
Claudia Zürcher
Vizepräsidentin Konferenz Höhere Fachschulen
Kursraum, PowerPoint, Lehrmittel und eine Kaffeetasse oder wahlweise ein Energydrink – das klassische Bild der beruflichen Weiterbildung schmilzt zunehmend dahin. Begriffe wie online, hybrid, digital, Blended Learning, zeit- und ortsunabhängig, Zwischenzertifikate oder Anrechnungsverfahren gehören längst zur Weiterbildungsrealität. Dazu kommen Lernplattformen, ChatGPT und Co., Laborsituationen, Netzwerktreffen, Studienreisen – und plötzlich wird Englisch gesprochen. Bald schon können eidgenössische Prüfungen gemäss revidiertem Berufsbildungsgesetz neben den Landessprachen auch in englischer Sprache abgelegt werden. Kein Wunder, wirkt diese Vielfalt auf manche fast schon wie ein Bildungsdschungel. Doch genau das macht die höhere Berufsbildung aus: dynamisch und so vielfältig, dass man sie durchaus als offizielles Landeswunder aufführen könnte. Gut, verfügt die Schweiz über ein System, das Menschen in ganz unterschiedlichen Situationen einen passenden Bildungsweg eröffnet.
Wenn das Berufsleben «Update notwendig» anzeigt
Die Frage, wann jemand «bereit» für den nächsten Schritt ist, lässt sich heute kaum noch eindeutig beantworten. Beruflicher Weiterbildungsbedarf entsteht selten aus heroischen Wendepunkten – viel öfter aus kleinen Momenten, die unerwartet wirken: ein Gespräch im Büro, eine Beobachtung im Team oder die Erkenntnis, dass die eigenen Fähigkeiten gut sind, aber durchaus Raum für ein Upgrade hätten. Manchen geht es um den Feinschliff, anderen um eine neue Richtung und wieder anderen um Anschluss an eine Branche, die sich leise, aber konsequent verändert. Und manchmal genügt ein frisch erweitertes Jobprofil oder ein spontaner Gedanke, damit die innere Anzeige leicht blinkt: «Update notwendig». Nicht dramatisch – aber hartnäckig genug, um nicht ignoriert zu werden.
Das Upgrade mit echtem Praxiseffekt
Die höhere Berufsbildung bietet gleich mehrere Varianten dieses Updates: eidgenössische Berufsprüfungen, eidgenössische Höhere Fachprüfungen und natürlich die höheren Fachschulen – das Schweizer Original für praxisnahe Karrierebeschleunigung mit ihren HF-Bildungsgängen sowie Nachdiplomstudiengängen. Die höheren Fachschulen haben sich zu echten Karriere-Hubs entwickelt. Sie verbinden Praxis und Rollenkompetenz geschickt – mit realen Unternehmenssituationen, Projekten und konsequentem Praxistransfer. Das sorgt für echte Aha-Momente und spürbares Selbstvertrauen. Viele Absolvent:innen übernehmen nach kurzer Zeit mehr Verantwortung – nicht, weil sie müssen, sondern weil sie es können.
Die höhere Berufsbildung ist ein Unikat. Sie vermittelt Abschlüsse, die genau dort ansetzen, wo der Berufsalltag spielt – mit unmittelbarer Einsatzfähigkeit, konkreten Fachfertigkeiten, Führungskompetenzen und überfachlichen Fähigkeiten. Kurz: Sie liefert das, was im Arbeitsleben heute wirklich zählt.
