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20 September 2019

Guy Parmelin – «Das Schweizer Bildungssystem ist durchlässiger geworden».

Seit 2019 ist Guy Parmelin der oberste Schweizer Bildungspolitiker. Matur, Berufslehre, Meisterlandwirt und schlussendlich Bundesrat;
Fokus sprach mit dem 59-jährigen Waadtländer über seinen Werdegang, die Freiwilligenkultur und die heutige Bildungslandschaft. 

Guy Parmelin, Sie haben Ihren Eltern zuliebe die Matur gemacht, obwohl Sie eine Berufslehre vorgezogen hätten. Jedoch sind Sie Ihren Eltern dankbar, dass Sie Ihnen dort Druck gemacht haben. Würden Sie allen Jugendlichen die Matur empfehlen?

Nein, das würde ich nicht. Das Bildungssystem hat sich in der Zwischenzeit stark verändert und ist viel durchlässiger geworden. Heute kann man parallel zu einer beruflichen Grundbildung (Lehre) eine Berufsmaturität abschliessen, anschliessend die Passerelle machen und dann an einer Universität oder ETH studieren. Um sich höher zu qualifizieren, ist auch ohne Passerelle ein Studium an einer Fachhochschule möglich. Auch die Bildungsgänge der höheren Berufsbildung bieten vielfältige Möglichkeiten, um einen Abschluss auf der Tertiärstufe zu erlangen. Zu meiner Zeit gab es alle diese Möglichkeiten noch nicht. Wir mussten uns entscheiden: entweder berufs- oder allgemeinbildender Weg. Heute sind beide Wege glücklicherweise gleichwertig, wenn auch andersartig. 

Gleichwohl haben Sie sich für eine Lehre als Landwirt und Winzer entschieden. Sind Sie immer noch glücklich mit dieser Wahl?

Ja, ich war ein überzeugter Landwirt und Winzer. Besonders wichtig war es mir in dieser Funktion, junge Nachwuchskräfte auszubilden und für den Beruf zu begeistern. Darum bildete ich mich zum Meisterlandwirt weiter. Die praktische Arbeit im Betrieb lag mir eindeutig näher als das theoretische Wissen, das ich bis zu einem gewissen Grad auch in der landwirtschaftlichen Ausbildung erwerben konnte.

Die Schweiz hat eine starke Freiwilligenkultur. Auch Sie waren früher bei der freiwilligen Feuerwehr in Bursins tätig. Inwiefern hat Sie dieses Engagement rückblickend bereichert oder geprägt?

Zu meiner Zeit war es für junge Leute im Dorf selbstverständlich, dass sie sich in einem lokalen oder regionalen Verein engagierten. Dabei war die Auswahl so gross, dass es für jede und jeden etwas Passendes gab. Da waren der Gesangsverein, die Musikgesellschaft, der Turnverein oder eben die Feuerwehr, die mich am meisten ansprach. Bei diesen Freizeitbeschäftigungen erweitert man seinen Bekanntenkreis und lernt zugleich, wie ein Team funktioniert. So habe ich mich beispielsweise nach einer Verletzung in einem Fussballspiel freiwillig als Schiedsrichter für unseren Fussballclub gemeldet. Dabei habe ich sehr viel erlebt und gelernt.

Denken Sie, dass dieser hohe Anteil an ehrenamtlicher Tätigkeit ein generelles Zeichen für hohe Leistungsbereitschaft der SchweizerInnen ist?

Ja, ich glaube, der hohe Anteil an ehrenamtlicher Tätigkeit ist ein Zeichen dafür, dass sich die Schweizerinnen und Schweizer bewusst sind, dass es ihnen sehr gut geht. Ihre Dankbarkeit bringen sie oft mit einem ehrenamtlichen Einsatz zum Ausdruck. Sie möchten der Gesellschaft, die ihnen viel gibt, etwas zurückgeben. 

Ist es ein Vorteil, ausserberufliche Aktivitäten im Lebenslauf zu haben?

