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Mobilität

Durch die 15-Minuten-Stadt in eine autofreie Zukunft?

07.01.2022
von Akvile Arlauskaite

Effizient, umweltgerecht und gesünder – so soll das Stadtleben von morgen aussehen. Ein Konzept, das diese Ziele zu erfüllen verspricht, ist die 15-Minuten-Stadt. «Fokus» wirft einen Blick auf das Zukunftsszenario.

Alles Lebensnotwendige, ob Arbeitsplatz, Einkaufsmöglichkeiten, Behörden oder Freizeitangebote, soll vom eigenen Wohnort aus innerhalb 15 Minuten erreichbar sein, ohne ein Auto zu benötigen – das ist die Kernidee einer 15-Minuten-Stadt. Entwickelt wurde das Konzept von Carlos Moreno, Professor an der Pariser Sorbonne-Universität. Er plädiert dafür, Städte mit separaten Wohn-, Freizeit- und Arbeitsvierteln durch ein Geflecht von lebendigen Quartieren zu ersetzen, die diese Bereiche vereinen und wie eine eigene Mini-Stadt funktionieren.

Eine autofreie Stadt verspricht vielseitige Vorzüge…

«Die entscheidende Eigenschaft einer 15-Minuten-Stadt sind die kurzen Distanzen, die ohne Motor – hauptsächlich zu Fuss oder mit dem Velo – zurückgelegt werden können», erläutert Rahel Marti, Journalistin für Raumplanung und Architektur bei der Zeitschrift Hochparterre.

Der hieraus resultierende starke Rückgang des Autoverkehrs verspräche weitreichend positive Folgen. «Im Einklang mit den Klimazielen 2050 würde der CO2-Ausstoss massiv sinken», so Marti. Es gäbe weniger Luftverschmutzung sowie Verkehrslärm, was einen positiven Effekt auf die Lebensqualität der Einwohnenden hätte. Einen weiteren gesundheitlichen Vorteil sieht Marti in der Zunahme an körperlicher Aktivität zur Fortbewegung. Zudem würde das Individuum Zeit sparen, da es nicht mehr weite Distanzen pendeln muss.

«Werden weniger Autos benötigt, da man kürzere Distanzen zurücklegt, gewinnen wir Platz», fährt Marti fort. Auf den Strassen entsteht mehr Platz für Velofahrende und die Trottoirs für Fussgänger:innen können breiter werden. Verkehrsberuhigte Strassen könnten am Abend und am Wochenende als Flächen für Sport und Freizeit dienen. Aufgehobene Parkplätze könnten zu Vorgärten und Spielorten werden oder für die Stadtbegrünung und zur Vergrösserung von Wohnungen genutzt werden.

Auch auf der sozialen Ebene ergäben sich positive Effekte. Die dorfähnlichen Quartiere einer 15-Minuten-Stadt würden gemäss Marti zu einem stärkeren gemeinschaftlichen Zusammenhalt sowie Identifikation mit dem Lebensort beitragen und somit dazu, dass das Individuum seiner Umgebung mehr Sorge trägt.

… aber auch zahlreiche Herausforderungen

Die Schaffung einer 15-Minuten-Stadt erfordert eine tiefgreifende Umstrukturierung. Die Grösse der Stadt spielt dabei eine entscheidende Rolle. «Während die Umsetzung der Idee in Grossstädten realistisch ist, ist dies in Agglomerationen und Dörfern schwierig. Für eine lebendige 15-Minuten-Stadt bedarf es einer kritischen Masse – ein ausreichendes Angebot an allem, was für das tägliche Leben benötigt wird», weist Marti hin.

Der Faktor Mensch stellt eine zentrale Herausforderung dar.

In einem ersten Schritt müssen die Stadt- und Verkehrsplanung anders gedacht werden, mit dem Ziel, den motorisierten Verkehr zu senken. «Dazu nötig ist primär die Förderung des Fuss- und Veloverkehrs», stellt Marti fest. «Das Fahrrad gewinnt zurzeit an Bedeutung. Deshalb ist der Ausbau des Veloroutennetzes zentral. Um Velofahrende zu schützen, ist es weiter wichtig, das Tempo auf den Strassen zu reduzieren. Bei ‹Tempo 30› kommen Autos und Velos gut aneinander vorbei.» Bei der Wegplanung sollten auch die Fussgänger:innen stärker bedacht werden. «Direkte und attraktive Fusswege, etwa durch Quartiere oder Parks statt entlang einer Hauptverkehrsstrasse, animieren die Menschen dazu, sich öfter zu Fuss zu bewegen.» Dabei sollte man jedoch aufpassen, nicht in das andere Extrem zu kippen: «Auf das Auto können wir natürlich nicht gänzlich verzichten – nur schon wegen der Lastwagen für die Versorgung der Stadt mit Gütern. Das Gewerbe ist zum Teil auf das Auto angewiesen und wir brauchen Platz für Unterhalts- und Rettungsfahrzeuge.»

