Kraftstoffe und effizientere Flotten bleiben zentral. Gleichzeitig gilt: Technologie kompensiert keine schlechte Planung. Ein emissionsarmer Lkw, der halb leer fährt, bleibt ein teurer Kompromiss.

Der Zielkonflikt wird schärfer

Unternehmen stehen unter Druck von allen Seiten. Kunden erwarten schnelle Lieferung, Margen bleiben knapp und dann sollen Lieferketten selbstverständlich resilient sein. Gleichzeitig steigen regulatorische Anforderungen und Berichtspflichten in rasantem Tempo. Mehr Lager reduziert Transporte, bindet aber Kapital. Mehr Flexibilität sichert Umsatz, erhöht jedoch Emissionen. Wer diese Zielkonflikte nicht aktiv steuert, entscheidet implizit gegen Klimaziele, oft aus kurzfristigem Zwang.

Wo die Schweiz ansetzen muss

Die Schweiz hat gute Voraussetzungen: starke Infrastruktur, leistungsfähige Bahn im Transit, hohe Prozessqualität. Gleichzeitig bleibt der Alltag strassengetrieben und viele Emissionen liegen ausserhalb der direkten Kontrolle. Der realistische Weg führt über Transparenz, Effizienz und gezielte Verlagerung dort, wo sie wirtschaftlich trägt. Dekarbonisierung ist keine Vision, sondern Managementaufgabe. Sie entscheidet sich nicht im Bericht, sondern im Tagesgeschäft. Wer das versteht, gewinnt Zeit. Alle anderen verlieren sie.

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