Die Zahl der Menschen mit Adipositas steigt. Gleichzeitig verändert sich die Versorgung: Neue Therapieoptionen und ein tieferes Verständnis der Erkrankung ermöglichen eine individuellere, gesamtheitlichere Begleitung. Doch der Zugang bleibt ungleich – und das hat System.

Bild: Unsplash/Joachim Schnürle
Das Thema Adipositas ist derzeit allgegenwärtig. Zugleich hält sich das Stigma, stark übergewichtige Menschen müssten sich nur besser disziplinieren. Diese Sichtweise verkennt die medizinische Realität. Adipositas lässt sich nicht mit mangelnder Willenskraft erklären – sie ist eine chronische Erkrankung mit vielen Ursachen. Genetische und biologische Voraussetzungen können ebenso eine Rolle spielen wie hormonelle Prozesse, psychische Belastungen, Schlafmangel, Stress, das soziale Umfeld und die wirtschaftliche Lebenssituation der Betroffenen.
Der Anteil der Erwachsenen mit Adipositas nimmt seit Jahren zu. Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik stieg er in der Schweiz von fünf Prozent im Jahr 1992 auf zwölf Prozent im Jahr 2022. Rund eine Million Menschen in der Schweiz leben heute mit Adipositas. Der Adipositasbarometer 2026 – eine repräsentative Schweizer Studie – zeigt dabei eine bezeichnende Spannung: 79 Prozent der Bevölkerung erkennen Adipositas als medizinisch behandlungsbedürftige Erkrankung an. Gleichzeitig nehmen 82 Prozent eine starke Stigmatisierung von Betroffenen im Alltag wahr. Diese Diskrepanz hat direkte Folgen: 72 Prozent der Betroffenen geben an, dass Scham sie davon abhält, überhaupt medizinische Hilfe zu suchen.
Von der Diagnose zur Therapie
Die erste Anlaufstelle ist meist die Hausarztpraxis. Dort wird nicht nur auf das Körpergewicht geschaut: Für die medizinische Einschätzung zählen Beschwerden, Medikamente, frühere Therapieversuche und Begleiterkrankungen ebenso wie Schlaf und psychische Belastungen. Der Body-Mass-Index bietet eine erste Orientierung, reicht für die Beurteilung allein aber nicht aus. Die kürzlich veröffentlichten Leitlinien der European Association for the Study of Obesity (EASO) unterstreichen: Eine zeitgemässe Diagnostik muss die Komplexität der Erkrankung in ihrer ganzen Breite erfassen.
Die Behandlung stützt sich auf mehrere Säulen: Ernährung, Bewegung und Verhaltensänderung bilden das Fundament. Eine Ernährungsberatung hilft, Gewohnheiten zu erkennen und neue Routinen zu entwickeln. Verhaltenstherapeutische Methoden unterstützen dabei, Auslöser und eingeübte Muster zu verändern. Jahrelange Stigmatisierung hinterlässt Spuren – nicht nur körperlich, sondern auch psychisch. Für viele Betroffene ist professionelle psychologische Begleitung deshalb ein wichtiger Schritt, um mit einer neuen Perspektive auf die eigene Gesundheit anzufangen.
Welche Behandlungsformen infrage kommen, hängt von der individuellen gesundheitlichen Situation ab. Neben Ernährung, Bewegung und verhaltenstherapeutischer Unterstützung können nach ärztlicher Abklärung auch medikamentöse Behandlungen oder operative Eingriffe berücksichtigt werden. Dabei sind der mögliche Nutzen, Risiken und Anwendungseinschränkungen individuell abzuwägen. Entscheidend sind eine sorgfältige Auswahl und eine langfristige Begleitung.
Eine Versorgungslücke mit System
Trotz verfügbarer Therapieoptionen erhalten in der Schweiz nur wenige Menschen mit Adipositas eine leitliniengerechte Behandlung. Der Adipositasbarometer 2026 zeigt: 75 Prozent der Ärztinnen und Ärzte bemängeln fehlende strukturierte interdisziplinäre Angebote. Die heutigen Behandlungsstrukturen erreichen die Patientinnen und Patienten nicht dort, wo sie sind – und werden den vielfältigen Bedürfnissen Betroffener nicht gerecht.
Was es braucht, ist ein Umdenken: weg von einer episodischen Behandlungslogik, hin zu einer langfristigen, gesamtheitlichen Begleitung – interdisziplinär, niedrigschwellig und auf die individuelle Lebenssituation abgestimmt. Dafür braucht es klare Behandlungspfade, ausreichend spezialisierte Fachkräfte und ein Gesundheitssystem, das chronische Erkrankungen strukturell anders begleitet als akute.
Ein Blick nach vorne
Heute wissen wir mehr darüber, was hinter der Erkrankung steckt – biologisch, psychologisch und gesellschaftlich. Dieses Wissen muss sich nun auch in der Versorgungsrealität widerspiegeln. Eine Gesellschaft, die Adipositas wirklich ernst nimmt, investiert in Prävention, in Entstigmatisierung und in Behandlungsangebote, die Menschen dort abholen, wo sie stehen. Denn gute Versorgung endet nicht an der Praxistür – sie beginnt dort, wo der Alltag weitergeht.
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