prozessfokus
zVg
Supply-Chain-Management

Prozessfokussierung statt logistische Einzelleistungen

20.05.2026
von SMA

Supply-Chain-Management, vor 50 Jahren noch ein Fremdwort in der Betriebswirtschaftslehre, hat sich fest in den Unternehmungen etabliert. Das Bewusstsein für die Betrachtung integrierter Versorgungsketten ist heute überall verbreitet. Mithilfe von KI sind auch komplexe Systeme vermeintlich einfach zu verstehen. Wo bleibt dabei die natürliche Intelligenz – der Mensch – bei der Gestaltung, der Erfassung und der Beherrschung komplexer Systeme?

Dr. Beat Michael DuerlerPräsident Swiss Logistics by ASFL SVBL, Delegierter Organisation der Arbeitswelt Logistik

Dr. Beat Michael Duerler
Präsident Swiss Logistics by ASFL SVBL, Delegierter Organisation der Arbeitswelt Logistik

In keiner Branche ist das systemische Verständnis ähnlich gross wie in der Logistik und im Supply-Chain-Management. Zwar können grosse Systeme durch Analyse aufgebrochen werden und die einzelnen Teilsysteme sind einfacher zu beherrschen. Gewisse Prozesse funktionieren aber nur als Ganzes wirklich optimal und Störungen im System oder auch nur in einem Teilsystem können unvorhersehbare Auswirkungen haben.

Die Logistik besteht aus verschiedenen Elementen, welche die unterschiedlichen Flussgrössen abbilden. Jedes einzelne dieser (Teil-)Systeme ist ein Teil des gesamten Versorgungssystems.

Waren-, Informations- und Wertefluss

Das Zusammenspiel von Waren-, Informations- und Wertefluss ist das zentrale Fundament jedes Logistiksystems. Diese drei Flüsse sind eng miteinander verknüpft und beeinflussen sich gegenseitig ständig.

Der Warenfluss beschreibt die physische Bewegung von Gütern vom Lieferanten über das Lager bis zum Kunden, inklusive Transport, Lagerung und Kommissionierung. Der Informationsfluss umfasst Bestellungen, Lagerbestände, Lieferstatus und Prognosen. Der Wertefluss beschreibt die finanziellen Transaktionen wie Kosten, Rechnungen und Zahlungen.

Im System der verschiedenen Flussgrössen ist deren Zusammenspiel von grosser Bedeutung. Der Informationsfluss steuert den Warenfluss, der Warenfluss löst den Wertefluss aus. Alle diese Ströme laufen gleichzeitig und voneinander abhängig.

Störungen wirken sich unmittelbar aus: Falsche Bestandsdaten führen zu Fehl- oder Mehrlieferungen und zusätzlichen Kosten, Lieferverzögerungen zu unzufriedenen Kunden und Rückerstattungen, verspätete Zahlungen können Lieferstopps und Unterbrüche im Warenfluss verursachen.

Logistikerin und Logistiker ist ein Beruf mit systemischem Denken und ganzheitlichem Bildungsansatz – ein Beruf für die Zukunft, welcher globale wirtschaftliche Prozesse am Laufen hält.

Ein gut funktionierendes Logistiksystem zeichnet sich dadurch aus, dass alle drei Flüsse synchronisiert sind, Informationen in Echtzeit verfügbar und Prozesse aufeinander abgestimmt sind. Nur dann können Lieferzeiten eingehalten, Kosten optimiert und Kundenzufriedenheit gesichert werden.

Systemisches Denken entlang der Supply Chain

Die Bedeutung systemischer Zusammenhänge zeigt sich, wenn die Lieferkette nicht als einzelne, isolierte Schritte betrachtet wird, sondern als vernetztes Gesamtsystem. Lieferanten, Produktion, Lagerhaltung, Transport und Kunden beeinflussen sich gegenseitig. Eine Veränderung an einer Stelle wirkt sich fast immer auf andere Bereiche aus.

Lokale Optimierungen führen häufig zu globalen Nachteilen, etwa beim Bullwhip-Effekt, bei dem kleine Nachfrageschwankungen beim Kunden zu immer grösseren Schwankungen entlang der Lieferkette werden. Ganzheitliches Denken ermöglicht Effizienz, Kostenoptimierung sowie Resilienz und Risikomanagement.

Systemische Zusammenhänge sind entscheidend, weil sie zeigen, dass die Supply Chain nur als Ganzes effizient funktioniert. Wer die Wechselwirkungen versteht, kann bessere Entscheidungen treffen und flexibler auf Veränderungen reagieren.

Onlinehandel als Beispiel für vernetzte Systeme

Im Onlinehandel sind alle Prozesse besonders eng verknüpft und stark dynamisch. Eine typische Supply Chain umfasst Beschaffung, Lagerung und Auftragsabwicklung, Bestandsmanagement, Transport und Zustellung, Retourenmanagement und Kundennachfrage.

Eine Kundenbestellung beeinflusst Lagerbestände und Nachbestellungen beim Lieferanten. Hohe Nachfrage erfordert mehr Personal, eine ungeeignete Lagerstruktur verlängert Bearbeitungszeiten. Schnellere Lieferungen erhöhen die Kundenzufriedenheit, führen aber zu höheren Transportkosten. Retouren verursachen zusätzlichen Aufwand in Lager und Transport und beeinflussen Kosten und Bestände.

Wird ein Produkt plötzlich stark nachgefragt, sinken die Bestände rasch, Nachbestellungen steigen, Lieferanten kommen nicht hinterher, Lieferzeiten verlängern sich und die Kundenzufriedenheit nimmt ab. Eine einzelne Veränderung beeinflusst somit das gesamte System.

Kompetenzprofil in der Ausbildung

In der Ausbildung lassen sich diese Effekte gut zwischen Einzelkompetenzen und einem integrierten Kompetenzprofil aufzeigen. Einzelkompetenzen wie Einkauf, Lagerlogistik, Transport oder IT werden oft isoliert optimiert. Lokal gute Ergebnisse führen gesamt betrachtet häufig zu Ineffizienz.

Ein integriertes Kompetenzprofil bedeutet bereichsübergreifendes Denken, Verständnis für Zusammenhänge und Entscheidungen im Gesamtkontext. Es kombiniert Fachwissen, Prozessverständnis, Datenkompetenz und Kommunikationsfähigkeit.

Heute steht in der Ausbildung der Logistikerinnen und Logistiker ein solches integriertes Kompetenzprofil im Vordergrund. Dies führt in der Praxis zu besseren Entscheidungen, geringeren Kosten, höherer Flexibilität und stabileren Lieferketten. Logistikerin und Logistiker ist ein Beruf mit systemischem Denken und ganzheitlichem Bildungsansatz – ein Beruf für die Zukunft, welcher globale wirtschaftliche Prozesse am Laufen hält.

Text Dr. Beat Michael Duerler, Präsident Swiss Logistics by ASFL SVBL, Delegierter Organisation der Arbeitswelt Logistik

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Vorheriger Artikel Supply Chains am Limit
Nächster Artikel KI richtet Lieferketten neu aus