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Zürich
14 Juli 2020

Schweizer Frauen auf dem Weg zur Gleichstellung.

Sylvie Durrer

Zum modernen Frau-Sein gehört es, eigenständige Entscheidungen fällen zu können – und nicht in eine Rolle gezwungen zu werden. Dass dies für Schweizerinnen gar nicht so selbstverständlich ist, zeigt etwa der Blick in das alte Eherecht: «Der Ehemann ist das Haupt der Gemeinschaft», hiess es dort. «Er bestimmt die eheliche Wohnung und hat für den Unterhalt von Weib und Kind in gebührender Weise Sorge zu tragen.» Und die Frau? «Sie führt den Haushalt». Das ist zum Glück passé. 1988 trat das neue Eherecht in Kraft. Heute dürfen sich Mann und Frau ihre Aufgaben so aufteilen, wie sie es für richtig halten. 

Langsamer Fortschritt

Das Eherecht ist nur eines von vielen Beispielen dafür, wie es mit der Gleichstellung in der Schweiz langsam, aber stetig vorwärtsgeht. 1971 erhalten Frauen das Stimm- und Wahlrecht. 1996 tritt das Gleichstellungsgesetz in Kraft, das Diskriminierungen im Arbeitsleben verbietet. 2002 sagt das Stimmvolk Ja zur Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs in den ersten zwölf Wochen. Seit 2004 gilt häusliche Gewalt als Offizialdelikt. Seit 2005 gibt es eine Mutterschaftsentschädigung. 2012 wird die weibliche Genitalverstümmelung unter Strafe gestellt. 2013 tritt das Namensrecht in Kraft, das Frau und Mann endlich gleichbehandelt. 2014 wird das gemeinsame elterliche Sorgerecht als Regelfall eingeführt. Und ab diesem Sommer werden grosse Unternehmen im Rahmen des Gleichstellungsgesetzes verpflichtet, Lohngleichheitsanalysen durchzuführen – um zu überprüfen, ob Frauen und Männer für gleichwertige Arbeit auch wirklich gleiche Löhne erhalten.

Die Realität begünstigt eher die traditionelle und nicht die gleichberechtigte Rollenaufteilung, und das oft zum finanziellen Nachteil von Frauen.

Sylvie Durrer, Direktorin des Eidgenössischen Büros ür die Gleichstellung von Frau und Mann

Heute ist die rechtliche Gleichstellung von Frau und Mann in der Schweiz zum grössten Teil erreicht. Doch das heisst nicht, dass sie in der Realität auch jederzeit für alle spürbar ist. Gerade in den letzten Wochen der Coronapandemie hat sich gezeigt, wo die Schwachstellen der Gleichstellung in der Schweiz liegen. So hat die Krise jene besonders hart getroffen, die schon vorher in schwierigen finanziellen Umständen lebten. Menschen mit niedrigen Löhnen, wenig finanziellen Reserven und Alleinerziehende sind angreifbar. Überdurchschnittlich oft handelt es sich dabei um Frauen.

Die Realität sieht anders aus

Die Realität begünstigt eher die traditionelle und nicht die gleichberechtigte Rollenaufteilung, und das oft zum finanziellen Nachteil von Frauen. Männer verdienen im Schnitt gut 18 Prozent mehr – da fällt es weniger ins Gewicht, wenn die Frauen ihr Arbeitspensum reduzieren oder aufgeben. Das führt dazu, dass auch heute noch in 60 Prozent aller Haushalte die Frau die Hauptverantwortung für den Haushalt trägt. Und in drei Viertel der Haushalte ist es die Frau, die zu Hause bleibt, wenn das Kind krank ist. Ohne, dass ein Gesetz sie dazu zwingen würde. Das zeigt, wie stark alte Rollenmuster nach wie vor in Gesellschaft, Bildung und in der Arbeitswelt verankert sind. Auch wenn viele junge Paare ein gleichberechtigtes Modell leben möchten. 

Männer verdienen im Schnitt gut 18 Prozent mehr – da fällt es weniger ins Gewicht, wenn die Frauen ihr Arbeitspensum reduzieren oder aufgeben.

Sylvie Durrer

Hier setzt das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann an. Sein Auftrag ist es, die Gleichstellung der Geschlechter zu fördern, und zwar in allen Bereichen des Lebens. Es setzt sich dafür ein, dass jede Art von direkter oder indirekter Ungleichbehandlung beseitigt wird. Konkret heisst das: Das eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Mann und Frau unterstützt die Politik beim Erarbeiten von Gesetzen, hilft Unternehmen bei der Umsetzung der Lohngleichheit und fördert Projekte, welche die Chancengleichheit von Frauen und Männern im Erwerbsleben zum Ziel haben. Zudem setzt es sich gegen Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt ein. Denn Gewalt ist Ausdruck von Ungleichheit und verunmöglicht es Betroffenen, ein selbstbestimmtes, gleichberechtigtes Leben zu führen.

Der individuelle Lebensentwurf

Das Ziel ist es, dass jede Frau – egal ob Single oder mit Partner, verheiratet oder ohne Trauschein, mit Kindern oder ohne Kinder, Auszubildende oder Geschäftsführerin – den Lebensentwurf leben kann, den sie für sich ausgesucht hat. Ohne dass sie wirtschaftliche oder gesellschaftliche Zwänge in eine bestimmte Richtung drängen. Dass sie Karriere und Privatleben so aufeinander abstimmen kann, wie es für sie aufgeht. Ohne finanzielle Einbussen in Kauf zu nehmen, mit intakten Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Bis es so weit ist, gibt es noch viel zu tun. Packen wir es an.

Text Sylvie Durrer, Direktorin des Eidgenössischen Büros ür die Gleichstellung von Frau und Mann

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