Interview von Akvile Arlauskaite

Raffa’s Plastic Life: «Für das eigene Glück muss man kämpfen»

Raffaela Zollo, besser bekannt als Raffa's Plastic Life, ist eine der erfolgreichsten Schweizer Content Creators und Gründerin der Kosmetikmarke «Raffa's Plastic Cosmetics», unter der sie kürzlich eine Kollektion synthetischer, veganer Wimpern lancierte. Im Interview mit «Fokus» spricht sie über die Influencer:innen-Szene, ihre Karrierepläne und das Dating als Transperson.

Raffaela Zollo, besser bekannt als Raffa’s Plastic Life, ist eine der erfolgreichsten Schweizer Content Creators und Gründerin der Kosmetikmarke «Raffa’s Plastic Cosmetics», unter der sie kürzlich eine Kollektion synthetischer, veganer Wimpern lancierte. Im Interview mit «Fokus» spricht sie über die Influencer:innen-Szene, ihre Karrierepläne und das Dating als Transperson.

Raffa Zollo, Sie sind seit 2016 als Influencerin tätig. Wie hat sich die Branche in dieser Zeit verändert?

Zu Beginn meiner Karriere wurde das Influencen nur als Hobby und nicht als Beruf gesehen. Erst seit dem letzten Jahr werden Content Creators als «echte» Unternehmer:innen wahr- und ernstgenommen. Nun ist es zu einem legitimen Karriereziel vieler geworden und immer mehr Jugendliche wollen auf Social Media bekannt werden.

Unter anderem sind Sie durch Make-up-Content bekannt geworden. Was bedeutet Make-up für Sie?

Für mich ist Make-up Kunst. Damit kann man alles sein: süss, sexy, rockig… Make-up ist mein Ausdrucksmittel, eine Extension meiner Persönlichkeit.

Aus Ihrer Begeisterung für Make-up entstand vor ein paar Jahren die Kosmetikmarke «Raffa’s Plastic Cosmetics». Mitte August launchte Ihre Kollektion synthetischer Wimpern. Wie ist es dazu gekommen, dass Ihre Lashes vegan und tierversuchsfrei sind?

Anfangs konnte ich keinen Hersteller veganer, synthetischer Wimpern finden, die mir zusagten. Deshalb entschied ich mich zunächst für Nerz- und Seidenwimpern. Mit der Zeit konnte ich mehr Kontakte in der Branche knüpfen und fand schliesslich einen Hersteller, dessen vegane Wimpern zu meiner Marke passten. Inzwischen sind alle Produkte von Raffas Plastic Cosmetics vegan.

Gibt es Beauty-Content-Creators, zu denen Sie aufschauen?

Vor ein paar Jahren habe ich mich von einigen amerikanischen Beauty Influencer:innen wie etwa Jeffree Star inspirieren lassen. Er hat von nichts ein Imperium aufgebaut, das finde ich sehr bewundernswert. Es ist jedoch schade, dass in den USA so viele Content Creators stets in Drama verwickelt sind. Dort vergeht nicht ein Tag, ohne dass was passiert.

Gibt es auch in der Schweiz derart viel Drama um Beauty-Content-Creators?

Nicht wirklich. Die Schweizer Beauty-Influencer:innen-Szene ist schlichtweg zu klein, damit Drama überhaupt entstehen könnte. Zudem liegt es in unserer Mentalität, Konfrontation zu meiden. Vielmehr versuchen wir, Konflikte freundlich zu lösen, ohne jemanden zu ärgern oder zu verletzen. In Amerika ist es genau umgekehrt. Ich denke, das ist eine Marketingstrategie – Drama ist zwar nicht gut, aber Drama ist Werbung.

Wo sehen Sie die negativen Seiten des Influencer:innen-Daseins?

Das Content-Creator-Business ist eine harte Industrie. Es ist nicht nur die Qualität eines Inhaltes entscheidend, sondern wir messen uns vor allem in Zahlen, wie viele Likes oder Follower:innen jemand hat. Vor vier Jahren ist eines meiner Videos viral gegangen, womit ich in wenigen Tagen 150 000 Follower:innen gewonnen, vier Millionen Aufrufe auf Facebook und eine Million Klicks auf YouTube generieren konnte. Ab diesem Moment setzt man sich aber ständig unter Druck: Jeder Beitrag sollte wieder viral gehen und noch besser performen.

Was haben Sie in dieser Zeit gelernt?

Dass ich nicht so streng mit mir sein sollte. Dass ich eine gute Life-Work-Balance brauche. Und dass ich mich nicht immer pushen muss, sondern auch mal zurückschrauben kann und das Ganze geniessen sollte.

