je millimeter zählt
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Deutschland Gesundheit

Jeder Millimeter zählt

22.12.2025
von SMA
PD Dr. med. Thomas GaislOberarzt Pneumologie, USZ

PD Dr. med. Thomas Gaisl
Oberarzt Pneumologie, USZ

Lungenkrebs ist eine stille Bedrohung. Er wächst lange unbemerkt. Selbst wenn er früh entdeckt wird, ist die Diagnose oft schwierig. Besonders kleine Läsionen am Rand der Lunge entziehen sich der gängigen Bronchoskopie. Roboter-assistierte Verfahren aber könnten die Lungenkrebsdiagnostik revolutionieren. Eine Studie aus Zürich zeigt, wie groß ihr Potenzial ist.1 

Lungenkrebs zählt zu den größten Herausforderungen der modernen Medizin. Mit einer niedrigen relativen Fünf-Jahres-Überlebensrate von rund 25 Prozent bei Frauen und 19 Prozent bei Männern gehört er zu den prognostisch ungünstigen Tumoren.2 Seine Symptome treten meist spät auf – und selbst wenn Veränderungen der Lunge, sogenannte Läsionen, früh entdeckt werden, ist die Diagnose schwierig. Die meisten Tumoren entstehen in den äußeren Bereichen der Lunge. Auf dem CT-Bild erscheinen sie als rundliche Verschattungen, als Rundherde. Die klassische Bronchoskopie, bei der ein biegsamer Schlauch mit Kamera in die Atemwege eingeführt wird, stößt hier an anatomische Grenzen. Das Instrument gelangt schlicht nicht an den Ort des Geschehens. Die Folge: diagnostische Umwege, die Zeit und Kraft kosten. Früherkennung war bislang mehr Hoffnung als klinische Realität. Das könnte sich jetzt ändern.

Neue Wege in der Lunge

Am Universitätsspital Zürich (USZ) wird seit 2024 ein »Shape sensing« roboter-assistiertes Bronchoskopiesystem eingesetzt. Dieses erlaubt das bisher Unmögliche: eine millimetergenaue Navigation in den feinsten Verzweigungen der Lunge.3 Ein ultradünner, hochflexibler Katheter wird roboter-assistiert durch die Atemwege gesteuert, die integrierte CT-Bildgebung liefert dreidimensionale Aufnahmen in Echtzeit. So lässt sich die Position der Biopsienadel präzise kontrollieren, Fehlversuche und Wiederholungsprozeduren werden seltener. Das Verfahren schafft neue Voraussetzungen, Lungenrundherde früh und minimalinvasiv abzuklären. Für mich stellt dies einen Meilenstein in der Geschichte der Lungenkrebsdiagnostik dar. 

Bahnbrechende Ergebnisse

Eine am USZ durchgeführte randomisiert-kontrollierte Studie nach Goldstandard untermauert diese vielleicht zuerst gewagt klingende Aussage. Dr. Carolin Steinack, Leitende Ärztin der Klinik für Pneumologie am USZ, stellte die Studie im September 2025 auf dem Kongress der European Respiratory Society vor. Das Studienteam untersuchte 78 Patientinnen und Patienten mit insgesamt 127 Lungenrundherden, im Median elf Millimeter groß. Weniger als 15 Prozent dieser Herde hatten überhaupt einen direkt anliegenden Atemweg. Eine enorme Herausforderung für jede bronchoskopische Biopsie. Die Ergebnisse: Mit konventioneller Bronchoskopie konnte in 23 Prozent der Fälle eine Gewebeprobe gewonnen werden, während die roboter-assistierte Methode in 85 Prozent erfolgreich war. Wurde nach einem Fehlschlag der Standardmethode im selben Eingriff auf das roboter-assistierte Verfahren gewechselt, gelang die Diagnose in 93 Prozent der zuvor negativen Fälle – eine Gesamtdiagnoserate von nahezu 95 Prozent. Besonders entscheidend: der Anteil früher Tumorstadien. 68 Patientinnen und Patienten erhielten eine Lungenkrebsdiagnose, 50 davon im Stadium 1A.4,5 Früherkennung ist kein Zufall mehr. Sie wird zu einer realen Option. Dadurch können auch die Behandlungsaussichten verbessert werden.

Lungenkrebsfrüherkennung ist kein Zufall mehr. Sie wird zu einer realen Option.

Starke Argumente

Roboter-assistierte Systeme erfordern zunächst Investitionen von den Kliniken.1 Doch durch reduzierte Fehlversuche, verkürzte Aufenthaltszeiten und weniger Folgeeingriffe rechnet sich dies für die Patientinnen, Patienten und das Gesundheitssystem. Für die Klinik kann dies bedeuten: Ressourcen lassen sich besser einsetzen und planen. In Zeiten angespannter Krankenhausbudgets und fehlender Fachkräfte sind das starke Argumente.

Zugleich verändern neue Lungenkrebsscreening-Programme in Europa den diagnostischen Alltag. In naher Zukunft haben Risikopatientinnen und -patienten die Möglichkeit, per CT gescreent zu werden, um Tumoren früh zu entdecken. Damit wächst die Zahl kleiner, potenziell bösartiger Auffälligkeiten, die abgeklärt werden müssen. Die roboter-assistierte Bronchoskopie kann diesen Bedarf auffangen. 

Gerechte Ökonomie

Der nächste Meilenstein deutet sich bereits an. Künftig könnte in einem einzigen Eingriff nicht nur eine Gewebeprobe entnommen, sondern ein Tumor auch direkt behandelt werden.5 Diese Entwicklungen verändern nicht nur die Medizin, sondern auch ihre Ökonomie. Wenn Früherkennung gelingt, sinken Behandlungskosten, Komplikationen werden seltener, Heilungschancen steigen. So entsteht ein Gesundheitssystem, das nicht nur effizienter, sondern auch gerechter wird. Weil es Leben rettet, bevor Krankheit teuer wird.

Referenzen

1 ERS 2025 Press Release: Tiniest lung tumours diagnosed through robotic-assisted bronchoscopy with CBCT, Universitätsspital Zürich (2025)

2 https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Krebsarten/Lungenkrebs/lungenkrebs_node.html

3 Folch, E.E. et al. (2022). Prospective, multicenter analysis of Shape-sensing robotic-assisted bronchoscopy: Updates from the precise study. Chest, 162(4). doi:10.1016/j.chest.2022.08.2168

4 Abstract no: OA1178 »Robotic-Assisted Bronchoscopy with Integrated Cone-Beam CT vs. Conventional Bronchoscopy for Diagnosing Peripheral Pulmonary Lesions: An Open-Label Randomized Controlled Trial«, by Carolin Steinack et al; Presented in session, »Future bronchoscopic interventions« at 09:30-10:45 CEST on Sunday 28 September 2025

5 https://www.usz.ch/hoffnung-bei-lungenkrebs-mit-robotik-kleinste-schwer-zugaengliche-tumoren-entdecken/

Über den Autor

PD Dr. med. Thomas Gaisl ist interventioneller Pneumologe am Universitätsspital Zürich. Er leitet eine Forschungsgruppe zu roboter-assistierter Bronchoskopie und ist Principal Investigator der Studie.

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