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9 August 2020

Serge Pavoncello: «Das Aufrechterhalten der Wirtschaft war von grosser Bedeutung».

Die Auswirkungen der Coronapandemie auf die Finanzwelt waren und sind verheerend. Wie gilt es jetzt zu handeln, sowohl als Unternehmen als auch als Privatperson? Ein Gespräch mit Serge Pavoncello, Präsident des Schweizerischen Verbandes der Vermögensverwalter (VSV), über aktuelle Herausforderungen und Trends sowie einen Ausblick in die Zukunft.

Serge Pavoncello, die Coronapandemie hat unweigerlich ihre Spuren in der Finanzwelt hinterlassen. Wie schätzen Sie die Situation zurzeit ein?

Wir wissen vieles noch nicht. Fest steht, dass immer noch viele Unsicherheiten darüber bestehen, wie sich die Dinge entwickeln werden. Meiner Meinung nach befinden wir uns zurzeit in einer Situation wie nach einem starken Erdbeben oder einem sehr grossen Gewitter. Die Dinge waren lange Zeit stabil und plötzlich verändert ein einschneidendes Ereignis alles. Das Einstellen oder schon nur das Entschleunigen eines Teils der Wirtschaftstätigkeit während dieser Krise hat erhebliche wirtschaftliche und strukturelle Auswirkungen. Einige Sektoren leiden mehr als andere, und die Auswirkungen werden zudem langfristig spürbar sein. In Bezug auf die Finanzmärkte können wir mit der guten Performance und dem aktuellen Niveau im Vergleich zu den wirtschaftlichen Auswirkungen, unter denen wir unweigerlich leiden werden, zufrieden sein. Andererseits verbergen die Börsenindizes grosse Diskrepanzen zwischen den Sektoren, was aber durchaus sinnvoll ist.

Hat die Coronakrise denn auch Chancen für bestimmte Bereiche geschaffen? 

Natürlich – ein gutes Beispiel ist der gesamte Technologiesektor, insbesondere alle Unternehmen, bei denen die Möglichkeit besteht, dezentral zu arbeiten. Gleiches gilt für jene, die dies beispielsweise mit der passenden Software überhaupt erst ermöglichen. Dies ist ein Wirtschaftszweig, der enorm von der Situation profitiert und uns in dieser Zeit sehr geholfen hat. Ansonsten sind auch das Ansehen und die Wertschätzung von Branchen wie Biotech und Pharma wieder gestiegen.

Krisen auf den Märkten sind nichts Neues. Welche Lehren können wir beispielsweise aus der globalen Wirtschaftskrise 2007 bis 2012 ziehen?

Im Jahr 2007 war die Art der Wirtschaftskrise völlig anders. Diese nahm durch ein enormes Problem in den USA mit einer Überbewertung des Immobilienmarktes ihren Lauf. Aus vielen heute bekannten Gründen führte die Krise zu den zahlreichen Schwierigkeiten wie der Liquiditätskrise, der Überschuldung, der fragwürdigen Bewertung von Finanzprodukten und so weiter. Jetzt sehen wir uns aber einer Krise anderer Art gegenüber. In Bezug auf die zu ziehenden Lehren denke ich hier eher an die Phasen des Wiederaufbaus Europas nach dem Zweiten Weltkrieg oder an die wirtschaftliche Wiederbelebung des neuen Abkommens in den 1930er-Jahren.

Obwohl ich leidenschaftlicher Liberaler bin, bin ich von folgendem überzeugt: Der Staat spielt in diesen Krisen eine tragende Rolle, indem er die Gesellschaft in herausfordernden Zeiten regelt und so das System nicht untergehen lässt, was schwerwiegende soziale Konsequenzen hätte. Unter diesem Gesichtspunkt stelle ich fest, dass die Schweiz dieser Gesundheitskrise pragmatisch begegnet ist. Im Zuge dessen wurde ein vernünftiges Funktionieren unserer Wirtschaft ermöglicht – wenn auch mit grosser Vorsicht. Das Aufrechterhalten der Wirtschaft war von grosser Bedeutung; besonders, als die Coronapandemie sehr schnell ihren Lauf nahm. Hätten unsere Behörden diese «Flexibilität» nicht ermöglicht, wären wir meiner Meinung nach in einer viel schlechteren wirtschaftlichen Situation.

