Interview von SMA

«Nachhaltige Immobilienlösungen bieten einen klaren Mehrwert»

Die Forderung nach Nachhaltigkeit sowie Digitalisierung zwingt die Bau- und Immobilienbranche zur Veränderung. Daraus entstehen spannende Entwicklungen: So wird etwa im Lokstadt-Areal in Winterthur das weltweit höchste Wohnhaus aus Holz geplant und gebaut. Der bewährte Baustoff trifft dabei auf moderne digitale Planungstools. Wie man diese beiden Welten vereint, fragte «Fokus» bei Adrian Wyss nach, Head Division Real Estate und Mitglied des Implenia Executive Committee.

Adrian Wyss, das Thema Nachhaltigkeit ist auch in der Bau- und Immobilienbranche zum Hot Topic geworden. Was müssen die hiesigen Akteurinnen und Akteure tun, um dem Nachhaltigkeitsgedanken Rechnung zu tragen?

Auf dem Weg hin zu einer nachhaltigeren Zukunft braucht es die Innovationsbereitschaft der Bauherrschaften und Investor:innen, aber auch eine Abkehr von der kurzfristigen finanziellen Optik. Denn nachhaltige Lösungen kosten tendenziell noch immer mehr als konventionelle, bieten aber auch einen klaren Mehrwert. Von Bauherrschaften ist daher eine längerfristige Sichtweise gefragt – nämlich die Bereitschaft, auch wirklich für die Zukunft zu investieren.

Glücklicherweise ist heute quer durch alle Expertenkreise folgende Einsicht breit abgestützt: Die zu Beginn möglicherweise höhere Startinvestition wird sich im Betrieb durch tiefere Kosten – etwa dank Einsparungen beim Energieverbrauch – sowie höhere Mieterträge amortisieren lassen.

Es ist also wichtig, dass die wirtschaftliche Beurteilung einer Investition in nachhaltige Immobilien über deren gesamten Lebenszyklus erfolgt, von der Entwicklung, Planung, Realisierung über den Betrieb bis hin zur Sanierung und dem Rückbau.

Wie treibt Implenia den Nachhaltigkeitsgedanken voran?

Nachhaltigkeit ist ein Unternehmenswert, den wir seit über zehn Jahren im Alltag leben. In unserem Nachhaltigkeitsbericht haben wir uns bis 2025 zwölf ehrgeizige Nachhaltigkeitsziele gesteckt, deren Fortschritt wir regelmässig evaluieren. Am besten können wir unser Fachwissen diesbezüglich in unseren eigenen Entwicklungsprojekten einbringen.

Der Holzbau ermöglicht eine effiziente Planung mit BIM sowie die Vorfertigung von Elementen, was sich positiv auf die Bauzeit sowie auf die Kosten auswirkt.

Ein anschauliches Beispiel dafür ist die Lokstadt in Winterthur. Dort entwickeln, planen und realisieren wir nachhaltig und mehrheitlich in Holzbauweise ein neues Stadtquartier. Und streben gleichzeitig einen Weltrekord an.

Einen Weltrekord?

Genau, das Projekt «Rocket und Tigerli» in der Winterthurer Lokstadt, das wir im Auftrag von Ina Invest entwickeln und realisieren, umfasst das 100 Meter hohe Hochhaus «Rocket». Dabei handelt es sich um das weltweit höchste in Planung befindliche Holz-Wohnhaus. Aus diesem Planungsansatz ergeben sich diverse Vorteile: Zum einen wird durch das Bauen in die Höhe eine Verdichtung erreicht und somit Bauland optimal genutzt. Zum anderen ist Holz ein nachwachsender, nachhaltiger Baustoff.

In diesem Feld kennen wir uns bestens aus – rund 1000 Wohnungen haben wir bereits in Holzbauweise realisiert, 1000 weitere werden folgen. Der Holzbau ermöglicht eine effiziente Planung mit BIM sowie die Vorfertigung von Elementen, was sich positiv auf die Bauzeit sowie auf die Kosten auswirkt.

Zudem trägt der Einsatz von Holz der zunehmenden Nachfrage unserer Kundschaft nach Netto-Null Gebäuden Rechnung. Ferner erlaubt der Holzbau auch neue, innovative Lösungen: So haben wir zusammen mit WaltGalmarini Ingenieuren und der ETH Zürich eine Holz-Beton-Verbunddecke entwickelt, die inzwischen patentiert ist und in unseren Neubauten eingesetzt wird.

Welche Herausforderungen bringt es mit sich, wenn man ein so hohes Holzhaus baut?

Es sind vor allem Vorteile, die sich daraus ergeben, darunter die Reduktion der grauen Energie, ein geringeres Gewicht, die Vorfabrikation von Elementen, das Verhalten des Materials im Brandfall sowie gute Eigenschaften für Renovation und Rückbau. Und nicht zuletzt bietet ein Holzwohnhaus ein gesundes, komfortables Wohnklima sowie eine gemütliche Atmosphäre für seine Bewohnerinnen und Bewohner.

Welche Auswirkungen wird das Lokstadt-Areal auf den Standort Winterthur haben?

