Interview von SMA

«Wir erleben den grössten Wandel der Mobilität seit der Erfindung des Autos»

Die Mobilität verändert sich grundlegend. Das muss sie auch, wenn wir sowohl in der Schweiz als auch weltweit die Klimaziele erreichen möchten. Welche Rolle dabei den Automobilherstellern zukommt, fragte «Fokus» bei Marc Langenbrinck nach, dem CEO von Mercedes-Benz Schweiz. Er sieht sich und sein Unternehmen in der Verantwortung – doch für ihn ist ein erfolgreicher Mobilitätswandel vor allem Teamwork.

Marc Langenbrinck, Sie sind seit fast 20 Jahren mit der Marke Mercedes-Benz verwachsen. Über welche Stationen verlief Ihr Karriereweg dorthin?

Ich kam ganz klassisch nach meinem Universitätsabschluss über ein Trainee-Programm ins Unternehmen, meinen Einstieg hatte ich bei Mercedes-Benz Deutschland. Über die Jahre hinweg konnte ich dann verschiedene Aufgaben im Konzern wahrnehmen sowie unterschiedliche Funktionen bekleiden.

So war ich unter anderem für das internationale Flottengeschäft zuständig, führte die Marke «smart», durfte im französischen Markt als CEO für den «Stern» arbeiten – und bin seit nunmehr knapp fünf Jahren als CEO von Mercedes-Benz Schweiz tätig.

Hatten Sie schon immer ein Faible für das Thema Mobilität?

Auf jeden Fall. Die Faszination für die Fortbewegung im Allgemeinen und für das Automobil im Besonderen begleitet mich seit jeher. Autos sind hochinteressante Produkte. Sie sind nicht nur komplexe Objekte, beziehungsweise Systeme, bestehend aus tausenden Teilen.

Sie bewegen sich auch in einem komplexen Spannungsfeld, das unter anderem von zahlreichen gesellschaftlichen Herausforderungen geprägt wird. Diese zu adressieren und gleichzeitig die Ansprüche unserer Kundschaft nach Mobilität und Leistung zu erfüllen, macht die Arbeit in dieser Branche so spannend für mich. 

Welches sind Ihres Erachtens die zentralen Herausforderungen in Sachen Mobilität?

Wir erleben derzeit den grössten Wandel in der Mobilitätsbranche seit der Erfindung des Autos. Dieser tiefgreifende technologische Wandel wird von der Erkenntnis getrieben, dass wir Ressourcen schonen und unsere Umwelt schützen müssen.

Zu diesem Zweck müssen wir unter anderem auch eine nachhaltigere Mobilität etablieren. Die bisherigen Antriebsarten werden abgelöst. Und in der Automobilbranche halten wir das elektrische Fahren für die Fortbewegungsmethode der Zukunft. 

Wir müssen akzeptieren, dass es sich beim Wandel hin zur E-Mobilität nicht um einen Sprint handelt, sondern um einen Marathon.

Dieser Paradigmenwechsel ist aufregend, aber auch ein Kraftakt für jeden Automobilhersteller. Zur Veranschaulichung: Bis 2026 wird Mercedes-Benz rund 60 Milliarden Euro in die Elektrifizierung investieren.

Das sind immense Summen. Eine solche Investition tätigt man wirklich nur dann, wenn man von ihrem Zukunftspotenzial restlos überzeugt ist. Der Einsatz ist hoch – und ebenso gross ist der Respekt, mit dem man den Herausforderungen der neuen Mobilität begegnen muss.

Was können Automobilhersteller konkret tun, um die E-Mobilität zu fördern?

Eine ganze Menge. Wir müssen Automobilistinnen und -mobilisten attraktive Modelle bieten. Unsere Angebotspalette umfasst daher bis Ende Jahr acht vollelektrische Fahrzeuge sowie ein Mehrfaches an Plug-in-Hybriden. Wir Hersteller sind also insgesamt bereit für die elektrische Mobilitätszukunft, die Technologie ist ready. Viel entscheidender scheint mir allerdings die Frage, ob das auch auf Gesellschaft und Politik zutrifft.

Wie meinen Sie das?