Der Staat spielt in diesen Krisen eine tragende Rolle, indem er die Gesellschaft in herausfordernden Zeiten regelt und so das System nicht untergehen lässt, was schwerwiegende soziale Konsequenzen hätte.

Serge Pavoncello
Was hat Sie persönlich in die Finanzwelt gezogen?

Mir wurde damals gesagt, dass es schwierig sei, nach dem Schulabschluss Arbeit zu finden. Also dachte ich mir, dann könnte ich genauso gut das machen, was ich wollte. In meinem Fall war es, in der Finanzwelt zu arbeiten. Ich war motiviert, alles zu lernen. Nach meinem Lizenziat entschied ich mich für ein einjähriges Postgraduatepraktikum bei der UBS, wo ich in verschiedenen Abteilungen tätig war. Anschliessend bin ich in einen Portfoliomanagementdienst gekommen. Dort haben wir grosse Dinge getan und den Fortschritt und die Entwicklung eines Teils der Wirtschaftstätigkeit der Bank beeinflusst. Ich habe auch ein zusätzliches Aufbaustudium absolviert. Kurz gesagt: Diese Jahre waren fantastisch in Bezug auf mein Wissenswachstum und haben mich unbestreitbar geprägt und mir zudem während meiner Karriere ermöglicht, all die verschiedenen Projekte durchzuführen sowie auch die Unternehmen zu leiten.

Es gibt bestimmte Klischees über Ihr Metier. Ein Beispiel ist das des Finanzhais, der alles tut, um seine Ziele zu erreichen. Wie bewerten Sie diese Klischees?

Ich denke, dass viele populäre Filme diesen Stereotyp auf den Höhepunkt gebracht haben. Leider gibt es hier genauso wie überall einen Randbereich der Bevölkerung, der betrügt und Dinge tut, die man nicht tun sollte. Es wäre naiv zu glauben, dass diese Art von Verhalten verschwinden wird. Wir sind auf effektive und durchdachte Regeln angewiesen, welche bestimmte Bereiche kontrollieren und Kunden schützen, während wir den Fachleuten in der Branche den notwendigen Spielraum lassen, um effizient zu arbeiten. Dies ist einer der Gründe für mein Engagement für den Schweizer Finanzplatz. Um auf Ihre Frage zurückzukommen, möchte ich darauf hinweisen, dass die genannten Finanzhaie eher die Ausnahme als die Norm bilden. Ich bin überzeugt, dass die meisten Menschen, die in unserer Branche arbeiten, gutgesinnt sind und die entsprechenden Werte auch ihren Kunden weitergeben möchten.

Denken Sie, dass Bankangestellte eines Tages befürchten sollten, durch Computer ersetzt zu werden?

Diese Frage hängt davon ab, wie sich die Bank positionieren möchte. Es entscheidet sich hier zwischen einer effizienten und institutionellen Verwaltung ihrer Kunden oder einer eher personalisierten Art und Weise. Dies ist eine grosse Konstante in der Wirtschaft, aber ich bezweifle, dass diese Ablösung eintreten wird. Als Veranschaulichung kann die Mode dienen: Einerseits gibt es die gängigen Marken und andererseits die Haute Couture. Grundsätzlich zielen wir auf eine jeweils andere Art von Kunden ab, aber immer sind die Bedürfnisse der Kunden die Grundlage eines Angebots, das relevant sein muss.

Die genannten Finanzhaie bilden eher die Ausnahme als die Norm.

Serge Pavoncello

Wir sprechen hier eindeutig über zwei verschiedene Dinge. Einerseits haben wir ein Produkt, dessen Ziel es ist, die geringsten Kosten zu verursachen und das in grossem Umfang zu vertreiben ist. Andererseits haben wir ein Produkt, das einen hohen Deckungbeitrag bringt und nur für eine reduzierte Anzahl von Kunden gedacht ist. Im Finanzbereich ist es dasselbe: Wenn Sie eine hohe Anzahl von Kunden verwalten möchten, die ein traditionelles oder üblicheres Management wünschen, ist es durchaus möglich, Technologie zu verwenden, während diese Tätigkeiten früher noch von mehreren Mitarbeitenden übernommen werden musste. Meiner Meinung nach wird das von unabhängigen Vermögensverwaltungsunternehmen und Banken durchgeführte Management weiterhin koexistieren, da sowohl das Merkmal der Personalisierung und des privilegierten Kontakts als auch die Notwendigkeit eines Massenmanagements bestehen bleiben.

