KI im medizinischen Alltag: Wo sie bereits funktioniert und wo die Technologie noch hinkt
KI hält zunehmend Einzug ins Gesundheitswesen, von der Diagnostik bis zu administrativen Aufgaben. Doch noch nicht überall ist die Technologie ausgereift.

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Früher war es der Hausarzt, dann kam Dr. Google und heute lassen sich immer mehr Menschen zuallererst von der künstlichen Intelligenz in Sachen Gesundheit und Krankheit beraten. Aber auch wer eine Praxis oder eine Klinik aufsucht, wird in irgendeiner Form mit KI in Berührung kommen, auch wenn vielleicht nur im Hintergrund. KI ist im Gesundheitswesen angekommen und gilt etwa in Sachen Effizienz als grosser Vorteil. Sie soll dabei nicht nur den Patient:innen zu besserer Versorgung verhelfen, sondern auch ökonomisch sein: Laut einer Studie von PwC könnte der Einsatz von KI die Gesundheitskosten in Europa in den kommenden zehn Jahren um einen dreistelligen Milliardenbetrag senken.
Das hat viele Gründe: KI ermöglicht es, in Sekundenschnelle Daten zu analysieren, mit bestehenden Informationen abzugleichen und daraus mögliche Behandlungsempfehlungen abzuleiten. In der Diagnose hilft sie, Röntgenbilder systematisch auszuwerten oder bei der Früherkennung Erkrankungen wie Hautkrebs, Brustkrebs oder Augenerkrankungen zu unterstützen. Die KI kann umfassende Datenmengen in einer Geschwindigkeit verarbeiten, die für Menschen nicht erreichbar wäre. Dadurch können Zusammenhänge erkannt werden, die ohne diese technische Unterstützung möglicherweise übersehen würden.
Der Mensch bleibt entscheidend
KI ist inzwischen in vielen Bereichen des medizinischen Alltags angekommen, wenn auch teilweise nur ergänzend oder noch in der Testphase. Die Schweizerische Gesellschaft für Radiologie (SGR) zum Beispiel beschreibt in einem Positionspapier zur KI: «Es gibt weitreichende Zukunftsszenarien und mitunter hoch gesteckte Erwartungen in Bezug auf das Gesundheitswesen, sei dies bei der Diagnose und Behandlung von Krankheiten, in der Vor- und Nachsorge von Patientinnen und Patienten oder im Datenmanagement.» Die SGR betont auch, dass KI-unterstützte Anwendungen bislang zur Diagnostik nicht ausgereift genug sind, um im klinischen Alltag der Radiologie mit ausreichender Genauigkeit eingesetzt werden zu können. Derzeit seien die Anwendungen primär Hilfsanwendungen für Einzelaspekte in der Diagnostik, etwa in der Detektion von Lungenknoten. Der Mensch bleibt dabei entscheidend und die erste Instanz: «Durch KI kann in Einzelbereichen eine Qualitätssteigerung möglich sein, wenn radiologische Bilder zusätzlich zu den Radiologen von KI-gestützten Softwarelösungen analysiert werden», schreibt die SGR weiter.
Studien zeigen Möglichkeiten auf
Auch am Inselspital Bern wird zum Thema KI und Medizin geforscht und jüngst wurden Ergebnisse präsentiert. Dabei haben Forschende der Universitätsklinik für Kardiologie in zwei internationalen Studien gezeigt, dass sich der Krankheitsverlauf bei zwei sehr unterschiedlichen Herzerkrankungen mithilfe künstlicher Intelligenz präziser vorhersagen lässt als mit bisherigen Risikomodellen. Die KI-Modelle verknüpfen dabei zahlreiche klinische Informationen, die im Behandlungsalltag ohnehin erhoben werden, und erkennen daraus Muster, die eine genauere Prognose ermöglichen. «Obwohl sich die beiden Studien mit unterschiedlichen Herzerkrankungen befassen, kommen sie zum gleichen Schluss: KI kann Ärzt:innen dabei unterstützen, Patient:innen je nach persönlichem Risiko gezielter zu betreuen», schreibt das Inselspital Bern auf seiner Webseite. «Die Modelle liefern nachvollziehbare Vorhersagen und zeigen zugleich, welche Faktoren für die Risikoeinschätzung besonders wichtig sind.»
Auch im administrativen Alltag zeigt sich, dass Digitalisierung im Gesundheitswesen nicht mehr nur Zukunftsmusik ist. Laut der KPMG-Studie «Clarity on Healthcare 2026», die auf einer Analyse der Geschäftsberichte von 50 Schweizer Spitälern sowie Rehabilitations- und Psychiatriekliniken für das Geschäftsjahr 2025 basiert, erwarten rund 63 Prozent der befragten CIOs und CTOs, dass KI den administrativen Aufwand künftig reduziert. Das deckt sich mit dem allgemeinen Befund der Studie: Die wirtschaftliche Lage vieler Schweizer Spitäler hat sich 2025 verbessert, während gleichzeitig der Transformationsdruck durch Digitalisierung, Fachkräftemangel und neue regulatorische Vorgaben hoch bleibt.
Beim Datenaustausch hinkt die Schweiz hinterher
Doch so weit die Fortschritte bei KI und Automatisierung auch reichen, sie funktioniert noch nicht überall. Etwa beim übergreifenden Datenaustausch zwischen Spitälern, Praxen, Apotheken und Pflegeorganisationen steht die Schweiz noch am Anfang. Das elektronische Patientendossier (EPD), seit Jahren als Schlüsselprojekt der Schweizer Gesundheitsdigitalisierung vorangetrieben, konnte sich bislang nur zögerlich durchsetzen: Nur etwas mehr als 130 000 Dossiers wurden bisher eröffnet, wie das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) bekannt gegeben hat. Das entspricht 1,4 Prozent der Bevölkerung. Die Gründe liegen unter anderem in der komplexen Struktur mit verschiedenen Stammgemeinschaften und Anbietern, unterschiedlichen IT-Systemen und einem aufwendigen Eröffnungsprozess.
Derzeit wird das System grundlegend reformiert. Der Bundesrat gab im November 2025 bekannt, dass er die Digitalisierung im Gesundheitswesen mit einem neuen Gesetzesentwurf zum elektronischen Gesundheitsdossier E-GD neu ausrichten wolle. Jede Person mit Wohnsitz in der Schweiz soll dabei automatisch und kostenlos ein E-GD erhalten. Die Nutzung soll aber freiwillig bleiben und es kann der Eröffnung widersprochen werden. Die Vorlage wird derzeit vom Parlament beraten, das neue System ist noch nicht in Kraft.
Der sichere Datenaustausch fehlt
Doch laut der Denkfabrik Avenir Suisse ist nicht das EPD das eigentliche Problem, sondern der fehlende Datenaustausch zwischen den Leistungserbringern. «Die Defizite im elektronischen Austausch zeigen, dass nicht das fehlende elektronische Dossier der Digitalisierung im Weg steht, sondern die Fähigkeit der Informationssysteme, Gesundheitsdaten sicher auszutauschen», schreibt die Avenir Suisse in einer Analyse Anfang September.
KI im Gesundheitswesen ist auf dem Vormarsch. In der Diagnostik und bei administrativen Anwendungen kommt die Digitalisierung bereits spürbar voran. Ausgereift ist die Technologie aber noch nicht überall. Gerade beim koordinierten Austausch von Gesundheitsdaten über Institutionsgrenzen hinweg besteht weiterhin Nachholbedarf.
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