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29 Mai 2020

Robin Rehmann: «Man muss neue Wege finden».

Über 25 000 Menschen in der Schweiz leiden an einer chronischen Darmkrankheit. Der Moderator Robin Rehmann ist einer von ihnen und teilt sein Schicksal seit Jahren mit der Öffentlichkeit. Wie er mit der Diagnose Colitis ulcerosa umgeht und warum er sich nicht aus der Öffentlichkeit zurückziehen will, erzählt er «Fokus» in einem persönlichen Gespräch.

Robin Rehmann, du hast letztes Jahr aufgrund deiner chronischen Darmkrankheit Operationen hinter dich gebracht. Wie geht es dir heute?

Ich befinde mich immer noch im Erholungsprozess. Die Darmoperationen haben viel von mir gefordert. Sie waren intensiv und ich muss mich jetzt an vieles gewöhnen. Ich habe beispielsweise noch Mühe mit meinem Stuhlgang und schlafe daher nachts praktisch nie durch. Mein Körper funktioniert nun anders. Es ist ein laufender Prozess, aber ich bin auf einem guten Weg.

Was ist dir durch den Kopf gegangen, als bei dir 2012 die Colitis ulcerosa diagnostiziert wurde?

Zuerst gar nichts. Dann war ich zuversichtlich. Ich habe angenommen, dass alles gut ablaufen wird und ich schnell wieder in eine Normalität zurückkehren werde. Mit Medikamenten konnte ich nach meiner Diagnose auch drei Jahre lang verhältnismässig gut mit meiner Krankheit leben. In dieser Zeit hatte ich nicht das Gefühl, dass es ein so grosses Problem darstellen wird. 

Wie hat die Diagnose dein Privat- und Arbeitsleben verändert?

Sie hat alles verändert. Mich als Mensch, meine Lebenseinstellung und Pläne. Eine chronische Krankheit stellt alles auf den Kopf. In meinem Fall mit der Colitis ulcerosa wird auf einmal etwas betroffen, was vorher selbstverständlich war: mein Stuhlgang. Vor meiner Erkrankung habe ich mir nie gross Gedanken darüber gemacht. Ich ging auf die Toilette, wann ich musste. Als die Probleme anfingen, fühlte es sich so an, als ob ich keine Kontrolle über meinen eigenen Körper hatte. Ich fühlte mich in jeder Situation unsicher und eingeschränkt.  

Was hat dich dazu bewegt, dein Schicksal 2015 mit der Öffentlichkeit zu teilen? 

Ich sage immer, dass ich mich bewusst dazu entschieden habe, offen mit der Situation umzugehen. In Wahrheit wäre es aber gar nicht anders gegangen. Ich hatte extrem Mühe mit meiner Krankheit. Die Bauchkrämpfe wurden zu heftig und ich konnte mein Leiden nicht mehr überspielen. Ich wollte mich komplett öffnen und zeigen wie es in Wirklichkeit ist. Mich nicht nur als Kämpfer darstellen, der unerschrocken und tapfer ist, sondern auch die Schattenseiten einer solchen Erkrankung zeigen. 

Sind wir als Gesellschaft noch zu wenig auf unangenehme Themen sensibilisiert? 

Ich nehme eine wachsende Offenheit in unserer Gesellschaft wahr. Früher hat man eher so getan als wäre alles gut. Man hat sich versteckt, während hinter den Kulissen das Chaos herrschte. Heutzutage stehen mehr Menschen zu ihren Schicksalen und wir als Gesellschaft merken immer mehr, dass wir diese Menschen abholen und unterstützen müssen. 

Also können wir uns zurücklehnen?

Nicht ganz. Die Situation ist zwar besser als früher, aber noch nicht gut genug. Die Gesellschaft muss den Leuten klarmachen, dass niemand verlangt, dass man den «Starken» spielen und sich verstellen oder verstecken muss.  Vor allem bei psychischen Erkrankungen oder Autoimmunerkrankungen hinken wir noch hinterher. Das Verständnis solcher Krankheiten und der Umgang mit Betroffenen muss besser werden. Nur weil die Krankheit von aussen nicht sichtbar ist, heisst es nicht, dass sie nicht existiert und die betroffene Person belastet.

