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Familienleben gestalten – was das Baby dazu meint

27.05.2021
von SMA

Dr. med. Michael Watson, Facharzt FMH für Kinder- und Jugendpsychiatrie, unterstützt mich, ein Baby, dabei, für euch meine Gedanken festzuhalten.

Ich muss immer weinen. Meine Mama ist traurig und erschöpft. Mein Papa kann auch nicht mehr schlafen und meine Geschwister sind genervt. Ich hole «uns» jetzt Hilfe in der Säuglings- und Kleinkindsprechstunde.

Meine Geburt war vor wenigen Monaten. Eigentlich ein freudiges Ereignis. Alle haben sich gefreut, denn ich bin gesund. Mama hat mich gestillt – leider hat es nicht so lange geklappt. Das war frustrierend. Immer wenn sie mich anschaut, ist da etwas, dass ich fühle, aber nicht recht verstehe. Auch Papa und die Familie nicht. Ich sei so «herzig», sagen alle. Bin ich auch!

Neu in der Welt

Vor meiner Geburt, wo es ganz warm war, gab es Zeiten, in denen nicht nur Ruhe und Aktivität herrschten. Da gab es Momente voller Hektik – auf einmal wie eine Welle von Aufregung – da hatten meine Eltern Auseinandersetzungen. Wenn sie Stress hatten, habe ich die ganzen Hormone auch abbekommen, ohne zu wissen, was da los war. Diese Wellen kamen häufiger – ich kenne das schon.

Eine Kollegin von mir hatte zu diesem Zeitpunkt keinen Papa, der sich kümmern konnte. Ihr Papa war einfach nicht da. Das hat für sie auch viel Stress gebracht.

Ein anderer Kollege war schon damals in den Drogen, er wusste gar nicht, wie ihm geschieht mit all diesen Rauschzuständen. Er hat dann sofort nach Geburt einen Entzug gemacht – so früh schon.

Schon meine Vorfahren hatten ein hartes Leben. Die haben ihre «Stress-Muster» biologisch weitergegeben – erklärt uns der Spezialist. Nicole Strüber und auch Allan Schore haben das super zusammengefasst: Wie die Regulationsmuster sich auf die individuelle Entwicklung auswirken und wie das auch weitergeben wird.

Jetzt, nach meiner Geburt – die war auch nicht ohne – da gibt es auch solche Situationen.

Nun habe ich eine eigene Rolle in der Familie
und suche meinen Platz.

Wiederkehrende Muster

Es gibt auch Muster im Verhalten; wie wir mit unserer Freude, unserem Ärger, unserer Begeisterung und auch Verletzungen selbst umgehen, aber auch wie wir lernen, diese auszudrücken und mit nahen Menschen teilen. Meine Familie hilft mir auch, meine Gefühle zu regulieren. Ich bemerke, da steckt etwas ganz Wichtiges für mich drin. Dieses «Lernen» ist anders als das, wovon meine Geschwister aus der Schule berichten. Es hilft mir, meine Erfahrungen mit mir selbst und anderen zu begreifen und daran zu wachsen – wie ein Baum.

Es macht mir und meinem Papa viel aus, wenn ich lange traurig bin und weine, genauso auch für meine Geschwister. Sie wissen dann nicht, was sie tun sollen, wenn mein Papa mich beruhigt. Sie haben ja auch wichtige Anliegen, Gefühle und brauchen Aufmerksamkeit. Alles geht eben nicht auf einmal. Es ist wie eine Kettenreaktion.

Ich kann noch nicht reden. Ich war gewickelt, gefüttert und doch so in Aufregung – konnte mich nicht beruhigen – konnte nicht einmal meinen Daumen finden – so ausser mir war ich. Mama und Papa waren im anderen Zimmer und waren auch verzweifelt. Karl Heinz Brisch sagt dazu «Familien im Hochstress». Er hat recht. In so einem Moment geht gar nichts mehr, auch Beruhigung kann dann nicht klappen.

Sprache lernen

Weder singen noch herumtragen oder die Oma anrufen half. Manchmal sind meine Eltern sogar von «guten Ratschlägen» gestresst. Wenn wir zu den Fachpersonen gehen, sind meine Eltern und ich viel ruhiger, meistens. Es geht da nicht um «Richtig» und «Falsch», sondern darum, was wir brauchen. Jeder von uns: ich, Papa, Mama und meine Geschwister. Dass unsere Interaktionen unsere Bindungen zueinander stärker, sicherer und tragfähiger werden lassen. Meine Eltern haben sogar bemerkt, dass sie sich selbst nicht so gut sprachlich und emotional verständlich ausdrücken können. Interessant – nicht nur ich lerne zu sprechen.

Der Geist im Kinderzimmer

Auch die Vergangenheit, die Kindheits- und Beziehungserfahrungen meiner Eltern spielen eine wichtige Rolle. Selma Fraiberg hat dazu gesagt, manche schwierige Erfahrungen und persönliche Katastrophen von Papa und Mama kommen wie «Gespenster» in mein Kinderzimmer. Sie hat es damit wirklich auf den Punkt getroffen. Manchmal kann sogar ein einziges, sehr schwieriges Ereignis im Leben eines Menschen später so ein Geist werden. Dieser Geist kann die elterliche Fähigkeit der Co-Regulation für mich einschränken oder sogar blockieren. Ich sehe diese Gespenster nicht im Raum schweben, aber Mama oder Papa sind wie verändert. Sie sind direkt vor mir und sprechen zu mir. Trotzdem habe ich das Gefühl, sie meinen nicht mich. Sie beschäftigen sich dann manchmal mit ihrer Vorstellung von einem «idealen Kind». Ich gebe mir Mühe, ein gutes Kind zu sein – ich bin aber anders. Die Fachpersonen helfen meinen Eltern, dieses «Anders» zu sehen. Es hilft!

Intuitiv und kompetent

Martin Dornes benennt es – ich bin ein «kompetenter Säugling». Kompetenzen entwickle ich andauernd. Herbert Renz Polster hat meine «Fundamentalkompetenzen» erkannt: Ich will «lernen, mit mir selbst klarzukommen»; «lernen mit anderen Menschen klarzukommen»; meine «innere Stärke aufbauen» und «das Wunder meiner Kreativität entdecken und ausbauen».

Wir Menschen haben über viele Millionen Jahre hinweg gelernt, «intuitiv» mit der nächsten Generation umzugehen – intuitive elterliche Kompetenzen. Dafür, dass alle mehr davon hören und lesen, dass Familien geholfen werden kann, hat Mechthild Papoušek sogar einen Verdienstorden erhalten. Der Weg zurück zu diesen intuitiven Kompetenzen – Gespenster verscheuchen, Freude am Zusammensein, wieder eine zufriedene Familie sein – das ist, was wir bei den Fachpersonen lernen, bei uns selbst zu entdecken. Dass meist nicht nur ein einziger Grund Auslöser für mein Weinen ist. Es ist so komplex wie das Leben. Die nächsten Hürden werden bestimmt kommen. Wie wir aber mit dem Neuen umgehen, ist für uns jetzt wichtiger geworden. Schliesslich haben wir erfahren, dass wir etwas dafür tun können.

Text Dr. med. Michael Watson

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