henry viii  anne boleyn ehebruch
Kultur

Die frühere Stellung der Frau anhand von skandalösen Ehebruchklagen

20.05.2022
von Léa Stocky

Im Gegensatz zu heute waren Hochzeiten innerhalb der königlichen Familien im Mittelalter und der frühen Neuzeit nicht unbedingt Vermählungen aus Liebe. Vielmehr handelte es sich um arrangierte Ehen, die meist zwischen mehreren Parteien vereinbart wurden. Häufige Gründe solcher Arrangements waren entweder der Wunsch, die Blutlinie adäquat fortzuführen, oder die Absicht, neue Allianzen mit anderen Königreichen zur Vergrösserung des eigenen Territoriums zu schmieden oder mächtige Partner als Unterstützung zu erhalten. Auf dem Papier mögen diese Ehen zwar angemessen und gut gewirkt haben. Ehebruchsanschuldigungen zeigen aber ein abweichendes Bild.

Das Konzept von ehelichen Beziehungen im hohen Adel des heutigen Westens sah folgendermassen aus: Ein Mann heiratet eine Frau, die ihm Kinder gebärt, um die Blutlinie fortzusetzen und die Machtstellung zu halten. In diesem Sinne wurde eine Königin nicht als eigenständige Person betrachtet, sondern als Mittel zum Zweck – ein Brutkasten für männliche Erben. Dies wirft weitere Fragen zur Stellung der Frau in der Partnerschaft, aber auch in der Gesellschaft als Ganzes auf. Bis heute ist die Funktion der Mutter untrennbar mit dem Gesellschaftsbild der Weiblichkeit verwoben. Noch stets spüren einige Frauen ab einem gewissen Alter den gesellschaftlichen Druck, ein Kind bekommen zu müssen.

Die Kinderfrage, insbesondere das Thema von männlichen Nachkommen, ist ein essenzielles Puzzlestück, um die Rollenverteilung von Königspaaren der vergangenen Jahrhunderte zu verstehen. Schlussendlich wurde nämlich die Frau dafür verantwortlich gemacht, wenn sie keinen Jungen zur Welt bringen konnte. So liess sich Napoleon 1809 von Kaiserin Joséphine scheiden, nachdem diese nicht schwanger wurde. Der Kaiser bezeichnete die Scheidung als Opfer, das «dem Wohle Frankreichs dienlich» sei. In erster Linie ging es also einerseits um eine Pflicht seinem Land gegenüber, was andererseits auch Auswirkungen auf die soziale Stellung und Macht seiner Familie hat. Die Liebe blieb Nebensache.

Kaiserin Joséphine de Beauharnais musste sich von Napoleon scheiden lassen.

Kaiserin Joséphine de Beauharnais musste sich von Napoleon scheiden lassen.

Der Ehebruch der Frau – ein zu sühnendes Verbrechen

Diese Auffassung von der Ehe als losgelöst von Liebe bedeutet jedoch nicht, dass die Herrscher keine Seelenverwandten suchten – oder zumindest jemanden für eine schöne Nacht. Denn viele König:innen unterhielten Liebschaften, von welchen einige bis heute bekannt sind. Diese Liebesaffären beeinflussten zuweilen in direkter Weise die Herrschaft und die Art zu regieren.

Eine der skandalösesten Ehebruchsgeschichten betraf König Philipp IV. den Schönen, der zwischen 1285 und 1314 in Frankreich herrschte. Philipp IV. hatte eine Tochter sowie drei Söhne. Um die Dynastie der Kapetinger an der Macht zu halten, verheiratete er seine männlichen Nachkommen mit drei Töchtern aus derselben Familie. Sein ältester Sohn, der spätere Ludwig X., heiratete Margarete von Burgund, während sich Philipp mit Johanna II. von Burgund und Karl mit deren Schwester Blanka vermählten. Am sittenstrengen französischen Hof fielen die Geschwister allerdings aus dem Rahmen und eckten an. Denn unzufrieden mit ihren Ehen nahmen sich Margarete und Blanka jeweils einen der Brüder d’Aunay als Geliebten. Beinahe drei Jahre lang trafen sich die Pärchen im Tour de Nesle in Paris.

