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Familie Gesellschaft Kinder

Ungewollt kinderlos?

19.04.2022
von Rüdiger Schmidt-Sodingen

Die Kinderlosigkeit nimmt in Deutschland weiter zu. Auch neue Lebensmodelle können nicht darüber hinwegtäuschen, dass »keine Kinder« für viele Frauen und auch Männer ein tiefgreifendes Problem bleiben. Vorhandene Beratungs- und Lösungsangebote werden zu selten oder spät wahrgenommen. 

Eine Einladung bei einem befreundeten Paar. Nach dem Essen machen es sich alle am schicken Wohnzimmertisch gemütlich, trinken und lachen. Mit der Zeit wird es ruhiger und plötzlich fragt einer der Gäste geradeheraus: »Habt ihr eigentlich mal an Kinder gedacht?« Die Gastgeber werden plötzlich ernst und schauen sich kurz an. »Ähm… es hat sich bisher nicht ergeben, also…« »Ihr seid also dran?« »Nun ja, wir überlegen… wir…«

Unterhaltungen wie diese finden täglich statt. Und meistens geht es nicht um ein spielerisches »Dransein« oder »Überlegen« oder Tun, sondern ein knallhartes »Es klappt einfach nicht«. In Deutschland, so stellte es das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend erst Anfang Januar fest, sei mittlerweile fast jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 Jahren ungewollt kinderlos.

»Ungewollt Kinderlose warten oft viele Jahre vergeblich auf ein erstes Kind, leben dauerhaft im Spagat zwischen Kinderwunsch und kinderloser Wirklichkeit.«

Gleichzeitig, so das Statistischen Bundesamt anhand der Datenbasis von 2018, sei die Kinderlosenquote der Frauen ab 43 Jahren auf 22 Prozent gestiegen. Umgekehrt habe sich die Geburtenziffer wieder etwas erhöht. Verkürzt gesagt: Die, die gebären können oder wollen, kriegen mehr Kinder. Die, die keine bekommen, werden allerdings auch mehr. 

Der Druck des Kinderwunsches

Kinderlosigkeit muss kein Problem sein. Natürlich hängt das Glück nicht allein an Kindern – das machen auch viele Autorinnen und Aktivistinnen immer wieder klar, wenn sie, wie Katja Kullmann derzeit, das Glück der »singulären Frau« beschreiben und damit den sozialen Anerkennungsdruck von den Schultern der Frauen nehmen wollen. Trotzdem gehören eigene Kinder, ebenso natürlich, weiterhin zu den individuellen Lebens- und Glücksmodellen.

Die ausführliche Broschüre »Ungewollte Kinderlosigkeit« des Bundesministeriums fasst die Problematik zusammen: »Ungewollt Kinderlose warten oft viele Jahre vergeblich auf ein erstes Kind, leben dauerhaft im Spagat zwischen Kinderwunsch und kinderloser Wirklichkeit.« Die meisten haben bisher nicht den Gedanken gehabt, dass es auf natürlichem Wege möglicherweise nicht klappt, ob aus medizinischen Gründen oder weil der passende Partner fehlt oder weil der richtige Zeitpunkt noch nicht gekommen ist. 

Kinderwunsch ja, aber erst später? 

Eine Möglichkeit, den Kinderwunsch um ein paar Jahre zu verschieben, stellt die »Schwangerschaft aus der Gefriertruhe« dar. Tatsache ist, dass die Chancen auf eine natürliche Schwangerschaft mit steigendem Lebensalter sinken. Will eine Frau allerdings aus persönlichen Gründen nicht in jungen Jahren schwanger werden und wünscht das Einfrieren ihrer Eizellen, ohne erkrankt zu sein, spricht man von »Social Freezing«.

Das Anlegen der eigenen Fertilitätsreserve, idealerweise vor dem 35. Lebensjahr, ermöglicht es Frauen, auch später noch Kinder zu bekommen. Die Schwangerschaftschance ist dann ungefähr so hoch wie zu der Zeit, als die Eizellen eingefroren wurden.

Ein Problem liegt laut der repräsentativen Befragung von 3000 Fällen bei den negativ belegten Schlagworten »Reproduktionsmedizin« und »Künstliche Befruchtung«. Viele Befragte stuften diese Begriffe als »zu kalt« ein und wehrten sich gegen tiefergehende Informationen darüber, was heute möglich ist, um eben doch schwanger zu werden. Es fehlt offensichtlich an einer positiven Aufklärung und an der Lust, sich genauer mit den medizinischen Möglichkeiten zu beschäftigen.  

Persönliche Beratung ist wichtig

Auch bei medizinischen Gründen der ungewollten Kinderlosigkeit ist es für eine optimale Therapie wichtig, möglichst viel über die derzeitige Situation, die Vorgeschichte und die Erwartungen des Paares zu erfahren. Hier kann ein offenes Gespräch viel zur Aufklärung beitragen und beim Wunschelternpaar neuen Mut und Schwung zu wecken.

Die Schwangerschaftsrate bei IVF- und ICSI-Behandlungen erreicht im Optimalfall Werte von 55 Prozent.

Zu den Therapiemöglichkeiten zählen zum Beispiel die medizinische Begleitung beim Finden des optimalen Zeitpunkts für den Geschlechtsverkehr oder eine Inseminationsbehandlung, sprich Samenübertragung.

Für manche Fälle stehen die Mittel der künstlichen Befruchtung parat, mittels klassischer In-vitro-Fertilisation, kurz IVF – die »Befruchtung im Reagenzglas«-, oder Verwendung der so genannten intracytoplasmatischen Spermieninjektion, kurz ICSI – hier wird eine ausgesuchte Samenzelle direkt in die Eizelle gespritzt. Beide Therapien der künstlichen Befruchtung können vollzogen werden mithilfe einer Hormonbehandlung, die das Wachstum der Eibläschen anregt, oder aber im natürlichen Zyklus ohne hormonelle Unterstützung. 

Die Initiative »Hilfe und Unterstützung bei ungewollter Kinderlosigkeit« des Bundes will Betroffene aller Altersschichten und Milieus mittels finanzieller Unterstützung noch besser und umfassender aufklären. Denn dem Kinderwunsch kann durchaus erfolgreich auf die Sprünge geholfen werden. Die Schwangerschaftsrate bei IVF- und ICSI-Behandlungen erreicht im Optimalfall Werte von 55 Prozent.

Beim Social Freezing wird, je nach Patientin und individuellen Rahmenbedingungen, eine Schwangerschaftsrate von bis zu 40 Prozent erzielt. Allein diese Erfolge sprechen dafür, sich doch einmal individuell beraten zu lassen.  

Text Rüdiger Schmidt-Sodingen

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