Wie können wir die Situation verbessern?

Generell wünsche ich mir, dass wir als Gesellschaft unsere Berührungsängste verlieren. Viele sind bereits überfordert, wenn jemand im Rollstuhl sitzt. Sie wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Wir müssen die unangenehmen Fakten wahrnehmen, über sie sprechen und vor allem enttabuisieren. So ermöglichen wir den Betroffenen, gesünder mit ihren Schicksalen umzugehen. Sie müssen nicht mehr so tun, als wäre alles gut. Denn das macht es noch viel schlimmer.

In deiner Sendung «Rehmann S.O.S. – Sick of Silence» auf SRF Virus sprichst du mit deinen Gästen seit Jahren über «unangenehme» Schicksale und Themen. Wie sind die Reaktionen, die du von Aussenstehenden bekommst?

Es gibt heute noch Menschen, die ein Problem mit der Sendung haben. Für sie ist das Radio ein Medium, dass sich ausschliesslich mit aufstellenden Themen befassen soll. Themen wie Depression, Magersucht, sexuelle Gewalt usw. haben für sie keinen Platz. Aber unsere Erfahrung zeigt das genaue Gegenteil: Wir haben eine wachsende Hörerschaft und viele Kontaktanfragen. Das Interesse ist also da und die wenigsten hören weg.

Was geht in dir vor, wenn du negative Feedbacks erhältst?

Auch wenn mich diese Nachrichten enttäuschen, bestätigen sie mich auf eine Art und Weise. Sie zeigen mir, dass es wichtig ist, dass wir unsere Sendung so durchführen wie sie ist. Wir möchten den Betroffenen eine Chance geben, ihre Geschichte zu erzählen. Das hilft ihnen selbst und trägt dazu bei, für mehr Toleranz und Verständnis in der Gesellschaft zu sorgen. 

Auf YouTube findet man dich, Robin Rehmann, unter dem Pseudonym «Radikal Abnormal». In deinen Videos erzählst du regelmässig über dein Leben mit Colitis ulcerosa. Warum hast du dich entschieden, solche Videos zu produzieren?

Als mich meine Erkrankung immer stärker belastet hat, fing ich an das Internet zum Thema Colitis ulcerosa abzusuchen. Ich war damals froh über jeden, der sein Schicksal nach aussen getragen hat. Es hat mich ein wenig beruhigt und ich fühlte mich weniger allein. Das Gleiche möchte ich zurückgeben und als langjähriger Moderator habe ich sowieso kein Problem, vor der Kamera zu stehen. 

Kürzlich hast du aber mitgeteilt, dass du deinen persönlichen Vlog auf YouTube einstellen wirst. Weshalb? 

Ich habe in meinem letzten Vlog mitgeteilt, dass ich mich ab jetzt verstärkt auf meine Gesundheit konzentrieren möchte.  Dass ich jetzt aufhöre, in meinen Videos immer nur von meiner Krankheit zu berichten, hat aber auch einen anderen Grund: Ich war mir immer mehr meiner Verantwortung bewusst.

Wie meinst du das?

Meine Ärzte haben vermehrt Anfragen von Personen erhalten, die meine Videos geschaut haben. Mit meinem ungefilterten Dokumentieren habe ich leider Unsicherheiten und Ängste bei einigen Leuten ausgelöst, die ich nicht beabsichtigt habe. 

Weshalb hast du das Gefühl, dass diese Signale bei Personen überhaupt entstanden sind?

Ich kann mir vorstellen, dass auch ich ein mulmiges Gefühl gehabt hätte, wenn ich vor der OP auf meine Videos gestossen wäre. Wenn man mich in den Videos nach der Operation erschöpft im Krankenbett liegen sieht, hat man das Gefühl, als ob ich der Welt sagen möchte: «Macht es auf keinen Fall, es ist schlimm!». Doch eigentlich denke ich ganz anders über die Operationen. Sie ermöglichen mir jetzt eine Chance auf ein gutes Leben. Es ist zwar immer noch ein Leben mit einer Erkrankung, aber besser als vorher.

