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Wo ein Fisch in der Felswand liegt

15.09.2015
von SMA

In Bern gibt es einen Ort, an dem unter einem Dach viel gesprochen wird, alte und neue Traditionen aufeinandertreffen und es viel Kunst zu bestaunen gibt. «Fokus» begab sich auf einen Rundgang durchs Bundeshaus – und damit auch durch die Schweizer Geschichte.

Schweizer Parlamentarier diskutieren seit 1902 im Bundeshaus in Bern. Von 1848 bis zur Eröffnung des 300 Meter langen Baus mussten die jeweiligen Politiker aber einige Male innerhalb der Stadt Bern umziehen. Dies aufgrund der stetig wachsenden Bundesbehörden. Bern war übrigens nicht von jeher der Sitz der Regierung: Im Zeitraum von 1815 bis zur Geburt des modernen Bundesstaates Schweiz, wechselten sich die Städte Luzern, Zürich und Bern alle zwei Jahre ab. 1848 entschied dann die erste neue Bundesversammlung, dass Bern der feste Ort für ein politisch-administratives Zentrum sein solle.

Keine Hauptstadt nötig

Ganz im Sinne des Föderalismus verzichteten die Gründungsväter auf eine Hauptstadt und formulierten stattdessen den «Artikel 108» der Bundesverfassung. Dieser besagt: «Alles, was sich auf den Sitz der Bundesbehörden bezieht, ist Gegenstand der Bundesgesetzgebung.» So wird die Souveränität keines Kantons untergraben. Die Schweiz hat also eigentlich gar keine Hauptstadt. Bern ist lediglich der Sitz der Bundesbehörden – nicht mehr und nicht weniger. Man hatte sich unter anderem für Bern entschieden, weil sich diese Stadt an der Grenze zwischen der Deutsch- und der Welsch-Schweiz befindet. Bern fungiert so auch als Bindeglied zwischen den zwei Sprachen und Kulturen.

Viel Kunst zwischen Ständerats- und Nationalratssaal

Im Bundeshaus führt eine grosse Treppe über eine Zwischenebene zum ersten Stockwerk, wo sich die beiden Ratskammern befinden. Von dieser Zwischenebene aus erblickt man unter dem südlichen Bogen des Dachgewölbes die mächtige Statue der drei Eidgenossen, welche den Bundesbrief von 1291 in ihren Händen halten. Sie symbolisieren die Geburt der Schweiz: den Rütlischwur. Der Künstler James Vibert verzichtete dabei darauf, die drei dargestellten Männer in der bekannten Rütlischwur-Pose – also drei Finger in die Luft haltend – abzubilden. Denn Vibert wollte, dass keine Figur die andere abdeckt.

Für den Bau wurden mehr als 30 verschiedene Steinarten aus allen Ecken der Schweiz verwendet.

Alle Kulturen in einem Haus

Auf der Zwischenebene kann man auf einem Sockel vier Figuren erkennen, die für die vier Landessprachen stehen: Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch. Alle Kulturen der Schweiz in diesem Bau zu vereinen, das war auch das Ziel des Architekten Hans Wilhelm Auer. Deshalb wurden 95 Prozent des Bundeshauses von Schweizer Betrieben gefertigt. Für den Bau wurden dabei mehr als 30 verschiedene Steinarten aus allen Ecken der Schweiz verwendet.

Richtet man in der Kuppelhalle den Blick nach oben, erkennt man ein grosses, farbiges Glasmosaik, in dessen Mitte das Schweizer Wappen glänzt. Dieses wird von zwei weiblichen Freiheitsfiguren getragen. Unter ihren Füssen steht geschrieben: «Einer für alle – Alle für einen». Das ist nicht nur der Spruch der drei Musketiere, sondern auch der Wahlspruch der Schweiz. Ausserdem sind um das Schweizer Wappen 22 Kantonswappen angelegt. Die Halbkantone teilen sich je eins. 1978 kam das jurassische Kantonswappen hinzu. Es gab jedoch keinen Platz dafür und so musste es im südlichen Gewölbebogen – aus farbigen Stuck modelliert – eingesetzt werden.

Alte Traditionen aufgebrochen

Was beim Nationalrat seit längerem gang und gäbe ist, existiert im Ständerat erst seit etwas mehr als eineinhalb Jahren: ein elektronisches Abstimmungssystem. 166 Jahre lang stimmten die Ständeräte ab, indem sie ihre Hand hochhielten. Aber heute tun sie das per Knopfdruck. Das ist aber auch das einzige elektronische Hilfsmittel, das man benutzen darf. Denn Laptops oder ähnliche Geräte sind im Ständeratssaal nicht erlaubt. Wenn jemand im Ständerat eine Rede halten will, so darf er das in seiner Muttersprache tun. Die anderen Ständeräte müssen dann gut zuhören, denn eine Simultanübersetzung gibt es nicht.

Der mystische Blick auf das Rütli

Die Parlamentarier im Nationalratssaal können von ihrem jeweiligen Sitz aus einen einmaligen Ausblick auf die Wiege der Eidgenossenschaft geniessen. Denn der Legende nach liegt diese Wiege auf einem kleinen Fleckchen Wiese am Vierwaldstättersee, dem Rütli. Deshalb hat der Genfer Künstler Charles Giron diesen Ort im Nationalrat in Form eins riesigen Wandgemäldes verewigt. Er hat den Ausblick, den man von der Gemeinde Seelisberg auf das Rütli und seine steilen Felswände um den See geniesst, verewigt.

Das Gemälde

Auf einer Breite von elfeinhalb Metern und einer Höhe von fünf Metern dominiert das Kunstwerk den gesamten Raum, in dem die 200 Nationalräte debattieren. Zudem erblickt man auf dem Gemälde im Hintergrund die beiden Bergspitzen vom kleinen und vom grossen Mythen. Darunter liegt das Städtchen Schwyz und weiter vorne am Wasser der Ort Brunnen. Eine lange Zeit stritten sich die zwei Gemeinden um den Geburtsort der Schweiz. Denn in den alten Schriften wurde das Wort «Rütli» im Zusammenhang mit dem Berg Mythen erwähnt.

Versteckte Symbole

Als Symbol des Friedens und der Versöhnung malte der Künstler einen Friedensengel mit einem Olivenzweig in seiner linken Hand. Mit der rechten Hand zeigt der Engel auf das Rütli. Viele Personen mag diese Tatsache verwundern, da sie den Engel noch nie gesehen haben. Der Grund liegt darin, dass der Engel auf Fotos schwer zu erkennen ist. Selbst wenn man sich im Nationalratsaal befindet, muss man konzentriert suchen, um ihn schliesslich auszumachen. Der Engel versteckt sich nämlich in den Wolken, die über dem Urnersee schweben.

Poisson d’Avril

Der Künstler Charles Giron erlaubte sich auch einen kleinen Scherz. Genauer gesagt einen Aprilscherz. Denn das Bundehaus wurde am 1. April 1902 der Öffentlichkeit übergeben. Auf Französisch heisst Aprilscherz «poisson d’avril». Aus diesem Grund hat Giron auf der linken Seite auf einem Felsvorsprung einen liegenden Fisch gemalt. Dass das Gemälde des Rütlis im Nationalratsaal Platz gefunden hat, war eine Idee vom Architekten des Bundeshauses. Die Bundesräte sollen bei ihrer Vereidigung im übertragenen Sinne auf der Rütliwiese stehen.

Text Erik Hefti

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