Ja, zweifellos. Solche Aktivitäten zeugen von der Vielseitigkeit einer Person, von ihrer Offenheit und ihrem Interesse für Neues. Vielfältige Erfahrungen sind nicht nur privat, sondern auch für den Arbeitgeber oder die Arbeitgeberin eine Bereicherung.

Der gemeine Tenor ist, dass Sprachfertigkeiten in der heutigen Arbeitswelt essenziell sind. Sie sagen über sich selbst, dass Sie kein Feeling für Sprachen haben, bekleiden aber eines der höchsten Ämter der Schweiz. Sind Fremdsprachenkenntnisse überbewertet?

Fremdsprachenkenntnisse sind äusserst wichtig. Daher empfehle ich allen Jugendlichen, im Verlauf ihrer Ausbildung zumindest einmal an einem länger dauernden Austausch- und Mobilitätsprojekt teilzunehmen oder einen Auslandsaufenthalt zu machen. Damit verschaffen sie sich nicht nur bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, sondern fördern auch ihr persönliches Wachstum. Aber das Erlernen einer Fremdsprache fällt nicht allen Leuten gleich leicht. Persönlich musste und muss ich einen eher grossen Aufwand betreiben, um mich in einer Fremdsprache heimisch zu fühlen. Ich bin in meinen Fremdsprachenkenntnissen sicher nicht perfekt, aber während den Gesprächen mit meinen ausländischen Amtskollegen kann ich mich sehr gut verständigen und ich habe in den letzten Monaten auch sehr viel dazugelernt. Sobald es komplizierter wird und Fachbegriffe gefragt sind, unterhalten sich die Experten oder ich kann auf Übersetzer zurückgreifen. Das ist zum Beispiel bei den Gesprächen mit chinesischen Gästen der Fall, da ich tatsächlich nicht Chinesisch spreche.  

Würden Sie sagen, aufgrund der sich rasant verändernden Arbeitswelt werden Weiterbildungen immer wichtiger?

Das ist in der Tat so. Getreu dem Motto «kein Abschluss ohne Anschluss» sorgen wir dafür, dass sich Menschen mit unterschiedlichen Qualifikationen und Karrierezielen grundsätzlich auf jeder Stufe des Systems stets weiterentwickeln können. Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels beschäftigen wir uns beim Bund zurzeit aber auch mit dem Thema «Berufsabschluss für Erwachsene». Verbundpartnerschaftlich setzen wir uns für die Verbesserung der Rahmenbedingungen ein. Zudem läuft bis 2020 eine Kommunikationsoffensive, die über die Chancen und Möglichkeiten eines Berufsabschlusses im Erwachsenenalter informiert. Seit dem Inkrafttreten des Weiterbildungsgesetzes Anfang 2017 kann der Bund auch die Eigeninitiative von Privatpersonen unterstützen – etwa im Bereich der Förderung der Grundkompetenzen. Im November 2017 hat der Bundesrat zudem Massnahmen verabschiedet, mit denen die Kompetenzen gering qualifizierter und insbesondere älterer Arbeitnehmender gefördert werden sollen.

Inwiefern hat sich die Arbeitswelt in Ihren Augen in den letzten 30 Jahren verändert?

Es ist offensichtlich, dass die Digitalisierung in den letzten Jahren die Arbeitswelt rascher als erwartet verändert hat. Der Arbeitsmarkt hat diese steten Anpassungen bisher gut gemeistert. Ganz allgemein müssen wir festhalten, dass analytische und interaktive Tätigkeiten an Bedeutung gewonnen haben, und zwar auf Kosten von manuellen. Das Angebot an gut qualifizierten Arbeitnehmenden hat sich laufend den gestiegenen Bedürfnissen des Arbeitsmarktes angepasst. Die am Arbeitsmarkt angebotenen Qualifikationen sollten auch in Zukunft möglichst gut auf die Nachfrage abgestimmt sein. Die Herausforderung besteht darin, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene ICT- und Querschnittkompetenzen erwerben, um erfolgreich am wirtschaftlichen wie auch am sozialen, politischen und kulturellen Leben teilhaben zu können. Sehr wichtig ist auch die Sensibilisierung für die Risiken im Zusammenhang mit der Nutzung der neuen Technologien. Das Bildungssystem sollte diese Kompetenzen alters- und zielgruppenadäquat auf allen Bildungsstufen und in allen Bildungsgängen vermitteln.