Welchen Rat würden Sie jungen Menschen geben, die sich für eine Karriere in diesem Bereich interessieren? 

Achten Sie speziell im Beginn ihrer Karriere besonders auf den Erwerb von Wissen. Dies ist das A und O. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, dies zu erreichen. Auch technisches Verständnis aufzubringen ist wichtig, um die greifenden Mechanismen der Branche sowie der zu erbringende Dienstleistungen zu verstehen – sowohl in Bezug auf jetzt, aber auch in Zukunft. Es gibt keinen Königsweg, um dies zu erreichen. Sie können dies tun, indem Sie in einem Konzern oder in einem viel kleineren Unternehmen, welches eher technisch ausgerichtet ist, arbeiten. Vor allem hat es keinen Zweck, etwas zu bereuen: Man muss Entscheidungen fällen und nach vorne schauen. Es ist wichtig, mit der Funktion, die man ausübt, im Reinen zu sein, und zu wissen, wofür man zuständig ist. 

Man muss Entscheidungen fällen und nach vorne schauen.

Serge Pavoncello
Was sind angesichts der aktuellen Situation Ihre Tipps für eine sichere Investition?

Zurzeit befinden wir uns in einer Aufholphase. Denn wie ich bereits sagte, haben einige Technologieunternehmen aus gutem Grund stark von dieser Zeit profitiert. Eine Investition in diese würde ich jetzt jedoch nicht empfehlen, da einige Unternehmen eher überbewertet werden. Ich würde eher kurzfristige Chancen in Betracht ziehen, die leider stark und aus den falschen Gründen gefallen sind. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, an neuen Grundlagen zu arbeiten und sich über Anlagen zu informieren.

Wie werden sich die Finanzmärkte mittel- und langfristig entwickeln?

Derzeit können wir davon ausgehen, dass die Finanzmärkte nach den Erholungen in den letzten Wochen eine Krise von eher geringem Ausmass mit geringen langfristigen Auswirkungen erwarten. Die zukünftige Entwicklung wird stark beeinflusst, abgesehen von dem wichtigen Faktor «Liquidität», durch eine mögliche Erholung der Epidemie. In diesem Fall werden die Wirtschaft und die Märkte leiden. Der zweite Punkt hat mit der Entwicklung der Wirtschaft zu tun, auch ohne Erholung von der Epidemie; wie ich bereits sagte, habe ich das Gefühl, dass wir keine grossen Auswirkungen erwarten. Wenn die wirtschaftlichen Zahlen und Aktivitäten in den kommenden Monaten schwächer als erwartet ausfallen, werden wir dennoch vor einer schwierigen Zeit stehen.

Über Serge Pavoncello

Serge Pavoncello machte einen Bachelorabschluss in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Genf und begann seine berufliche Laufbahn 1987 bei der UBS im Bereich Portfoliomanagement. Als Direktor dieses Bankinstituts war er an der Schaffung des zentralen Verwaltungsdienstes (services gestion centralisée) für die UBS-Gruppe (Genf, Zürich, Basel und Lugano) beteiligt und Teil des Investitionsausschusses für Privatkunden.

1995 trat er dem Vorstand der Swiss Financial Analysts Association (SFAA) bei und entwickelte dort AZEK, ein von der SFAA gegründetes Ausbildungsinstitut für Finanzen, von der Pike auf mit.

1999 trat Serge Pavoncello Credit Suisse bei, wo er Direktor der Onshore-Private-Banking-Einheit wurde. Fünf Jahre später verliess er die Bank, um Wedge Associates SA zu gründen – ein Multi Family Office, dessen Hauptziel es ist, seinen Kunden eine Reihe umfassender und effizienter Dienstleistungen anzubieten.

Neben seiner Tätigkeit bei Wedge Associates SA trat Serge Pavoncello dem Vorstand des Schweizerischen Verbandes der Vermögensverwalter (VSV) bei, dem Dachverband unabhängiger Verwaltungsgesellschaften. In diesem Zusammenhang beteiligt er sich an verschiedenen Grossprojekten zur Entwicklung des Berufs unabhängiger Vermögensberater und -manager. Im Mai 2017 wurde Serge Pavoncello zum Präsidenten des VSV ernannt.

Interview Laetizia Barreto, Übersetzung Lars Gabriel Meier, Bild Béatrice Devènes

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