Als Automobilhersteller sind wir nur ein Teil der Gleichung, die zum Durchbruch der Elektromobilität führt und so zum Erreichen der Klimaziele beiträgt. Noch wichtiger sind die Kundschaft sowie die Politik. Heute muss man sich Elektromobilität leisten können und bereit sein, für mehr Nachhaltigkeit potenzielle Komforteinbussen hinzunehmen.

Die Ladeinfrastruktur in der Schweiz ist weder einheitlich ausgestaltet, noch ist das Netz an Ladestationen gross und leistungsfähig genug. Hier ist die Politik gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, die einen Ausbau – im öffentlichen und im privaten Raum – beschleunigen.

Hinzu kommt, dass die finanzielle Förderung der Elektromobilität von Land zu Land unterschiedlich geschieht. So greift die Schweiz beispielsweise bei der Durchsetzung der 95-Gramm-Flottenlimite auf ein System zurück, das meiner Meinung nach an den realen Gegebenheiten vorbeizielt. 

Die 95-Gramm-Flottenlimite definiert, wie viel CO2 Automobile im Schnitt absondern dürfen – und büsst Überschreitungen. 

Richtig. Doch anders als in anderen Ländern wird in der Schweiz den Herstellern eine Strafe auferlegt, wenn die Werte überschritten werden. Logischer und wirkungsvoller wäre es, eine Verbrauchssteuer direkt bei den Kundinnen und Kunden einzufordern.

Marc Langenbrinck vor dem neuen Mercedes-Benz EQS. Bild: zVg

Wenn wir einen echten Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit einleiten wollen, benötigen wir ein transparentes Verständnis für die Opportunitätskosten der verschiedenen Antriebsarten. Meines Erachtens sollte jede Person entscheiden können, welche Antriebsart ihr zusagt – doch sie muss dann auch die Opportunitätskosten tragen. 

Ihr Unternehmen möchte mittelfristig CO2-neutral werden. Ist man auf gutem Weg?

Bereits heute erfolgt unsere eigene Fahrzeug- und Batterieproduktion weltweit CO2-neutral. Bis 2025 wollen wir beim Absatz einen Anteil von bis zu 50 Prozent an Plug-in-Hybriden und batterieelektrischen Fahrzeugen erreichen. Vor 2030 wollen wir bereit sein, komplett auf Elektro umzustellen, wo immer der Markt das zulässt.

Und wir haben die Ambition, bis im Jahr 2039 CO2-neutral zu werden – von der Entwicklung über die Gewinnung der Rohstoffe, die Produktion bis hin zur Nutzungsphase und zum Recycling. Doch wir müssen uns vor Augen halten, dass die Menschen nicht schon übermorgen allesamt elektrisch fahren werden. In der Schweiz sind über vier Millionen Personenwagen zugelassen.

Pro Jahr kommen 250 000 Neuimmatrikulationen hinzu, von denen aktuell 15 bis 20 Prozent E-Fahrzeuge sind. Es wird also noch lange dauern, bis wir den bestehenden Fuhrpark auf Elektroantrieb umgestellt haben. Dementsprechend wird auch noch lange ein Tankstellennetz für Verbrenner existieren. Wir müssen akzeptieren, dass es sich beim Wandel hin zur E-Mobilität nicht um einen Sprint handelt, sondern um einen Marathon.

Oder noch treffender: Es ist ein Zehnkampf, bei dem wir in allen Disziplinen einen maximalen Beitrag leisten müssen, nicht nur in einer. Die Produkte sind vorhanden und wettbewerbsfähig. Nun benötigen wir die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen für deren Nutzung. 

Also liegt der Ball aktuell bei den Politikerinnen und Politikern?

Nicht ausschliesslich. Wenn wir mit einem emissionsarmen Verkehr zur Erreichung der Klimaziele beitragen möchten, setzt das einen kooperativen Ansatz voraus. Die Politik ist hierfür sicherlich ein wichtiger Treiber, denn sie kann Lenkungsmittel wie eine sinnvolle Verbrauchsteuer nutzen und zu einer besseren Orientierung beitragen.

Ich bin ein grosser SBB-Fan und nutze ÖV-Angebote ausgiebig.