Trotz der Deckung von Johanna verbreiteten sich Gerüchte über die ausserehelichen Beziehungen. Alles flog auf, als Isabelle, die Schwester der betrogenen Brüder und Ehefrau des englischen Königs Eduard II., den Verrat aufdeckte. Sie erzählte ihrem Vater Philipp dem Schönen von den Liebschaften, der daraufhin Nachforschungen anstellen liess. Schliesslich gestanden Margarete und Blanka ihre heimlichen Beziehungen unter Folter. Die Neuigkeiten machten in Paris schnell die Runde und der König begann sich davor zu fürchten, dass die Legitimität seiner Nachkommenschaft infrage gestellt werden könnte. Daraufhin wurden die drei Schwestern eingesperrt und Margarete und Blanka zur Demütigung die Köpfe kahl geschoren. Johanna sah man eher als Komplizin denn Schuldige an und ein Freispruch folgte kurz nach der Inhaftierung. Margarete musste im Gefängnis bleiben und verstarb ein Jahr später in ihrer Zelle. Blanka sass ihre Strafe ab, bevor sie sich für den Rest ihres Lebens in ein Kloster zurückzog.

Tour de Nesle in Paris (abgerissen 1663 oder 1665), Schauplatz zweier skandalösen Ehebrüche

Tour de Nesle in Paris (abgerissen 1663 oder 1665).

 

Vom Mittelalter bis in die Neuzeit war es an den europäischen Höfen üblich, dass Herrscher sich Mätressen nahmen. Eines der wohl bekanntesten Ehedramen dreht sich um den englischen König Heinrich VIII., der von 1509 bis 1547 regierte, und seiner zweiten Frau Anne Boleyn. Ersterer war bekannt für seine Grausamkeiten gegenüber seinen Partnerinnen. Zwei seiner insgesamt sechs Ehefrauen liess er hinrichten, darunter Anne Boleyn, die Mutter der späteren Königin Elisabeth I. Sie wurde offiziell des Ehebruchs, Inzests und der Verschwörung angeklagt und durch Enthauptung exekutiert. Über die tatsächlichen Hintergründe der Anklagen gingen die Meinungen im Nachhinein auseinander. Heutzutage besagt der akademische Konsens, dass Anne Boleyn keinen Ehebruch begangen habe, sondern von ihrem Mann aus dem Weg geräumt wurde, weil sie ihm keinen Sohn geboren hatte.

Anne Boleyn, die zweite Frau von Henry VIII., die nach ihrem angeblichen Ehebruch hingerichtet wurde.

Anne Boleyn, die zweite Frau von Henry VIII., die nach ihrem angeblichen Ehebruch hingerichtet wurde.

Anschuldigungen des Ehebruchs als politische Waffe

In Cahiers de Civilisation Médiévale (1992) schlägt Geneviève Bührer-Thierry eine andere Interpretation der Ehebruchklagen vor, welche gegen die französischen Königinnen am Ende des ersten Jahrtausends erhoben wurden. Sie sieht in diesen Verurteilungen eine Verbindung zur zunehmenden politischen Rolle und wachsenden Machtstellung der Edelfrauen. Sie weist darauf hin, dass die Königin verstärkt «mitverantwortlich für das Königreich» wurde und beispielsweise sogar «die Regentschaft im Namen ihrer minderjährigen Kinder übernehmen» konnte. Folglich könne der Vorwurf des Ehebruchs für politische Zwecke eingesetzt worden sein, um Königinnen aus Machtpositionen zu drängen, insbesondere indem die Legitimität ihrer Kinder in Zweifel gezogen wird.

Eine zeitgenössische Sicht auf historische Beziehungen kann dazu verleiten, die Vergangenheit aus der Perspektive der heutigen Werte und Auffassungen neu zu interpretieren. Zudem beeinflussen die romantisierten Märchenerzählungen gegenwärtige Anschauungsweisen über das Mittelalter. Tatsächlich heirateten nur wenige Prinzen die willige Prinzessin, für die sie gekämpft haben.

Die Frage nach royalen Ehebrüchen und deren historische Betrachtung ist besonders aufschlussreich, da die Leben von König:innen bekannt und gut dokumentiert sind. Egal ob wahr oder erfunden, solche Vorwürfe besassen die Macht, als moralische und politische Waffe ein Königreich zu destabilisieren und den Verlauf der Geschichte zu ändern. So wie es auch Philipp der Schöne mit seinen Schwiegertöchtern befürchtete.

Text Léa Stocky

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