Wenn Maschinen Mitgefühl lernen – wie künstliche Intelligenz zu künstlicher Empathie im Gesundheitswesen wird
Empathie gilt als die vielleicht menschlichste aller Eigenschaften. Sie ist das, was uns verbindet, was Vertrauen schafft und Heilung ermöglicht. Doch was geschieht, wenn Maschinen beginnen, Empathie zu simulieren – nicht aus Gefühl, sondern aus Berechnung? Genau hier beginnt die Vision der »Künstlichen Empathie« (KE) – einer neuen Dimension der digitalen Transformation im Gesundheitswesen und der künstlichen Intelligenz (KI).

Prof. Dr. David Matusiewicz
Dekan für Gesundheit & Soziales der FOM Hochschule, Direktor des ifgs Institut für Gesundheit & Soziales
Die nächste Evolutionsstufe der Digitalisierung
In den vergangenen Jahren hat die Medizin eine rasante technische Entwicklung erlebt: Robotik, Telemedizin, Wearables, Sprachassistenten, Datenanalyse – all das verändert Diagnostik und Therapie grundlegend. KI kann heute Bilder besser auswerten als Radiolog:innen, Krankheitsrisiken präziser vorhersagen und administrative Prozesse automatisieren. Doch was bisher fehlte, war ein Aspekt, den wir in Krankenhäusern, Praxen und Pflegeheimen immer schmerzhafter vermissen: Zeit und Zuwendung.
Hier kommt der Gedanke der künstlichen Empathie ins Spiel. Es geht nicht darum, menschliches Mitgefühl zu ersetzen, sondern es technologisch zu ergänzen. KI-Systeme können Emotionen erkennen, deuten und angemessen darauf reagieren – etwa durch Tonfall, Wortwahl oder nonverbale Signale. Damit entsteht eine neue Form der Interaktion, in der Maschinen empathisch wirken, obwohl sie es – im eigentlichen Sinne – nicht sind. Bei einem Start-up geht es darum, dass die Gründerin selbst Asperger-Syndrom-Patientin ist und eine KI entwickelt, die ihr und anderen hilft, emotionale Signale bei einer eingeschränkten kognitiven Empathie zu lesen. Und die kann auch bei gesunden Menschen eingeschränkt sein.
Simulation statt Emotion
Kann eine Maschine wirklich mitfühlen? Natürlich nicht. Empathie im menschlichen Sinne beruht auf subjektivem Erleben – auf dem inneren Nachvollzug von Emotionen. Künstliche Empathie hingegen ist eine Simulation, ein algorithmisch erzeugtes Spiegelbild menschlicher Kommunikation.
Doch diese Simulation kann eine enorme Wirkung entfalten. Wenn ein Sprachassistent am Krankenbett erkennt, dass eine Patientin ängstlich spricht, und mit beruhigenden Worten reagiert, entsteht eine Form von Resonanz. Der Mensch fühlt sich verstanden – auch wenn kein echtes Gefühl dahintersteht.
Diese Form der technischen Empathie kann in vielen Bereichen unterstützen: in der Telemedizin, in der Pflege, bei chronisch Kranken oder in der psychologischen Versorgung. Systeme, die emotionale Muster erkennen, können frühzeitig Überforderung oder Depression detektieren, empathisch reagieren und Hilfe aktivieren.
Entlastung durch emotionale Intelligenz
Im Krankenhausalltag zeigt sich, wie dringend diese Unterstützung gebraucht wird. Pflegekräfte und Ärzt:innen sind oft überlastet, die emotionale Bindung zum Patienten bleibt auf der Strecke. Künstliche Empathie wird hier entlasten, indem sie Routinedialoge übernimmt – etwa in der digitalen Anamnese, in der Nachsorge oder bei der Therapiebegleitung.
Ein Beispiel: Ein Chatbot fragt nach Symptomen, erkennt in der Stimme Unsicherheit und passt seine Kommunikation an. Er bleibt freundlich, geduldig, zugewandt – und schafft damit Vertrauen. Für medizinisches Fachpersonal bedeutet das: mehr Zeit für die wirklich komplexen, menschlich herausfordernden Gespräche.
Künstliche Empathie wird so zum Katalysator einer neuen Fürsorglichkeit. Nicht, weil Maschinen fühlen, sondern weil sie uns helfen, unsere eigene Empathie wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken.
Zwischen Ethik und Algorithmus
Natürlich birgt die Entwicklung auch Risiken. Wenn Maschinen Emotionen simulieren, kann dies manipulativ wirken. Wer kontrolliert, wie empathisch eine KI reagiert – und zu welchem Zweck? Dürfen Systeme Gefühle »nachahmen«, wenn sie kein moralisches Bewusstsein besitzen?
Hier sind klare ethische Leitplanken nötig. Empathische Technologie darf nie Selbstzweck sein. Sie muss dem Menschen dienen, Transparenz gewährleisten und das Vertrauen in das medizinische System stärken.
Die Vision lautet daher nicht: Maschinen, die fühlen, sondern: Maschinen, die uns helfen, menschlich zu bleiben. In Silicon Valley nennen sie es »Guardian AI« – wie ein Schutzengel, der den Menschen vor seinen Fehlern schützt.
Die Zukunft der Heilkunst
Im Idealfall verschmilzt künstliche Empathie mit der Idee einer menschzentrierten Medizin. Ärzt:innen werden durch KI-Systeme begleitet, die ihnen helfen, Emotionen und Bedürfnisse von Patient:innen besser zu verstehen. Digitale Assistenten könnten darauf hinweisen, wenn Gesprächston oder Körpersprache auf Angst oder Überforderung hindeuten – ein zusätzlicher Sinn, der das Arzt-Patienten-Verhältnis stärkt.
Die Medizin der Zukunft ist damit nicht technokratischer, sondern menschlicher durch Technologie. Denn je besser Maschinen empathisches Verhalten simulieren, desto mehr Raum entsteht für echte, authentische Begegnung.
Künstliche Empathie ist also kein Widerspruch zur Menschlichkeit, sondern ihr digitaler Resonanzraum. Sie zeigt, dass KI nicht nur kühlen Verstand, sondern auch wärmende Wirkung haben kann – eine neue Form des Mitgefühls, die nicht aus dem Herzen, sondern aus dem Algorithmus kommt.
Ein Plädoyer für die Allianz von Mensch und Maschine
Wir stehen an einer Schwelle. Noch ist künstliche Empathie jung, fragmentarisch, oft experimentell. Doch die Richtung ist klar: Wir bewegen uns von der reinen künstlichen Intelligenz zur künstlichen Beziehungsfähigkeit.
Die Zukunft des Gesundheitswesens liegt in dieser Allianz: der menschlichen Empathie, die heilt – und der künstlichen Empathie, die unterstützt, erkennt, verstärkt. Gemeinsam können sie ein System schaffen, das sowohl effizient als auch fürsorglich ist.
Denn letztlich gilt: Nicht die Maschine heilt. Aber sie kann helfen, dass der Mensch es besser kann.
Weiterführende Literatur:
Matusiewicz, D, Werner JA (2025): Künstliche Empathie. Wenn Maschinen Gefühle zeigen, Murmann Verlag, 2025.
Text Prof. Dr. David Matusiewicz
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