Was hat Sie damals bewogen, in die Politik zu gehen?

Wir haben zu Hause oft politisiert. Als Landwirt und Rebbauer war es mir ein Anliegen, meine Interessen zu vertreten und mich lokal und insbesondere auch kantonal und später sogar national in laufende Diskussionen einzubringen. Die politische Tätigkeit hat mir rasch Spass gemacht und so nahm sie in meinem Alltag laufend mehr Raum ein. Zuerst in der Gemeinde, dann im Kanton und schliesslich auf nationaler Ebene. Wenn anfänglich landwirtschaftliche Anliegen im Vordergrund standen, so konnte ich mich für immer mehr Themen begeistern. Eines, das mir aber nach wie vor besonders am Herzen liegt, ist die Aus- und Weiterbildung. Denn sie entscheidet in weiten Teilen über die persönliche Entwicklung, die Karriere und die Stellung in der Gesellschaft. Es ist deshalb enorm wichtig, dass die jungen Leute einerseits ihre Laufbahn wählen können, andererseits aber auch immer neue Möglichkeiten geschaffen werden, damit sie sich auf neue Herausforderungen einlassen können.

Ihre Kollegen beschreiben Sie als «freundlich, kollegial, gesellig, zugänglich» aber auch «hart in der Sache». Welche Eigenschaften haben entscheidend dazu beigetragen, dass Sie heute Bundesrat sind?

Wissen Sie, um Bundesrat zu werden, muss vor allem die Konstellation stimmen: Da spielen die Partei, die Vernetzung, die Herkunft, die Mitbewerber, das Alter, das Geschlecht und anderes mehr eine Rolle. Die von Ihnen aufgezählten Eigenschaften haben zweifellos eine Rolle gespielt, aber ich kann wirklich nicht beurteilen, was schliesslich für meine Wahl ausschlaggebend war.

Bleibt neben der Politik noch Raum für Freizeitaktivitäten?

Es ist wichtig, dass man sich ab und zu ein paar freie Momente gönnt. Nur so kann man sich erholen. Für mich heisst das beispielsweise, dass ich sehr gerne meine Freunde treffe, mal ein Buch lese oder draussen einen Rundgang durch unsere Felder oder Reben unternehme.

Wenn in der Schweiz alle Weinsorten wachsen würden: Welche Traube würden Sie in Ihrem Weinberg pflanzen?

Es geht nichts über unsere Chasselas-Traube. Sie ist einzigartig.

Stellen Sie sich vor, ein/-e Jugendliche/r hat als Ziel, Bundesrat oder Bundesrätin zu werden. Was würden Sie ihm/ihr raten?

Wichtig scheint mir, dass die Jugendlichen gut informiert und beraten in den Berufswahlprozess einsteigen, unabhängig davon, welchen Berufswunsch sie haben. Es gibt eine grosse Palette an Angeboten von Publikationen und Online-Informationen über Schnupperlehren bis hin zu Berufsmessen. Ein Berufsberatungsgespräch hilft zu klären, wo man steht und was man erreichen möchte. Letztlich ist es ein persönlicher Entscheid. Denn um motiviert bei der Sache zu bleiben, muss die Wahl in jedem Fall den persönlichen Eignungen und Neigungen entsprechen. Dazu kommt: Berufsziele zu haben, ist hilfreich, aber oft ändern sie sich im Verlauf der Jahre – das ist durchaus positiv.

Interview: Mona Martin

Bild: VBS/DDPS – ZEM

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