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Business Women

Wir brauchen ein Jahrzehnt der Gleichstellung

19.04.2022
von SMA

Die Gleichstellung von Frauen und Männern ist bisher in keinem einzigen Land der Welt erreicht. Manche Länder wie Schweden oder Island sind dem Ziel bereits ziemlich nahegekommen, Deutschland hingegen hat noch einen weiten Weg vor sich. Die Lohnlücke ist mit 18 Prozent eine der höchsten in Europa – die Rentenlücke mit fast 50 Prozent ebenso. 

Elke Ferner,
Vorsitzende UN Women Deutschland

Fast 50 Prozent aller erwerbstätigen Frauen arbeiten in Teilzeit, 17,5 Prozent der in Vollzeit arbeitenden Frauen haben ein monatliches Bruttoeinkommen von unter 2000 €. Frauen sind in Führungspositionen der deutschen Wirtschaft immer noch die Ausnahme. 60 Prozent der jungen Paare wünschen sich eine partnerschaftliche Teilung von Erwerbs- und Sorgearbeit, aber nur 16 Prozent können das auch umsetzen.

Gleichstellung der Geschlechter in Deutschland

Das Ergebnis: Frauen übernehmen im Durchschnitt 52 Prozent mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer. Die Pandemie hat diese traditionelle Arbeitsteilung sogar noch vergrößert. Und jede dritte Frau hat in ihrem Leben wenigstens einmal eine Gewalterfahrung machen müssen.

Das muss und darf nicht so bleiben. Zwar wird die geplante Anhebung des Mindestlohns helfen die Lohnlücke zu reduzieren, aber das allein reicht nicht aus. Neben mehr Transparenz brauchen wir eine bessere Bewertung der sozialen Berufe – warum wird Menschen heben oder Kinder erziehen schlechter bezahlt als Steine heben oder eine Waschmaschine reparieren?

Wir brauchen eine höhere Tarifbindung, aber auch eine Überprüfung der Tarifverträge auf diskriminierende Bewertung »weiblicher« und »männlicher« Arbeit. Und wir brauchen eine Weiterentwicklung des Entgelttransparenzgesetzes hin zu einem Entgeltgleichheitsgesetz, das auch ein Verbandsklagerecht beinhalten muss. Keine Arbeitnehmerin soll ihren Arbeitgeber selbst verklagen müssen, wenn sie für gleiche oder gleichwertige Arbeit schlechter bezahlt wird als ihre Kollegen.

Wir brauchen eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie – für Frauen und Männer. Dazu gehören ein bedarfsgerechtes Betreuungsangebot für Kinder und wohnortnahe Unterstützungsstrukturen für pflegende Angehörige ebenso wie ein partnerschaftlich ausgestaltetes Elterngeld und bezahlte Pflegezeit.

Es muss Schluss damit sein, dass Frauen, wenn sie Mütter werden, ihre Arbeitszeit stärker reduzieren als sie eigentlich möchten und es schwer haben, wieder zu ihrer alten Arbeitszeit zurückzukehren. Und es muss Schluss sein damit, dass Männer, wenn sie Väter werden, ihre Arbeitszeit erhöhen, obwohl sie eigentlich mehr Zeit für die Familie haben möchten.

An gut qualifizierten Frauen mangelt es nicht, sondern am Willen endlich Macht und Einflussnahme zu teilen.

Die Übernahme von Sorgearbeit darf nicht in die berufliche Sackgasse führen, nicht für Frauen und nicht für Männer. Der hohe und anhaltende Teilzeitanteil führt nicht nur in die berufliche Sackgasse, sondern geradewegs in die Altersarmut. Alleinerziehende haben es hier besonders schwer.

Wir brauchen auch mehr Frauen in den Entscheidungsebenen von Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft und Politik. An gut qualifizierten Frauen mangelt es nicht, sondern am Willen endlich Macht und Einflussnahme zu teilen. Freiwilligkeit hat uns nicht weitergebracht. Und wir haben gesehen, dass verbindliche Quoten nicht nur zu mehr Frauen in Führungspositionen führen, sondern auch zu einer Qualitätsverbesserung. Diese müssen nun ausgeweitet werden, damit spätestens 2030 Frauen überall zur Hälfte beteiligt sind. 

Finanzielle Unabhängigkeit, gleicher Lohn für gleich(wertig)e Arbeit, eine faire Verteilung der Sorgearbeit, gleiche Teilhabe auf dem Arbeitsmarkt und bei Karrierechancen und ein Leben frei von Gewalt sind nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch die Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung – in Deutschland, in Europa und auf der ganzen Welt. 

Text Elke Ferner, Vorsitzende UN Women Deutschland

UN Women unterstützt Frauen und Mädchen aus der Ukraine vor Ort und auf der Flucht.

Alle Informationen dazu hier: Hilfe für Frauen und Mädchen in der Ukraine

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