Interview von Akvile Arlauskaite

Jessica Anderen: «Nachhaltigkeit darf kein Luxus sein»

Nach diesem Motto wirtschaftet Ikea seit letztem Jahr. Jessica Anderen, Chefin des Schweizer Standortes, erzählt «Fokus», wie diese Mission bei Ikea in die Tat umgesetzt wird, gibt Einblicke in ihre Karriere und verrät, was ihr in ihrem eigenen Zuhause wichtig ist.

Nach diesem Motto wirtschaftet Ikea seit letztem Jahr. Jessica Anderen, Chefin des Schweizer Standortes, erzählt «Fokus», wie diese Mission bei Ikea in die Tat umgesetzt wird, gibt Einblicke in ihre Karriere und verrät, was ihr in ihrem eigenen Zuhause wichtig ist.

Jessica Anderen, bevor Sie bei Ikea Schweiz als CEO angefangen haben, hatten Sie Führungspositionen in China, Hongkong, Singapur, Indien und Australien inne. Wie haben Sie diese teilweise extremen Wechsel der Arbeitsorte erlebt?

Es ist sehr bereichernd zu sehen, wie Menschen in anderen Teilen der Welt leben, wovon sie träumen und was sie denken. Ich habe mich dabei stets dazu angespornt, mich sowohl persönlich als auch beruflich weiterzuentwickeln. Natürlich waren die Wechsel nicht immer ganz einfach, aber inzwischen ist sich meine ganze Familie einig: Zuhause ist, wo das Herz ist, wo unsere Neugierde geweckt wird und wo wir gemeinsam träumen können.

Womit konnte Sie der Standort Schweiz schlussendlich überzeugen?

Die Schweiz ist ein faszinierendes Land im Herzen Europas, an der Speerspitze der Innovation und gleichzeitig der erste Standort, an dem Ikea ausserhalb Skandinaviens ansässig wurde.

Was bereitet Ihnen an Ihrer jetzigen Tätigkeit besonders viel Freude?

Wichtige Faktoren sind die Menschen bei Ikea und unsere Werte wie Zusammenhalt, Bodenständigkeit, Einfachheit und Nachhaltigkeit, mit denen ich mich persönlich sehr verbunden fühle. Zudem liebe ich alles rund um das Thema Wohneinrichtung und engagiere mich für ein nachhaltiges und smartes Leben. Das war meine Motivation, vor mehr als 30 Jahren bei Ikea zu starten, und ist auch heute noch mein Antrieb.

Was ist Ihnen bei Ihrem Eigenheim besonders wichtig?

Das Zuhause ist für mich ein Rückzugsort und der Mittelpunkt unseres Familienlebens. Es ist mir sehr wichtig, dass wir uns dort alle wohlfühlen. Daher muss unsere Einrichtung praktisch, smart und hell sein. Und ich brauche unbedingt eine grosse, offene Küche – sie ist für mich der wichtigste Bereich, meine persönliche Wohlfühloase. 

Jessica Anderen

Jessica Anderen

 

Wo holen Sie sich Inspiration beim Einrichten Ihres Eigenheims?

Bei der Arbeit, in Designmagazinen und auf Instagram, da bin ich selbst auch sehr aktiv. Ausserdem mag ich Ausstellungen und entdecke gerne neue Cafés und Restaurants.

Welchen Wohntrend verfolgen Sie aktuell?

Das Zuhause möglichst gesund und nachhaltig zu gestalten ist für mich persönlich der wichtigste Trend! Wir sind bei Ikea weltweit auf einer Mission, unsere Gewohnheiten im Alltag zu verändern und jedem Menschen die Möglichkeit zu geben, in seinen eigenen vier Wänden verantwortungsbewusst zu leben. Nachhaltigkeit darf kein Luxus sein. Daher kaufe ich auch gerne Secondhand ein und habe einige Ikea vintage Trouvaillen bei mir zu Hause.

Jessica Anderen

Welches ist derzeit Ihr Lieblingsmöbel in Ihrem Zuhause?

Mein höhenverstellbarer Schreibtisch und die alten Stühle meiner Grossmutter. Ich umgebe mich gerne mit Erinnerungsstücken, die für mich eine Bedeutung haben und mich an die Menschen und Orte aus meinem Leben erinnern.

Die Pandemie hat unser Konsumverhalten in vielen Bereichen verändert. Wie hat sich dies in der Möbelbranche bemerkbar gemacht?

In Krisenzeiten wird uns klar, was wichtig ist und was wir brauchen, um uns wohlzufühlen. Das Verhältnis zu unserem Zuhause hat sich durch die Pandemie somit grundlegend verändert und das Interesse an Wohnungseinrichtung hat massiv zugenommen. Speziell Bürobedarf für ein funktionales Homeoffice, aber auch Koch- und Backzubehör haben eine enorme Nachfrage erlebt.

Hat dementsprechend auch das Geschäftsmodell von Ikea Veränderungen erfahren?

