Interview von SMA

Marianne Wildi: «Mich inspirieren Menschen mit Überzeugung, Integrität und Loyalität»

Marianne Wildi, Vorsitzende der Geschäftsleitung der Hypothekarbank Lenzburg und Direktorin des Bereichs Führung und Informatik, erzählt im Interview mit «Fokus» von sich und ihren Erfahrungen in der Fintech-Welt.

Marianne Wildi, Sie sind bei der Hypothekarbank Lenzburg als Direktorin des Bereichs Führung und Informatik tätig. Wie lautet Ihr Erfolgsrezept?

Es ist ganz einfach. Ich folge einem Growth-Mindset. Meines Erachtens schadet es nicht, dass ich immer das Bedürfnis habe, etwas Neues zu lernen. Somit trage ich ein grosses Interesse in mir, wenn es um Neues in meinem Leben geht und habe gleichzeitig auch keine Angst vor Veränderungen. Auf diese Weise fällt es mir leichter, meine Augen und Ohren immer offenzuhalten. Denn dadurch kann ich schneller erkennen, was um mich herum passiert.

Und mit welchen Gefühlen blicken Sie auf Ihren Werdegang zurück?

Ohne Bedauern und mit Interesse.

Sie hätten also nie etwas anders gemacht?

Ich habe bis jetzt nie zurückgeschaut und gedacht, dass ich etwas verpasst habe. Glücklicherweise gingen mir Gedanken wie: «Oh, hätte ich doch bloss…», nie durch den Kopf.

Was war als kleines Kind Ihr Traumberuf? Wussten Sie schon in der Schule, dass Sie sich dem Programmieren widmen würden?

Nein, das war mir damals noch gar nicht klar. Ich wollte als kleines Mädchen tatsächlich Kriminalkommissarin werden (lacht). Interessanterweise hat mein jetziger Beruf genauso mit Logik und analytischer Überlegung zu tun. Also besteht irgendwo doch noch ein Zusammenhang mit meinem Traumberuf als kleines Kind.

Gab es Vorbilder, die Sie auf Ihrem Weg in die Fintech-Welt inspiriert haben?

Mich inspirieren Menschen, die sich mit Überzeugung, Integrität und Loyalität für ihre Ziele einsetzen. Ob das beruflich oder privat stattfindet, ist unwichtig. Diese Leute strahlen durch ihre Überzeugung und Willenskraft etwas Besonderes aus. Deshalb habe ich jetzt keine Vorbilder, die berühmt sind oder grosse Namen tragen. Mich inspirieren ganz normale Menschen, die ich auch kenne.

Gab es einen Aha-Moment in Ihrer Karrierelaufbahn, der Sie besonders geprägt hat?

In der Tat: Das Bewusstsein, dass man nicht alles alleine machen kann. Das Bewusstsein, dass man sich zuoberst schnell einsam fühlen kann, wenn man sich nicht um sein soziales Umfeld kümmert. Und das Bewusstsein, dass eine höhere Position oftmals heisst, von vielen nicht als Person wahrgenommen zu werden, sondern als Amt.

Was bereitet Ihnen besondere Freude an Ihrem Beruf?

Die Vielseitigkeit. Von Technologie bis hin zur Regulation von Kundinnen, Kunden und Mitarbeitenden – es ist so vieles dabei. Personelle Fragestellungen, die mich beschäftigen, regulatorische Herausforderungen oder auch technische Challenges, welchen ich mich stellen darf. Dazu kommt noch mein Team. Dieses ist schon relativ lange mit mir unterwegs, es gibt aber auch immer wieder neue Leute, die dazukommen. Und genau das ist es, was es so spannend macht: Nicht alleine unterwegs zu sein und die Begeisterung teilen zu können.

Sie arbeiten in einem noch männerdominierten Berufsfeld. Wie fühlt man sich da als Frau?

Als ich damals in diesem Bereich angefangen habe, war ich fleissig und vielseitig interessiert. Es war für mich persönlich also noch nie ein Problem. Wenn ich etwas nicht konnte, arbeitete ich so lange daran, bis es klappte oder ich habe mich so eingesetzt, dass ich es dorthin schaffe, wo ich hinkommen wollte. Es hat mich also nicht gross gestört, weil ich es einfach nicht anders kannte. Ich wurde in der Informatik gross und dort hatte es zu der Zeit leider wirklich wenig Frauen. Von daher bin ich es mir heute auch einfach gewöhnt, in einem Umfeld zu arbeiten, in dem es mehr Männer gibt.

Gibt es Vorurteile gegenüber Frauen in der Finanzbranche? Wenn ja, welche und haben Sie diese selbst zu spüren bekommen?