Ein weiterer Aspekt ist die Optimierung der Raumnutzung. Heute sind die meisten Gebäude zu einem einzigen Zweck gebaut und eingerichtet. Um ein möglichst breites Angebot an einem Standort zu schaffen, sollten Flächen multifunktional genutzt werden können. «Je nachdem, ob es Tag oder Nacht, Arbeitstag oder Wochenende ist, stehen bestimmte Räume frei. In einem gewissen Umfang, der auszuloten ist, könnten sie innert 24 Stunden abwechslungsweise für mehrere Zwecke genutzt werden», so Marti. Logistikflächen oder eben Strassen und Parkplätze könnten am Wochenende für Kultur, Sport und Freizeit zugänglich gemacht werden. Gleichzeitig sollten neue Bauwerke sowohl für das Arbeiten als auch für Wohnraum genutzt werden können.

Auch der Faktor Mensch stellt eine zentrale Herausforderung dar. «Das Arbeitssystem in der Schweiz ist stark auf Pendlermobilität ausgelegt. Es ist problemlos möglich, in Bern zu wohnen und in Zürich zu arbeiten. Aufgrund der guten Verbindungen zwischen den Städten könnte die Schweiz sogar als 1-Stunde-Stadt durchgehen», betont Marti. Dies stehe im Konflikt zur Kernidee von Moreno. Eine mögliche Lösung: Die zeitliche und örtliche Flexibilisierung sowie Dezentralisierung der Arbeit in jenen Branchen, wo dies möglich ist, etwa in Form von zeitweisem Homeoffice.

Die zunehmende Beliebtheit des Onlineshoppings stellt eine weitere Schwierigkeit dar. Marti zufolge schwächt dieses Einkaufsmodell zurzeit die Bemühungen für die 15-Minuten-Stadt. «Idealerweise würden wir uns davon wegbewegen, die Ware vor der Haustüre geliefert zu bekommen. Um Online-Handel und 15-Minuten-Stadt zu vereinen, bräuchte es zum Beispiel Abhol-, Anprobier- und Umtauschorte in den Quartieren, vielleicht gleich auch kombiniert mit Ausleih-, also Sharingangeboten.»

Zudem ist im Bereich Freizeit ein grundlegender Wandel notwendig. Insbesondere Grossstadtbewohnende fahren laut Marti an Wochenenden hunderte von Kilometer in die Berge oder in eine andere Stadt. Um dem entgegenzuwirken, müssten 15-Minuten-Städte attraktive Orte für eine nahe Erholung und Bewegungsmöglichkeiten bieten, sodass man nicht weit reisen muss, um auszuspannen oder etwas zu erleben.

15-Minuten-Stadt – die Stadt der Zukunft?

Im Grossen und Ganzen stellt die 15-Minuten-Stadt ein sinnvolles Konzept dar. «Die klassischen europäischen Altstädte wurden einst nach diesem Prinzip aufgebaut.» In der Schweiz sind laut Marti bereits einige Entwicklungen in diese Richtung zu beobachten, etwa der stagnierende oder sinkende Autoanteil in den Grossstädten – wobei bisher als Kompensation vor allem der öffentliche Verkehr zunahm und noch nicht unbedingt der Fuss- und Veloverkehr.

Allerdings sei es ungewiss, wie sich die Bedürfnisse der Bevölkerung künftig entwickeln werden. «Vielleicht stehen wir in 30 Jahren an einem anderen Punkt und empfinden die 15-Minuten-Stadt als zu einschränkend. Eine solche Entwicklung kann ich mir derzeit jedoch nicht vorstellen», resümiert Marti.

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Lesetipp

Das Buch «Dezentralschweiz» von Paul Schneeberger und Joris Van Wezemael berichtet von Zukunft der Mobilität und klärt darüber auf, wie die Coronapandemie uns sesshafter macht sowie was diese Entwicklung für unsere Lebensräume bedeutet.

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