Doch der Diskurs muss gesamtgesellschaftlich geführt werden. Es geht um Dinge wie ein Recht auf Laden – auch in einer Mietwohnung – oder darum, dass wir eine langfristig gesicherte Versorgung mit Strom aus erneuerbaren Quellen sicherstellen müssen. Da sind neben der Politik sowie uns Herstellern auch Unternehmen, Immobiliengesellschaften, Stromversorger und viele mehr gefragt.

Und ganz wichtig: Bei der nachhaltigen Mobilität geht es – logischerweise – nicht nur ums Auto. Ich bin ein grosser SBB-Fan und nutze ÖV-Angebote ausgiebig. Wir dürfen nicht in Feindbildern denken, sondern sollten vielmehr im Bewusstsein agieren, dass wir gemeinsam für die optimale Lösung kämpfen. Der erfolgreiche Mobilitätswandel setzt Teamwork voraus. 

Die Automobilindustrie ist bereit, die Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen – aber sind Automobilist:innen bereit für den Wechsel?

Bei unserer Kundschaft ist die Akzeptanz von elektrischen Antrieben enorm spürbar. Wir verzeichnen in diesem Segment eindrückliche Zuwachsraten. Und ein Nachlassen ist nicht abzusehen.

Ich würde sogar ganz frech behaupten, dass wir heute doppelt so viele E-Fahrzeuge verkaufen könnten, wenn wir diesen Zehnkampf komplett angehen würden und über die notwendige Infrastruktur verfügten. 

Die politische Debatte benötigt Zeit, ebenso der Ausbau von Anlagen. Und auch wir als Konsumentinnen und Konsumenten stellen unsere Gewohnheiten nicht von heute auf morgen um. Könnten unsere mobilitätsbezogenen Nachhaltigkeitsbemühungen in einem Flaschenhals stecken bleiben?

Nein, dieser Ansicht bin ich nicht. Ich glaube fest an den Durchsetzungswillen der Menschen sowie an unseren Pragmatismus. Es sind bereits wichtige Entwicklungen im Gange und es fehlt auch nicht an Innovationskraft.

Auch die Verbrenner entwickeln sich technisch weiter, sodass der CO2-Ausstoss durch Autos auch dann abnimmt, wenn nicht jedes Fahrzeug elektrisch betrieben wird. Eine mögliche Gefahr besteht aber darin, dass wir dauerhaft zu langsam voranschreiten und dann der Diskurs irgendwann kippen könnte, im Sinne von: «Vielleicht sind E-Antriebe doch nicht der richtige Weg und wir sollten Alternativen suchen.»

Das wäre problematisch, denn wir können nicht wieder bei null beginnen. Dafür haben wir keine Zeit mehr und es überstrapaziert auch die Entwicklungs- und die Investitionskapazitäten der Hersteller. 

Welche Themen sind im Mobilitätssektor abseits des E-Antriebs aktuell?

Nebst der Nachhaltigkeit, die absolute Priorität geniesst, sind die Konnektivität und autonomes Fahren wesentliche Aspekte. Bei Letzterem haben wir dieses Jahr als erster Hersteller überhaupt die Zulassung für die Stufe 3 auf deutschen Strassen erhalten.

Ich bin mir sicher:  Mobilität wird mich und uns alle auch künftig faszinieren – und bei Mercedes-Benz werden wir dabei mit unseren Innovationen stets neue Massstäbe setzen.

Smart
fact

Zur Person:

Marc Langenbrinck ist seit Oktober 2017 CEO der Mercedes-Benz Schweiz AG. Der deutsch-französische Doppelbürger wurde 1969 in Freiburg im Breisgau geboren und startete seine berufliche Laufbahn 1995 im Management Trainee Programm der Mercedes-Benz AG.

Seither war er in diversen Positionen für den «Stern» tätig – zuletzt als CEO von Mercedes-Benz France. Langenbrinck ist u.a. Mitglied des Vorstandes von auto-schweiz und des Stiftungsrates der Laureus Stiftung Schweiz.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

16.06.2022
von SMA
Vorheriger Artikel Wie Mikromobilität und die menschliche Evolution zusammenhängen
Nächster Artikel «Ich bin 19 und brauche keine Jacht»