Die Tragweite des neuen Stadtteils ist beträchtlich: Das Projekt erfüllt höchste Nachhaltigkeitsanforderungen, die über die gesetzlichen Vorgaben hinaus gehen. Zudem verfügt die Lokstadt bereits heute über eine Zertifizierung als 2000-Watt-Areal.

Mit seiner Nähe zu Zürich, den lokal angesiedelten Unternehmen sowie verschiedenen Ausbildungsinstitutionen und dem attraktiven kulturellen Angebot, ist Winterthur ein aufstrebendes, attraktives urbanes Zentrum. Das neue Quartier fügt sich ideal in dieses Gesamtbild ein.

Das Wohnhaus «Tigerli» soll studentisches Wohnen ermöglichen. Wie fügt sich das ins Nutzungskonzept der Lokstadt ein?

Nebst dem Fokus auf Ökologie wird die Lok-stadt durch eine hybride Nutzung der Immobilien, also einer Kombination von Wohnen, Arbeiten, Gewerbe und Unterhaltung, auch zu einem sozial nachhaltigen Quartier. Zusätzlich zu den im «Tigerli» geplanten Studentenwohnungen gibt es in der Lokstadt bereits genossenschaftliches Wohnen. Beides fördert die soziale Durchmischung, was für ein lebendiges Stadtquartier unabdingbar ist.

Nebst Nachhaltigkeit ist die Digitalisierung ein bestimmendes Thema in der Bau- und Immobilienbranche. Wo stehen Unternehmen diesbezüglich in der Schweiz?

Mit neuen, digitalen Methoden in der Entwicklung, Planung und Realisation optimieren wir unsere Projekte. Digital Lean Construction sowie BIM (Building Information Modelling) spielen dabei eine wichtige Rolle: Planung sowie auch Steuerung der Ausführung erfolgen zunehmend datenbasiert. Damit arbeiten die Akteur:innen heute effizienter, effektiver und nachhaltiger. Indem wir bei Implenia die Digitalisierung in die operativen Divisionen integrieren, wird sie zu einem Treiber der Wertschöpfung.

Die Bau- und Immobilienbranche lag dabei lange nicht an vorderster Stelle. Nun holen wir auf und prägen so auch die Art und Weise, wie Implenia künftig entwickeln, planen und bauen wird. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die stärkere Integration von Planung und Ausführung. Basierend auf diesen Überlegungen wollen wir auch neue Wege gehen in der Entwicklung von standardisierten, industriell gefertigten Immobilienprodukten.

Die Forderung nach einer ressourcenschonenden Kreislaufwirtschaft in der Industrie wird lauter. Lässt sich dieses Prinzip auch auf die Bau- und Immobilienbranche anwenden?

Auf jeden Fall, die Kreislaufwirtschaft ist auch für uns ein zunehmend wichtiges Thema. Wie bereits erwähnt, muss schon früh in der Planung eines Projekts der gesamte Lebenszyklus einer Immobilie betrachtet werden. Hier gilt es, bei jedem Bauteil Materialien einzusparen, nachwachsende Rohstoffe einzusetzen und Materialaufbauten sowie Verbindungen im Sinne einer zukünftigen Wiederverwendbarkeit und Trennbarkeit neu zu denken.

Die langwierigen Prozesse der Raumentwicklung gesamtheitlich zu denken, ohne Beeinflussung durch Partikularinteressen einzelner Gruppen, ist in unserer engen Schweiz eine grosse Herausforderung.

Als oberstes Prinzip gilt dabei die Erhaltung des Materialwerts über mehrere Lebenszyklen hinweg. Die modulare Holzbauweise ist für diese Ansätze perfekt geeignet. Aber auch bei der Entwicklung von standardisierten und industriell gefertigten Immobilienprodukten werden Kreislaufprinzipien einbezogen.

Auf unseren Baustellen leben wir die Kreislaufwirtschaft teilweise bereits: Aushubmaterial wird in teilmobilen Kieswerken gewaschen, sortiert und für die Wiederverwendung auf denselben Baustellen vorbereitet. Dadurch wird nicht nur Material rezykliert, sondern es werden auch viele LKW-Fahrten eingespart, was den CO2-Ausstoss wesentlich reduziert und Kosten einspart

Welches sind Ihres Erachtens die grossen Hürden und Chancen, mit denen sich die Branche mittel- bis langfristig beschäftigen muss?

Grosse und übergreifende Herausforderungen für unsere Branche sind Raumpolitik und Regulierung. Die Bevölkerung wächst, der Boden in der Schweiz ist knapp, die Zersiedelung soll gestoppt werden. Daher ist es schwierig, genügend und bezahlbaren Wohnraum sowie Infrastruktur zur Verfügung zu stellen.

Die langwierigen Prozesse der Raumentwicklung gesamtheitlich zu denken, ohne Beeinflussung durch Partikularinteressen einzelner Gruppen, ist in unserer engen Schweiz eine grosse Herausforderung. An gut erschlossenen Standorten müssen Verdichtung und Sanierung in einem mit den unterschiedlichen Anspruchsgruppen abgestimmten Vorgehen ermöglicht werden.

Ökologisch und sozial nachhaltige Bauwerke aus Holz könnten dabei attraktiven Wohnraum für unterschiedlichste Nutzergruppen schaffen.

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10.06.2022
von SMA
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