psychische Gesundheit
Editorial Gesundheit

Erste Hilfe für psychische Gesundheit

11.11.2021
von Anja Cavelti
Thomas Ihde

Dr. med. Thomas Ihde-Scholl, Stiftungsratspräsident, Pro Mente Sana

Gesundheit und Gesundheitsvorsorge haben für unsere Bevölkerung eine relativ hohe Bedeutung. Im internationalen Vergleich ernähren wir uns recht gesund und bewegen uns viel, sei es auf dem Velo, im Fitnessclub oder in der freien Natur. Andere Themen nehmen wir etwas weniger ernst als andere Länder – unsere jungen Erwachsenen haben immer noch erstaunlich hohe Raucherraten. 

Unter Gesundheit verstanden wir bis anhin explizit die körperliche Gesundheit. Auch wenn es um Gesundheitsvorsorge ging. «Was tun Sie spezifisch für Ihre psychische Gesundheit?» Diese Frage löste noch bei den meisten vor ein paar Jahren ein leicht verlegenes Schulterzucken aus. Die Frage, «Was tun Sie, damit Sie nicht psychisch krank werden?», führte sogar zu einer leicht defensiven Abwehrhaltung – «psychische Erkrankungen betreffen doch andere, nicht mich», dachten viele von uns.

Die letzten anderthalb Jahre haben einzelne Entwicklungen sprunghaft beschleunigt, neben Zoom eben auch das Thema der psychischen Gesundheit. Mit der Krise erlebten wir alle eine Situation, in der es plötzlich für uns alle vorstellbar wurde, dass wir mit einer psychischen Belastung reagieren könnten. Stress- oder auch einsamkeitsbezogene psychische Belastungen oder Erkrankungen wurden ein Stück weit normalisiert.

Wie sieht nun die nächste Wegstrecke aus? Nun, lang ist sie immer noch, teilweise auch recht steil. Sie lohnt sich aber. Hier geht es aber nicht um den tollen Ausblick auf einem Gipfel, es gibt einfach keinen anderen Weg. Die psychische Gesundheit ist mittlerweile eine der wichtigsten Achillesfersen unserer Gesellschaft. Unser Körper ist die Hardware, unsere Psyche die Software. 

Psychische Selbstfürsorge ist mittlerweile ein grosses Thema – Stressmanagement, Achtsamkeit, Yoga, dieser Markt boomt. Für Selbstwert oder Beziehungsprobleme haben wir zudem ein breites psychotherapeutisches Angebot. 

Am wichtigsten wird es bleiben, Vorurteile beziehungsweise Stigma abzubauen. Dr. med. Thomas Ihde-Scholl

Psychische Nächstenfürsorge hingegen ist erst ein aufkommendes Thema. Die Frage «Wie gehe ich auf jemanden zu, der psychisch belastet wirkt?» können erst 20 Prozent unserer Bevölkerung gut beantworten. Erste-Hilfe-Kurse für psychische Gesundheit (www.ensa.swiss) bieten hier eine gute und gezielte Unterstützung. Wissensvermittlung gegen den Analphabetismus rund um psychische Gesundheit ist wichtig, Handlungsanleitungen, wie man auf jemanden zugeht mit einer psychischen Belastung noch wichtiger. Am wichtigsten wird es bleiben, Vorurteile beziehungsweise Stigma abzubauen. Stigma ist weiterhin der Hauptgrund, weshalb wir uns spät Hilfe holen und weshalb wir nicht auf andere zugehen, die belastet wirken. Stigmawerte für leichtere psychische Erkrankungen sind gesunken und haben wohl in einem gewissen Sinne von der Krise profitiert. Bei schweren psychischen Erkrankungen hingegen sind die Stigmawerte und Vorurteile in den letzten Jahrzehnten gestiegen – das meine ich mit der steilen Wegstrecke.

Text Dr. med. Thomas Ihde-Scholl, Stiftungsratspräsident, Pro Mente Sana

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