Wann war für dich der Moment gekommen, wo du dich für das Ende deiner Krankheits-Vlogs entschieden hast?

Ich habe immer gedacht, dass es nach den Operationen nur bergauf gehen wird. Trotz den Operationen waren jedoch Komplikationen aufgetreten. Ich verlor mich in dem Gedanken, dass alles umsonst war. Ich hatte die Kamera bereits wieder aufgestellt, um zu erzählen, wie schlecht alles ist. Da wurde mir klar, dass ich nicht mehr so weitermachen kann und ich liess die Kamera für einmal ausgeschaltet. Es wurde mir zu echt und ich merkte, dass ich mich und meine Abonnenten nicht nur mit negativen Inhalten prägen will.

Ziehst du dich ganz aus den sozialen Medien zurück?

Nein, mir ist es wichtig, mit den Menschen in Kontakt zu bleiben. Ich weiss, wie man sich als Betroffener fühlt. Man hat das Gefühl, verloren zu sein und sucht nach Antworten. Deshalb werde ich den Kontakt mit meinen Abonnenten auf Social Media nie abbrechen. Ich beantworte immer noch gerne Fragen zu Colitis ulcerosa und meinen Werdegang. Meine Videos bleiben zudem online, ich werde sie nicht löschen. 

Nebst Radio und Fernsehen bist du auch musikalisch unterwegs. Wie hat das angefangen?

Musik war schon immer meine Leidenschaft. Früher spielte ich sogar in einer Band. Aufgrund meiner Erkrankung konnte ich dann aber nicht mehr auftreten. Das hat mich ziemlich mitgenommen.

Hast du andere Wege gefunden,
dich deiner Leidenschaft zu widmen?

Auf jeden Fall. Ich trete seit einigen Jahren als DJ an Events oder Hochzeiten auf. Ich liebe es, mit den Leuten zu quatschen und zu feiern. Seit ich 16 Jahre alt bin, arbeite ich beim Radio und kenne unzählige Hits. Ich habe also immer den passenden Mix für jede Party. Das DJ-Sein hat mich ein wenig wachgerüttelt: Meine Krankheit schränkt mich nicht komplett ein. Anstatt meine Leidenschaft vollständig aufzugeben, habe ich nämlich einen neuen Weg gefunden, sie auszuleben. 

Welche Ziele setzt du dir für
die kommenden Monate und Jahre?

Ich werde sicher wieder auf SRF Virus mit «Rehmann S.O.S. – Sick of Silence» zu hören sein. Das Format liegt mir am Herzen und ich freue mich jetzt schon wieder darauf, hinter dem Mikrofon zu stehen. Ich will meine Kreativität auch mehr fröhlichen und lustigen Dingen widmen und solche Projekte in Angriff nehmen. Das wird aber erst dann möglich sein, wenn ich mich wirklich besser fühle. Ich möchte authentisch wirken und meine Freude mit den Menschen teilen.

Du hast gelernt, mit deiner Erkrankung umzugehen. Was rätst du anderen Betroffenen?

Es ist schwierig, sich zu öffnen und über persönliche Dinge zu sprechen. Erfahrungsgemäss kann ich aber sagen, dass man sich nach einem offenen Gespräch besser fühlt. Deshalb möchte ich alle ermutigen, auch über unangenehme Themen zu sprechen. So gibt man sich die Chance, den nächsten Schritt zu machen.

«Rehmann S.O.S. – Sick of Silence»

«Rehmann S.O.S. – Sick of Silence» gibt Menschen eine Stimme, die vom Schicksal ausgebremst wurden. Robin Rehmann lädt Interessierte dazu ein, sich für Fragen oder ein Gespräch hinter dem Mikrofon unter sos@srfvirus.ch bei ihm zu melden.

Interview Dominic Meier     Bild zVg

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