Nach wie vor sind unsere Einrichtungshäuser das Herz von Ikea, wo unsere Kund:innen gerne hinkommen, um sich beraten und inspirieren zu lassen. Durch deren Schliessung verlagerte sich unser Geschäft während der Pandemie vorübergehend in den Onlinebereich und stieg von 9 auf heute 22 Prozent an. Um gemeinsam mit unseren Mitarbeitenden durch diese Zeit zu kommen, haben wir eine Art Mantra entwickelt: zuhören, lernen, anpassen und schnell handeln. Wir haben unsere Services wie etwa die Abholung durch Click-and-Collect optimiert, eine neue App lanciert und unser Planungsangebot komplett digitalisiert. Das Omni-Channel-Modell hat durch die Pandemie rasant an Wichtigkeit gewonnen.

Ihre Priorität als Chefin von Ikea Schweiz liegt darin, eine nachhaltige Lebensweise auf unkomplizierte und erschwingliche Weise allen zugänglich zu machen. Welche Massnahmen ergreift Ikea Schweiz derzeit, um dies zu erreichen?

Nachhaltigkeit ist unser oberstes Gebot und wir haben uns dazu verpflichtet, bis 2030 klimaneutral zu werden, indem mehr Treibhausgasemissionen reduziert werden als die Ikea Wertschöpfungskette ausstösst. Ein sehr wichtiges Thema auf unserer Agenda ist Zirkularität. So haben wir in diesem Jahr unsere Circular Hubs in allen Schweizer Einrichtungshäusern eröffnet, wo wir vergünstigte Ausstellungsstücke, aber auch gut erhaltene, gebrauchte Produkte anbieten. Zudem teilen wir unser Wissen, wie sich Möbel reparieren und pflegen lassen, damit man sich länger daran erfreuen kann. Das Thema Nachhaltigkeit ist aber auch bei der Auswahl unserer Partner ein entscheidendes Kriterium. Seit August arbeiten wir mit dem Schweizer Paketdienst Quickpac zusammen und liefern Paketsendungen nun auch emissionsfrei aus. Somit können wir künftig etwa 41 Tonnen CO2-Ausstoss jährlich einsparen. Bis spätestens 2025 wollen wir schweizweit alle Bestellungen emissionsfrei ausliefern lassen.

Um Schritte in Richtung Nachhaltigkeit zu unternehmen, hat Ikea das Programm «Zweites Leben» lanciert. Wie ist dieses bei der Kundschaft bisher angekommen?

Der Secondhand-Markt in der Schweiz wächst deutlich und der Anteil an Ikea Möbel daran ist gross. Die Eröffnung unserer Circular Hubs sowie unser Buy Back Friday fanden bei den Kund:innen insofern starken Anklang. Diesen Monat werden wir ausserdem im Rahmen des offiziellen secondhandday.ch eine Kollaboration mit tutti.ch lancieren, um dem Secondhand-Business noch mehr Aufschwung zu geben.

Diesen Herbst lanciert Ikea Schweiz den Dienst «Ikea-Taxi», einen Taxiservice mit Hybrid-Autos. Können Sie mehr hierzu erzählen?

Bereits im November 2020 haben wir testweise einen Taxiservice mit Hybrid-Autos eingeführt, bei dem Kund:innen mit ihren Einkäufen nach Hause gefahren werden. Dabei arbeiten wir mit dem Start-up Lucka Box zusammen und bieten das Taxi zunächst an den Standorten in Dietlikon und Spreitenbach an. Diesen Monat lancieren wir ausserdem einen Express-Service bis an die Bordsteinkante für Lieferungen bis 500 Kilo.

Auf welche weiteren Weisen arbeitet Ikea Schweiz derzeit daran, ihren Service zu optimieren?

Wir beobachten das Verhalten unserer Kundschaft genau, um dann an die Bedürfnisse anzuknüpfen. Ein zentrales Thema ist zum Beispiel die Mobilität. In Zürich besitzen 50 Prozent der Bevölkerung kein Auto. Deshalb eröffnen wir ab September einen temporären Ikea ‹Home Service Point› am Hauptbahnhof Zürich. Damit wollen wir unseren Kund:innen dort begegnen, wo sie uns brauchen und unsere Planungsservices auch ausserhalb eines typischen Ikea-Standortes anbieten.

Welche Zukunftspläne hat Ikea für den Schweizer Markt?

Wir möchten auf eine nachhaltige Art und Weise wachsen. Wir wissen, dass 87 Prozent der Schweizer:innen ein nachhaltigeres Leben führen wollen und sich Ideen und alltägliche Lösungen wünschen, um dies zu erreichen. Deshalb arbeiten wir intensiv daran, diese zu attraktiven Preisen anzubieten und unser Geschäft sowie Produkte Schritt für Schritt nachhaltiger zu gestalten.

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22.09.2021
von Akvile Arlauskaite
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