Interview von Marlène von Arx

«Ich bin 19 und brauche keine Jacht»

Avi Schiffmann ist Internet-Aktivist. 2020 hat der inzwischen 19-jährige Computer Coder eine weltweit genutzte Covid-19-Data-Webseite eingerichtet und jetzt vernetzt er ukrainische Flüchtlinge online mit Unterkünften. Im Gespräch verrät der Harvard-Student seinen nächsten Streich.

Avi Schiffmann, woher stammt die Idee, mit ukrainetakeshelter.com Wohnungsanbieter und ukrainische Flüchtlinge online zu vernetzen?

Die Idee kam mir bei einem Solidaritätsmarsch in San Diego. Allein dort waren ein paar hundert Leute dabei und ich wusste: Ich musste etwas für die Millionen von Leuten in Europa machen, nicht nur für ein paar hundert in San Diego.

Ich kenne mich mit Webseiten und Apps aus, deshalb rief ich meinen Harvard-Kumpel Marco Burstein an. Gemeinsam entwickelten wir ein sicheres User-Interface-Fundament und kontaktierten Organisationen vor Ort.

Wie lange dauerte die Entwicklung?

Wir hatten die Website in weniger als 72 Stunden fertig. Coding ist heute nicht mehr so schwierig, wenn man die Idee und die Motivation für die Ausführung hat. 90 Prozent der Seite war schon in 24 Stunden fertig. Die anderen zwei Tage verbrachten wir damit, dass sie professionell und sicher daherkommt. 

Wie gross war das Team?

Nur ich und Marco. Manchmal tweetete ich Hilfeaufrufe raus wie: «Ich brauche jemanden, der die Website auf rumänisch übersetzen kann». Einen Moment später meldete sich jeweils jemand, der das machen konnte. Eigentlich sollte der Staat ja solche Seiten aufgleisen, nicht irgendwelche Teenager, aber sie bringen das leider nie auf die Reihe. 

Welche Rückmeldungen hast Du erhalten, die Dir besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Das ist wohl die Familie in Kharkiv, die sich in ihrem Keller versteckte, als die Stadt früh im Krieg belagert wurde. Sie haben UkraineTakeShelter.com genutzt und eine Familie in Frankreich gefunden, die ein leerstehendes Ferienhaus hatte.

Sie haben ihnen geholfen, nach Frankreich zu kommen. Drei Tage später wurde das Zuhause der ukrainischen Familie zerstört. Die Webseite hat also nicht nur mit der Wohnungssituation geholfen, sondern auch Leben gerettet. Die Fotos von ihnen auf dem Erdboden im Keller zu sehen und dann in dieser kinoreifen Villa am Strand war ein ziemlicher Kontrast.

Wird die Webseite noch weiterentwickelt?

Ja, denn ich will nicht nur Unterkünfte anbieten. Flüchtlinge brauchen noch viel mehr. Momentan arbeite ich an einer Job-Börse. Ukrainer und Ukrainerinnen sind sehr gut ausgebildet und man kann sie in Europa, wo es zu wenig Arbeitskräfte gibt, gut vermitteln.

Ich will nicht profitieren, wenn Menschen sterben.

Das ist der nächste Schritt für diese Plattform. Und irgendwann soll es erweitere Angebote geben wie Transport, Rechtsbeistand und Sprachunterricht – und das nicht nur für Ukrainer:innen.

Es soll zu einer humanitären Database werden, die man bei Naturkatastrophen oder Pandemien, oder was auch immer, einsetzen kann. Denn viele Leute wollen ja in solchen Momenten helfen. Sie brauchen nur einen Ort, wo sie ihre Hilfe anbieten können. 

Dafür musstest Du Dir eine Auszeit von Harvard nehmen?

Ja, Ich war letztes Semester da und habe meinen inzwischen guten Freund Marco da kennengelernt. Eine Webseite mit so vielen Usern zu verwalten, ist aber ziemlich stressig. Ich habe momentan keine Zeit für die Schule. Ansonsten bin ich jedoch ein normaler Teenager: Ich bin an den Schulball gegangen und lese Comic-Books. (lacht) 

Was machen Deine Eltern beruflich?

Meine Mutter ist Ärztin und mein Vater schreibt über Medizin. Ich bin in sechs Ländern zur Schule, während mein beiden jüngeren Geschwister nun hauptsächlich in Seattle aufwachsen. Es ist etwas kompliziert: Wir sind Amerikaner, aber mein Vater ist Brite, meine Mutter Französin und beide haben israelische Wurzeln. Wir haben polnische Vorfahren.

Mit 17 Jahren hast Du eine laufend aktualisierende Covid-19-Database-Webseite entwickelt, für die Dir 8 Millionen Dollar offeriert wurden. Bereust Du heute, dass Du sie nicht verkauft hast?

Das Einzige, was ich bereue: Dass man mich die ganze Zeit danach fragt. Ich will nicht profitieren, wenn Menschen sterben. Man kann mir auf der Webseite einen Kaffee spendieren. Das wurde überraschend rege getan und half, um den Server zu finanzieren.

Eigentlich hasse ich Coding.

Hätte ich die Webseite verkauft, hätte ich den 2020 Webby Person of the Year Award wohl nicht gewonnen und sie wäre nun voll von Werbung, was ich nicht ausstehen kann. Und überhaupt: Ich bin 19 und brauche keine Jacht.

Wann hat Deine Leidenschaft für Coding eigentlich angefangen? 

Ich habe schon in der frühen Primarschule damit angefangen. Ich habe an Hackathons teilgenommen, Video-Games verkauft und war 3D-Modelierer. Wenn man viel Zeit am Computer verbringt, will man irgendwann, dass er macht, was immer man ihm befiehlt. Und das ist halt Computer Coding. Aber eigentlich hasse ich Coding.

Ach, wirklich?

Ich beschränke mich einfach auf das Minimum, damit etwas cool aussieht. Ich habe eher die Einstellung eines Unternehmers, der sich fragt, was will der User wirklich und was macht ein gutes Interface aus. Aber wenn ich in fünf Jahren immer noch kodiere, dann gute Nacht!

Wie stellst Du Dir Deinen weiteren Werdegang vor?

Start-ups, Genetic Engineering und Artificial Intelligence interessieren mich – quasi alles Coole, womit wir uns in den nächsten Dekaden beschäftigen werden. Viele meiner Freunde stecken in einem Hamsterrad von Praktika-Bewerbungen, Semesterprüfung und Hochschularbeiten nach einem vorgegebenen Schema.

Das war nie mein Ding. Ich weiss nicht, ob ich nach Harvard zurückgehe. Der Butterfly-Effekt motiviert mich, an Projekten zu arbeiten, die einen Welleneffekt auf der ganzen Welt machen. Meine Art Aktivismus ist erst seit Kurzem möglich – Dank des Internets und weil immer mehr Menschen Mobiltelefone haben.

Wenn man durch Social Media scrollt, findet man irgendwelche Typen, die Katastrophen kreieren auf der Welt. Meine Sicht ist: Irgendwelche andere Typen auf der Welt können sie auch wieder beheben. Vermutlich ist das eine naive Sichtweise, aber es funktioniert – das haben meine Webseiten bewiesen.

Texte Marlène von Arx
Bild zVg/Avi Schiffmann

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22.06.2022
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