Was der Arbeitsmarkt braucht
Die höhere Berufsbildung ist nicht nur ein Bildungsangebot, sondern ein zentraler Stabilitätsfaktor für die Schweizer Wirtschaft. Unternehmen bewegen sich heute in einem Dreieck aus Fachkräftemangel, technologischer Dynamik und steigenden Kundenerwartungen – ergänzt durch die wachsende Bedeutung von Nachhaltigkeit. Während früher die Frage lautete, ob sich eine Weiterbildung «lohnt», stellt sich heute vielmehr die Frage: «Welche berufliche Weiterbildung bringt uns weiter – und wen unterstützen wir dabei?» Viele Unternehmen haben erkannt, dass berufliche Weiterbildung weit mehr ist als eine Investition in Kompetenzen. Sie ist eine Investition in Menschen. Mitarbeitende, die sich weiterentwickeln, bringen frische Sichtweisen ein, können Veränderungen besser einschätzen und übernehmen Verantwortung für ihren Bereich. Für Arbeitgebende bedeutet das, Karrieren aktiv mitzugestalten. Sie können Mitarbeitende motivieren, den nächsten Schritt zu gehen. Die höhere Berufsbildung stärkt Fachkompetenzen und fördert gleichzeitig Motivation, Loyalität und Innovationskraft – Eigenschaften, die Unternehmen heute zwingender denn je brauchen. Sie ist das verlässlichste Mittel gegen Stillstand – und eines der wirksamsten Vorgehen gegen den Fachkräftemangel.
Warum der erste Schritt oft der schwerste ist
So attraktiv das Weiterbildungsangebot heute ist – der Entscheid dafür ist oft weniger eine Frage des Wollens als eine Frage des Alltags. Kosten, Zeit, Organisation, berufliche Anforderungen oder familiäre Verpflichtungen mischen kräftig mit, wenn es darum geht zu überlegen, ob eine berufliche Weiterbildung im Moment überhaupt Platz hat. Hinzu kommt etwas, worüber kaum jemand spricht: Viele unterschätzen sich selbst. Der Gedanke, nach Jahren wieder Prüfungen zu absolvieren oder regelmässig zu lernen, wirkt einschüchternd. Die Erinnerung an Bruchrechnungen und Vokabeltests sitzt bei vielen tief. Die Zweifel sind dabei erstaunlich konstant: Manche vermuten, es sei «zu spät», «zu schwierig» oder «zu viel Aufwand». Und am Ende taucht immer dieselbe Frage auf: «Schaffe ich das?» Die Antwort darauf lautet in den allermeisten Fällen: Ja. Weil das System nicht auf Idealbedingungen ausgelegt ist, sondern auf Menschen mit einem vollen Alltag – und mit dem Wunsch, trotzdem weiterzukommen. Bildungsorganisationen und Prüfungsträger sind laufend gefordert, ihre Unterrichtsmodelle und Prüfungsszenarien zu optimieren. Wer mit Absolvent:innen spricht, hört oft Überraschendes: Die anfängliche Nervosität weicht schnell dem Gefühl, von erfahrenen Dozierenden getragen zu werden. Formate sind flexibel, Unterricht kann hybrid erfolgen und die Gruppen bestehen aus Menschen, die genau wissen, wie sich Zeitdruck anfühlt. Das beruhigt nicht nur – es stützt.
Warum jetzt ein guter Zeitpunkt ist
Noch nie war das Angebot der höheren Berufsbildung so ausgebaut, so flexibel und so offen zugänglich wie heute. Gleichzeitig verändern sich Arbeitswelten rasant. Technologie, neue Geschäftsmodelle und veränderte Erwartungen verlangen nach Menschen, die bereit sind, dazuzulernen – im eigenen Tempo und entlang ihres beruflichen Alltags. Für die Leserschaft dieser Beilage – ob für den nächsten eigenen Schritt oder für Empfehlungen an Teammitarbeitende, Freund:innen oder die eigene Familie – ist das eine Einladung: sich zu informieren, zu vergleichen, Fragen zu stellen und Neues zu entdecken.
Weiterbildung beginnt nicht erst mit einer Anmeldung zu einem Bildungsangebot. Sie beginnt mit Neugier. Mit der Freude herauszufinden, wie der eigene Weg weitergehen kann. Und manchmal beginnt sie schlicht mit dem Gedanken: «Warum eigentlich nicht?»
Der Rest ergibt sich oft schneller, als man erwartet – spätestens dann, wenn die ersten Aha-Momente auftauchen. Und wer weiss: Vielleicht ist genau jetzt der beste Zeitpunkt für ein kleines, persönliches Update.
Text Claudia Zürcher, Vizepräsidentin Konferenz Höhere Fachschulen
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