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Supply-Chain-Management

Wenn Politik Lieferketten lenkt

20.05.2026
von Thomas Soltau

Konflikte, Kontrollen und neue Allianzen verändern globale Lieferketten grundlegend. Für Unternehmen wird Beschaffung zur strategischen Kernfrage zwischen Effizienz, Risiko und Kontrolle.

Ein Maschinenbauer bestellt ein Präzisionsteil bei einem Lieferanten in Norditalien. Die Ware kommt pünktlich. Erst Wochen später zeigt sich, wie trügerisch diese Normalität geworden ist. Ein Vorprodukt kam aus Asien, dort griffen neue Exportkontrollen, ein Transport verzögerte sich, Reservebestände schrumpften. So sehen viele Störungen heute aus: nicht spektakulär, aber folgenschwer. Lieferketten, lange auf Effizienz getrimmt, geraten unter politischen Druck. Der Konflikt zwischen den USA und China, neue Sanktionen und Spannungen auf zentralen Handelsrouten wirken bis tief in Abläufe hinein.

Risiken sitzen oft in der zweiten Reihe

Die grössten Gefahren liegen selten beim direkten Lieferanten. Kritisch sind die Stufen dahinter. Tier-2- und Tier-3-Zulieferer produzieren Vorprodukte, Spezialchemikalien, Elektronik oder verarbeitete Rohstoffe, bleiben im Alltag aber oft unsichtbar. Fällt dort ein Werk, ein Hafen oder eine Genehmigung aus, reisst die Lücke durch die gesamte Kette. Die OECD zählt fehlende Transparenz über mehrere Lieferstufen zu den wichtigsten Risiken resilienter Lieferketten. Wer nur den Vertragspartner auf der ersten Ebene kennt, kennt sein Risiko nicht. Das gilt besonders für Branchen mit hoch spezialisierten Bauteilen und ohne aktivierbare Alternative.

Grauzonen bremsen schneller als Verbote

Nicht jede Störung tritt als offizielle Sanktion auf. Oft wirken politische Eingriffe in Grauzonen. Exportlizenzen verzögern sich, Zollprüfungen werden strenger, technische Standards enger ausgelegt, Genehmigungen ziehen sich. Diese Reibungsverluste machen Lieferketten anfällig, weil sie schwer vorhersehbar sind. Die OECD zeigt zudem, dass sich die Zahl der Exportrestriktionen für industrielle Rohstoffe zwischen 2009 und 2023 mehr als verfünffacht hat. 2023 kamen über 500 zusätzliche Rohstoffprodukte hinzu, die mindestens von einer solchen Massnahme betroffen waren. Der Zugang zu Material wird damit selbst zur geopolitischen Variable, nicht nur dessen Preis.

Wer Risiken erst im Krisenmodus erkennt, verliert Zeit, Geld und Handlungsspielraum. Lieferketten sind kein logistisches Detail mehr.

Auch wer nicht direkt betroffen ist, ist betroffen

Besonders tückisch sind indirekte Abhängigkeiten. Ein Schweizer Industriebetrieb bezieht vielleicht nicht direkt aus China, wohl aber sein deutscher Zulieferer. Ein Pharmaunternehmen importiert nichts aus einer Krisenregion, doch ein Vorprodukt des Verpackungsherstellers stammt von dort. Die Europäische Zentralbank weist darauf hin, dass solche Konzentrationen häufig erst auf Produktebene sichtbar werden. Dann zeigt sich, wie wenige Anbieter es weltweit für einzelne Komponenten, Mineralien oder chemische Vorstufen noch gibt. Was stabil wirkt, kann sich unter Druck als erstaunlich fragil erweisen.

Neue Strategien haben ihren Preis

Viele Unternehmen reagieren mit einer Neuausrichtung. Lieferketten werden regionaler, Partner breiter gestreut, Abhängigkeiten reduziert. Nearshoring und Friendshoring stehen für diesen Wandel. Ziel ist mehr Stabilität. Doch diese Sicherheit kostet. Mehr Lieferanten müssen geprüft, qualifiziert und laufend bewertet werden. Lagerbestände steigen, Doppelstrukturen entstehen, Transporte werden umgeplant. Die alte Logik minimaler Kosten verliert an Kraft. Verfügbarkeit wird zum entscheidenden Faktor. Wer heute nur auf den Stückpreis schaut, rechnet zu kurz. In vielen Führungsgremien hat sich die Frage verschoben: nicht mehr nur, was günstiger ist, sondern was auch unter Druck noch funktioniert.

Die Seewege werden wieder zum Nadelöhr

Neben Beschaffung und Produktion gerät auch die Logistik unter Druck. UN Trade and Development berichtete im September 2025, dass der weltweite Seeverkehr nach 2,2 Prozent Wachstum im Jahr 2024 im Jahr 2025 nur noch um 0,5 Prozent zulegen dürfte. Die Schifffahrt trägt über 80 Prozent des Welthandels. Umwege verlängern Fahrzeiten, erhöhen Kosten und binden Kapazitäten. Eine Sperrung oder Eskalation an maritimen Engstellen trifft darum Hersteller, Händler und ihre Kunden. Für exportorientierte Volkswirtschaften wie die Schweiz ist das eine Kernfrage, die direkt auf Margen, Preisbildung und Lieferfähigkeit durchschlägt.

Resilienz wird zur Aufgabe der Führung

Die Welthandelsorganisation erwartet für 2026 nur noch 1,9 Prozent Wachstum im Warenhandel, nach 4,6 Prozent im Jahr 2025. KOF (Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich) und Seco (Staatssekretariat für Wirtschaft) verweisen zugleich auf die Belastung der Schweizer Konjunktur durch geopolitische Unsicherheit; in einem KOF-Risikoszenario wäre 2026 sogar nur ein Wachstum von 0,7 Prozent möglich. Für Unternehmen folgt daraus eine nüchterne Lehre. Lieferketten lassen sich nicht mehr nur optimieren, sie müssen tiefer kartiert, politisch mitgedacht und strategisch geführt werden. Entscheidend ist der Blick auf kritische Komponenten, alternative Bezugsquellen, geografische Klumpenrisiken und rechtliche Grauzonen. Wer Risiken erst im Krisenmodus erkennt, verliert Zeit, Geld und Handlungsspielraum. Lieferketten sind kein logistisches Detail mehr. Sie entscheiden darüber, ob ein Unternehmen liefern kann, wenn draussen die Ordnung unruhig wird.

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