In welchem Bereich fiel es Ihnen am schwersten, nicht so streng mit sich selbst zu sein?

Im Content-Creation-Bereich. In den ersten zwei Jahren habe ich drei bis fünf Videos wöchentlich veröffentlicht. Das war schon recht hart. Auf YouTube kann man nicht immer das Gleiche machen, sondern muss sich ständig weiterentwickeln und neue Ideen haben. Ich habe aber gelernt, dass es okay ist, wenn ich «nur» ein bis zwei Videos pro Woche mache. Das gleiche gilt auch für alle anderen Social-Media-Plattformen – ich muss nicht immer 110 Prozent geben.

Und wie steht es aktuell mit Ihrer Work-Life-Balance?

Bis vor einem Jahr habe ich nur gearbeitet und in meiner Freizeit TV oder auf das Handy geguckt. Das war jedoch keine richtige Balance. Seither habe ich mit vielen Hobbys angefangen: Ich reite, lese, bin oft unterwegs, treffe Leute und helfe seit einem Monat in einem Tierheim aus. Einmal habe ich sogar zwei Motorflugstunden genommen. Das war aber gar nicht mein Ding, das war schon sehr scary (lacht).

Vor vier Jahren sagten Sie in einem Video, dass Sie es als Transfrau beim Dating schwer haben. Trifft dies immer noch zu?

Ja. Ich bin jetzt in einem Alter, in dem man anfängt, über eine Familie nachzudenken. Für mich als eine Transfrau ist es jedoch schwierig, jemanden zu finden. Oft schreibe ich mit einem Mann und er sagt, meine Transsexualität sei kein Problem. Schlussendlich ändert er seine Meinung aber, da ich ja keine Kinder kriegen kann. Adoptieren kommt für ihn jedoch nicht in Frage, er würde lieber ein eigenes Kind wollen.

In den letzten Jahren soll das Bewusstsein für Transpersonen jedoch gestiegen sein. Haben Sie eine Veränderung bemerkt?

Ich wünschte, ich könnte ja sagen, aber nein. Wir Transfrauen werden leider immer noch als Fetisch oder Tabu betrachtet. Vor Kurzem meinte ein Date, wie toll er mich findet und dass er sich eine Beziehung mit mir vorstellen könne. Als ich ihm dann gesagt habe, dass ich trans bin, wollte er plötzlich nur noch eine «Freundschaft Plus» haben. Ich dachte mir: «Alles klar, als Partnerin bin ich also nicht gut genug, als Bumsfreundin aber schon?» Aber vielleicht treffe ich nur auf Abfallmenschen, das kann auch gut sein.

Was müsste konkret passieren, damit sich dieses Bild ändert?

Wir sind bereits auf dem richtigen Weg. Zwar wird mehr über das Thema geredet, die Arbeit ist aber noch lange nicht getan. In Serien und Filmen zum Beispiel sollten Transpersonen häufiger vertreten sein. Aber das ist ein Prozess, der Zeit sowie Menschen benötigt, die als Pionier:innen den Weg für andere ebnen. Ich denke, in ein paar Generationen wird es schon viel besser sein, denn unsere Kinder wachsen immer offener auf.

Was wollten Sie eigentlich als Kind werden?

Fernsehmoderatorin. Und das möchte ich immer noch. Mit «blue» habe ich bereits meine eigene Rubrik in der Sendung «What to Watch». Ein grosses Ziel von mir ist auch, mehr im Fernsehen zu sein sowie eine eigene TV-Show zu haben.

Was raten Sie Jugendlichen, die noch nicht wissen, welche Ziele sie im Leben verfolgen möchten?

Man sollte nicht warten, bis etwas passiert, sondern so viel wie möglich ausprobieren und lernen, beispielsweise ein zehntes Schuljahr anhängen oder Schnuppertage absolvieren. Dabei merkt man schnell, was einem gefällt und was nicht, und vielleicht entwickelt sich daraus auch etwas Tolles.

 Was würden Sie Ihrem 14-jährigen Ich raten?

Oh, Bitch! (lacht). Nein, ich würde ihr sagen, dass alles gut kommt und dass meine Träume in Erfüllung gehen werden, wenn ich hartnäckig dranbleibe. Für das eigene Glück muss man kämpfen, das fand ich bereits sehr früh heraus. Aber mit viel Fleiss und Disziplin kann man alles erreichen.

Foto Sandra Gadient

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02.11.2021
von Akvile Arlauskaite
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