
Maja Giger
Die Welt draussen wirkt unruhiger denn je. Politische Spannungen, wirtschaftliche Unsicherheiten, steigende Lebenshaltungskosten, ein auslaufendes klassisches Familienmodell – vieles scheint fragiler geworden zu sein. Oder doch nicht?
Mit Freude stelle ich fest: Junge Paare trauen sich weiterhin. Hochzeiten werden gefeiert – aus Liebe, aus Verbundenheit, aus Überzeugung. Nicht aus Tradition, nicht aus gesellschaftlicher Pflicht, sondern weil sich zwei Menschen bewusst füreinander entscheiden. Vielleicht auch, weil selbst in einer scheinbar entzauberten Welt prominente Paare und Königshäuser weiterhin an die Kraft des gemeinsamen Ja-Worts erinnern.
In einer Zeit, in der so vieles wankt, suchen Menschen nach etwas, das bleibt. Die Ehe bietet genau diesen Halt. Sie ist ein Anker im Sturm – ein bewusstes Zeichen von Stabilität in einer Welt, die sich ständig neu sortiert. Wer heute heiratet, sagt nicht nur «Ich liebe dich», sondern auch: «Ich gehe diesen Weg mit dir. Auch dann, wenn er unübersichtlich wird.»
Es geschieht aus Liebe, im Namen der Zusammengehörigkeit und oft auch als Rahmen für den Wunsch nach Familie.
Heute ist Hochzeit mehr als ein Fest: Sie ist eine Hoch-Zeit, die Orientierung, Halt und Sinn stiftet.
Gleichzeitig leben wir in einer Zeit der Selbstverwirklichung. Die Digitalisierung und die sozialen Medien haben den Horizont geöffnet – in der Liebe wie im Leben. Theoretisch scheint alles möglich, jederzeit, überall. Diese Offenheit macht Entscheidungen schwerer. Auch die Entscheidung für eine Ehe ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern ein bewusster Schnitt in eine Welt voller Optionen. Hat man sich jedoch füreinander entschieden, wirkt genau diese digitale Überfülle direkt auf die Hochzeitsplanung. Social Media zeigt unzählige Arten, Liebe zu zelebrieren: von minimalistischen Stadtfesten bis zu mehrtägigen Destination Weddings, von intimen Zeremonien bis zu opulenten Inszenierungen. Die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt – und genau darin liegt die Ambivalenz unserer Zeit.
Diese Vielfalt eröffnet neue Horizonte, neue Formen von Ausdruck und Individualität. Gleichzeitig setzt sie viele Paare unter Druck. Nicht selten entsteht das Gefühl, sich entscheiden zu müssen für das «richtige» Konzept, das «schönste» Setting, die «perfekte» Umsetzung. Die Hochzeit wird zur Projektionsfläche – für Erwartungen, Vergleiche und Ideale, die oft mehr mit Bildern als mit dem eigenen Gefühl zu tun haben. Dabei ist es gerade diese Freiheit, die Hochzeiten heute so besonders macht. Paare definieren neu, was für sie Bedeutung hat. Sie lösen sich von starren Abläufen und gestalten ihren Tag so, wie er zu ihrem Leben passt – persönlicher, bewusster, näher an sich selbst.
Ja sagen – trotz Nachteile
Diese Entscheidung ist heute keineswegs immer bequem. In der Schweiz kommt hinzu, dass verheiratete Paare finanziell teilweise benachteiligt werden. Die sogenannte Heiratsstrafe, die Doppelbesteuerung von Einkommen oder Renten, ist real. Wer heiratet, tut dies also nicht aus wirtschaftlichen Überlegungen – oft sogar trotz finanzieller Nachteile. Paare, die sich dennoch für den Bund der Ehe entscheiden, tun dies aus doppelter Überzeugung: aus Liebe zueinander und aus einem bewussten «Ja» zu einem gemeinsamen Lebensmodell – auch in einer Welt, die maximale Freiheit verspricht, aber selten Halt bietet.
Und während die Welt im Aussen immer komplexer wird, wächst die Sehnsucht nach Ritualen, die Sinn stiften. Die Hochzeit ist eines der letzten grossen Rituale mit echter Kraft – nicht, weil sie perfekt inszeniert ist, sondern weil sie Menschen verbindet.
«Heute ist Hochzeit mehr als ein Fest: Sie ist eine Hoch-Zeit, die Orientierung, Halt und Sinn stiftet.»
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis der letzten zwanzig Jahre: Die Ehe ist nicht altmodisch. Sie ist zeitlos. Und gerade in einer schnelllebigen, unsicheren Welt wird sie zu einem der mutigsten Zeichen, die zwei Menschen einander geben können. Weil heute aus Überzeugung geheiratet wird, sehen Hochzeiten auch anders aus. Jede Feier folgt den Bedürfnissen der beiden Menschen, die sich das Ja-Wort geben. So individuell wie die Paare leben, so individuell gestalten sie ihren Hochzeitstag.
Vielleicht sind alte Rituale also nicht überholt, sondern unterschätzt. Sie geben Halt in einer Zeit, in der Freiheit allgegenwärtig ist, Entscheidungen aber schwerfallen. Die Ehe ist ein solches Ritual – kein starres Konstrukt, sondern ein bewusst gewählter Rahmen. Einer, der Orientierung bietet, ohne einzuengen. Gerade weil heute so vieles möglich ist, gewinnen diese festen Formen wieder an Bedeutung. Nicht als Pflicht, sondern als Anker. Und erfüllt die Paare mit Stolz – als Ehepaar durchs Leben zu gehen.
Text Maja Giger
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