Klima, Bevölkerung, Gesundheit: Die drei Megatrends, die die Ernährung verändern
Die Ernährungswende folgt fundamentalen Megatrends – und ist daher weder ein kurzer Trend noch ein Hype, der schnell vergeht.
Viele halten pflanzliche Proteine für einen Trend, ähnlich der Light-Welle. Das ist ein Denkfehler, denn es geht um fundamentale Megatrends, die unsere Ernährung von morgen verändern werden: erstens das Klima, zweitens die Bevölkerungsexplosion und drittens die menschliche Gesundheit.

Godo Röben, Aufsichtsrat, Beirat und Berater für alternative Proteine
Wirklich große Transformationen dauern oft 50 bis 60 Jahre.
1. Klima: Das System stößt an seine Grenzen
Tierische Produkte – Fleisch, Wurst, Milch und Eier – sind für rund zwölf Prozent der weltweiten menschengemachten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Diese entstehen entlang der gesamten Lieferkette: Futtermittelanbau, Landnutzung, Waldrodungen, Methan aus der Viehzucht etc. Mit heute gut acht Milliarden Menschen und fast zehn Milliarden bis 2050 wird die Nachfrage nach Protein weiter wachsen. Wer das nur mit klassischer Tierhaltung decken will, verschärft das Klimaproblem enorm.
2. Bevölkerungsexplosion: Das mathematische Problem
Bis 1960 brauchte die Menschheit etwa 200 000 Jahre, um auf drei Milliarden Menschen anzuwachsen. In den gut 60 Jahren seitdem sind mehr als fünf Milliarden Menschen dazugekommen.
Diese beispiellose Bevölkerungsentwicklung bringt unser heutiges Ernährungssystem zunehmend an seine Grenzen. Wir stoßen an planetare Grenzen: beim Wasserverbrauch, bei der Flächennutzung, beim Treibhausgasausstoß, beim Artenverlust und bei der Nährstoffbelastung.
3. Gesundheit: Was die Wissenschaft sagt
2015 stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) verarbeitetes Fleisch als »karzinogen für Menschen« ein, rotes Fleisch als »wahrscheinlich karzinogen«.
Dazu kommt der hohe Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung, der wesentlich zur Entstehung und Verbreitung resistenter Keime beiträgt. Eine aktuelle Lancet-Studie prognostiziert 39 Millionen Todesfälle durch resistente Infektionen zwischen 2025 und 2050 (GRAM Project, The Lancet 2024). Ein weiteres Gesundheitsrisiko liegt in Zoonosen und neuen Pandemien: Wo Menschen, Nutztiere und Wildtiere immer enger aufeinandertreffen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Krankheitserreger die Artengrenze überspringen und sich weltweit ausbreiten. Und schließlich gibt es neben den ökologischen und ökonomischen Fragen auch eine ethische Dimension: Wenn wir Milliarden Tiere für unsere Ernährung halten, müssen wir uns fragen, unter welchen Bedingungen wir das tun und was wir gesellschaftlich für vertretbar halten. Die Fakten liegen also auf dem Tisch. Eigentlich müsste die Veränderung viel schneller gehen. Tut sie aber nicht. Warum? Ganz einfach: Weil wir Menschen sind. Wir alle kämpfen mit Gewohnheiten, Widerständen und unserer eigenen Trägheit. Daher verändern sich Essgewohnheiten nur über Generationen. Und deshalb werden die Märkte auch in Zukunft schwanken, obwohl die Gründe für die Veränderung eindeutig sind.
Das Muster aller großen Transformationen
Es gibt ein Muster, das sich immer wiederholt: Wirklich große Transformationen dauern oft 50 bis 60 Jahre, müssen mit erheblichem Gegenwind klarkommen, setzen sich am Ende aber durch. Beispielsweise die Energiewende. Sie läuft seit rund 50 Jahren. Als Angela Merkel 1994 Umweltministerin wurde, kamen gerade einmal rund vier Prozent unseres Stroms aus erneuerbaren Energien. Später sagte sie selbst, dass sie die heute erreichten Ziele damals für »relativ utopisch« gehalten hätte. Heute kommt mehr als die Hälfte unseres Stroms aus erneuerbaren Energien. Oder die Mobilitätswende. Sie läuft seit gut 20 Jahren. Noch vor wenigen Jahren bezweifelten deutsche Automobilmanager:innen, dass die Kund:innen überhaupt Elektroautos wollen. Heute ist weltweit etwa jedes vierte neu verkaufte Auto elektrisch. Die Frage ist längst nicht mehr, ob Elektromobilität kommt, sondern wie schnell. Und die Ernährungswende? Sie läuft in ihrer heutigen Form gerade einmal seit rund zehn Jahren. Wir stehen noch ziemlich am Anfang und erleben die gleichen Widerstände. »Jetzt ist Schluss mit der Tofutümelei«, Markus Söder 2026. Schauen wir mal, wie gut diese Prognose altert.
Wie sieht es konkret im Markt aus?
2014 begann die Kommerzialisierung pflanzlicher Proteine mit enormem Erfolg. Vier Jahre später wollten plötzlich alle mitmachen. Unzählige Produkte kamen auf den Markt, viele davon in schlechter Qualität. Das Wachstum stockte, die ersten Marktforscher:innen erklärten das Segment bereits für erledigt. Sie lagen daneben. 2020 folgte der nächste Boom mit Wachstumsraten von 60 bis 70 Prozent. Dann kam die Realität: 2024 und 2025 kühlte sich der Markt deutlich ab. Nach Corona, Krieg und Inflation rückten für viele Menschen wieder die eigenen Sorgen in den Vordergrund. Altruismus verlor, Egoismus gewann. Seit Ende 2025 dreht sich das Bild wieder. Pflanzliche Milch wächst um zehn Prozent, pflanzliche Fleisch- und Wurstwaren um 15 Prozent. Wie geht es weiter? Sicher nicht geradlinig. Es wird weiter auf und ab gehen. Aber über die nächsten Jahre und Jahrzehnte wird dieser Markt wachsen, weil die fundamentalen Megatrends dahinter nicht verschwinden.
Die Frage für unsere Branche
Die Frage ist deshalb nicht, ob diese Transformation kommt. Die Frage ist: Wollen wir wieder einen Zukunftsmarkt verschlafen oder wollen wir ihn mitgestalten? Wir haben in Deutschland alles, was wir dafür brauchen: eine starke Lebensmittelindustrie, hervorragende Landwirtschaft, Forschung, Technologie, Marken, Handel und unglaublich viel Know-how. Genau darin liegt für mich die Chance: Wir können eine neue Lebensmittelwirtschaft aufbauen, die Genuss, Landwirtschaft, Innovation und Wertschöpfung zusammenbringt. Wir sollten also nicht unsere ganze Kraft darauf verwenden, das Alte zu verteidigen. Stecken wir sie lieber in das, was vor uns liegt. Denn die Chancen sind riesig.
Text: Godo Röben
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