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29 November 2020

Als Mann in einem typischen Frauenberuf.

Grosse Teile der Gesellschaft weisen gewisse Berufe immer noch Männern oder Frauen zu. Jedoch steht jeder Beruf, jedem offen, der die nötigen Qualifikationen mitbringt. Zwei Männer in typischen Frauenberufen erzählen. 

Jonas Tarnutzer, Primarlehrer
Das Klischee sieht eher Frauen im Beruf des Primarlehrers.
Was hat Sie zu dem Beruf hingezogen?

Ich habe mich in der Berufswahlphase der Oberstufe zum ersten Mal damit befasst. Zu dieser Zeit habe ich die Primarschule so stark vermisst, dass ich zu meiner Mutter sagte: «Ich möchte wieder zurück.» Sie sagte mir damals, dies sei nicht möglich. Ich habe es aber auf eine andere Art und Weise trotzdem geschafft. Rein vom Setting hat mich das Lehren und Erziehen schon immer interessiert. Schlussendlich war aber die tägliche Zusammenarbeit mit Kindern ausschlaggebend. Ich liebe Kinder!

Begegnen Ihnen im Berufsalltag Vorurteile aufgrund Ihres Geschlechts? 

Ich stosse vor allem bei den Eltern auf offene Arme. Diese meinen dann oft, sie fänden es grossartig, dass ihr Kind nun auch einmal einen Mann als Lehrperson hätte. Natürlich erlebe ich dann im Schulalltag auch oft die Situation, dass externe Personen das Gefühl haben, gewisse Kinder würden einem Mann mehr Respekt zeigen. Ich persönlich denke jedoch, dass dies eher von dem Charakter der Lehrperson abhängt und nicht vom Geschlecht.

Welche Vorteile haben Sie aufgrund Ihres Geschlechts im Berufsalltag?

Die Vorteile liegen hier ganz klar in der Stellensuche. Dadurch, dass der Mann im Berufsfeld des Primarlehrers eher knapp vertreten ist, fällt es ihm vergleichsweise leichter, eine Stelle zu finden als einer Frau, welche die gleichen Voraussetzungen mitbringt.

Mann sein bedeutet für mich authentisch und ehrlich mit den Menschen in meinem Leben zu sein.

Was bedeutet «Mann sein» für Sie?

Das ist eine komplexe Frage, die ich mir so noch nie gestellt habe. Ich frage mich aber nicht, wie ich als Mann sein soll, sondern vielmehr als Person. Das Wort «Männlichkeit» ist meiner Meinung nach so oder so ein wenig überbewertet. Ich bin zum Beispiel ein sehr sentimentaler Mensch und stehe auch dazu. In den Augen vieler wird das vermutlich eher nicht als männlich angesehen. Wobei ich denke, dass die Gesellschaft auch immer mehr von diesem Gedanken wegkommt. Wenn ich jedoch jetzt doch noch meine eigene Definition abgeben müsste, würde ich das so formulieren:

Mann sein bedeutet für mich authentisch und ehrlich mit den Menschen in meinem Leben zu sein. Ich muss niemandem etwas vorspielen. Plus würde ich als positiv orientierter Mann sagen, für mich bedeutet «Mann sein» sich selbst, meine Familie und meine Mitmenschen so gut als möglich glücklich zu machen.

Alain Ebner, Kosmetiker
Das Klischee sieht eher Frauen im Beruf des Kosmetikers.
Was hat Sie zu dem Beruf hingezogen? 

Die Mutter einer Kindheitsfreundin hatte ein kleines Kosmetikstudio, so kam ich mit 14 erstmals mit dem Metier in Berührung.  Da ich mir dazumal noch nichts unter «Kosmetik» vorstellen konnte, begleitete ich sie einen Tag  lang durch ihren Arbeitsalltag. Für mich war dann sofort klar, dass ich meine Berufung gefunden hatte. Nur hatte man als Mann vor 15 Jahren noch schlichtweg keine Chance, eine Ausbildung zum Kosmetiker absolvieren. Ich musste etliche andere Berufe ausüben, bis ich endlich einen Einstieg in diese Branche fand. Leider ist es nach wie vor kein Klischee, dass es eine Frauendomäne ist. Es wäre wünschenswert, dass sich mehr Männer getrauen, diesen Beruf auszuüben.

Begegnen Ihnen im Berufsalltag Vorurteile aufgrund Ihres Geschlechts? Wenn ja, welche?

Es kommt manchmal vor, dass Kunden das Gefühl haben, dass ich die Behandlungen nicht gleich gut beherrsche, wie meine Berufskolleginnen. Am Telefon wird öfter mal nachgefragt, ob denn ich die Behandlung durchführe und ob ich dies auch wirklich könne. Einige sagen auch im Vorhinein, dass sie nicht zu einem Mann gehen möchten. Ich denke, es hat damit zu tun, dass es nach wie vor so wenig Männer in diesem Beruf hat und es daher für viele Kunden immer noch fremd ist. Des Öfteren empfinde ich es so, dass ich 200 Prozent geben muss, um zu überzeugen – im Gegensatz zu meinen Berufsgenossinnen. Frauen in Männerdomänen geht es da aber nicht anders.

Welche Vorteile haben Sie aufgrund Ihres Geschlechts im Berufsalltag?

Erfreulicherweise gibt es gerade bei der weiblichen Kundschaft auch sehr viele, welche lieber zu einem Kosmetiker gehen. Viele sagten schon zu mir, dass ein Mann ein anderes Flair und eine sanftere Hand habe und das Beste individuell aus jeder Frau rausholen könne. Ich beobachte oft, dass Kunden vor mir mehr Respekt haben als vor meinen Teamkolleginnen. Natürlich sollte dies auf keinen Fall so sein in der heutigen Zeit, aber ich muss sagen, gerade mit anspruchsvoller Kundschaft kommt mir das des Öfteren entgegen.

Mann sein bedeutet für mich, selbstbewusst zu sein, zu wissen, was man will und trotzdem auch zu seinen Schwächen stehen zu können.

Was bedeutet «Mann sein» für Sie?

Ich tu mich ganz schwer mit Genderfragen. Ich fühle mich völlig als Mann und würde behaupten, auch männlich auszusehen. Ich lasse jedoch auch meine charakteristisch weiblichen, eher emotionalen Seiten zu. Für mich ist dies eine Stärke und kommt mir sicherlich auch, gerade im doch sehr intensiven Kundenkontakt in meinem Beruf, zu Gute. Mann sein bedeutet für mich, selbstbewusst zu sein, zu wissen, was man will und trotzdem auch zu seinen Schwächen stehen zu können. Männer sollten in meinen Augen kommunikativer werden und auch ihre weicheren Seiten mehr zum Vorschein bringen.

Text: Fatima Di Pane

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