Am Anfang meiner Rolle als CEO hat es öfter Verwechslungen gegeben. Meistens haben die Leute mich für die Sekretärin oder die Assistentin des CEOs gehalten. Das fand ich noch etwas speziell. Dann gibt es natürlich auch Bankanlässe, bei denen man einfach nur von Männern in Krawatten und Anzügen umgeben ist. Das war auch noch etwas gewöhnungsbedürftig. Unterdessen bin ich aber schon zehn Jahre in dieser Branche tätig, sprich: Unterdessen bin ich einfach ich.

Denken Sie, es ist heute leichter, sich als Frau in den Fintech-Bereich einzubringen?

Bei mir persönlich gab es anfangs auch Stimmen, die meinten, ich würde das Ganze nicht lange aushalten, weil es zu anstrengend sei. Es war also von Anfang an die Idee da, dass ich diesen Beruf nicht so lange ausüben würde. Jetzt bin ich schon seit über zehn Jahren hier. Also hat sich diese Aussage meiner Meinung nach relativiert (lacht). Ich bin mir sicher, dass sich heute alle für Frauen freuen würden, die in diese Berufsrichtung gehen möchten. Uns begeistert es richtig, wenn sich Frauen beispielsweise für Informatikstellen bewerben. Mittlerweile wissen auch viele, dass die Mischung zwischen Männern und Frauen eine äusserst wichtige ist. In Sachen Herausforderungen und Problemlösungen ist es interessanter, wenn eine Mischung von Männern und Frauen vorhanden ist. Frauen sind einfach anders und verleihen auch einen anderen Teamgeist.

Finden Sie, dass kompetente Führung eine Geschlechterfrage ist?

Nein, natürlich nicht. Wenn ich ein Vorstellungsinterview führe, dann verlasse ich mich auf den CV, aber genauso auf mein Bauchgefühl. Ich führe ein Gespräch mit der Person und am Schluss habe ich entweder ein gutes oder ein schlechtes Bauchgefühl. Mir persönlich ist es lieber, dass die Person gut ins Team passt. Egal ob männlich oder weiblich.

Diversität im Finanzwesen bedeutet nicht nur, auf den Frauenanteil zu achten. Wie sollte man die Diversität im Fintech-Bereich zusätzlich fördern?

Ich denke, dass Frauen allgemein vorsichtiger sind, was ihre eigene Einschätzung betrifft. Ich weiss zwar nicht, wie lange das noch so bleibt, aber ich denke, dass es auch rein kulturell davon ausgeht, dass sich Frauen nicht nach oben arbeiten wollen. Unsere Kultur denkt sich, dass man die Männer machen lassen soll. Es braucht also noch ein «Momentli», bis die alten Stereotypen an Bedeutung verlieren werden. Klar ist aber: Um die Diversität zu fördern, müssen die Stereotypen aus dem Weg geräumt werden. Es braucht auch unbedingt eine Änderung der Arbeitsmodelle. Es kann nicht sein, dass Führungspositionen immer nur 100-Prozent-Stellen sind. Die Arbeit sollte für alle aufteilbar sein. Meiner Meinung nach ist dies durchaus möglich, es ist einfach noch nicht üblich.

Was sind Ihrer Erfahrung nach die Vorteile, als Frau in der Finanzbranche tätig zu sein? Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Frauen fragen nach, wenn Unklarheiten da sind. Frauen stellen Fragen auch anders und dadurch entsteht dann eine ganz andere Diskussionskultur. Eine Mischung aus Frauen und Männer bietet einfach einen anderen Blickwinkel.

Sehen Sie sich selbst als Vorbild für andere Frauen?

Offenbar bin ich das, aber ich muss sagen, mir selbst war das nicht wirklich bewusst (lacht).

Und was macht Ihrer Meinung nach eine moderne Frau aus?

Sie ist im Beruflichen sowie auch im Privaten selbstbewusst. Sie zeigt ihr Selbstvertrauen und Engagement, ohne überheblich zu wirken. Sie setzt ihre Prioritäten so, wie es für sie in einer bestimmten Lebensphase stimmt. Und sie hat keine Angst in einer anderen Lebensphase etwas auf eine neuartige Weise anzupacken.

Was würden Sie jungen, ambitionierten Frauen empfehlen, die im Fintech-Bereich anfangen möchten?

Einfach probieren und alles mit Begeisterung anpacken. Wenn etwas nicht klappt, nicht daran festhalten, sondern loslassen und sich eingestehen: «Das isch’s nöd gsi». Sich dann aber weiter nach vorne bewegen und das Nächste anpacken. Und bitte, nehmen Sie Hilfe an und denken Sie nicht, dass alles immer alleine gemacht werden muss.

Interview Evgenia Kostoglacis    Bild Boris Baldinger

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11.06.2021
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