Interview von Elma Pusparajah

«Eine Depression zu haben, bedeutet nicht, dass man schwach ist»

Andres Andrekson, besser bekannt als Stress, ist Rapper, Sänger, Komponist sowie Produzent und seit 20 Jahren im Musikgeschäft dabei. Seine Kunst nutzt er gerne dazu, um seine Lebenserfahrungen zu vermitteln. Im Interview mit «Fokus» verrät er mehr über seine Gesundheit, seine Musik und wie es ihm heute geht. 

Stress, wie hältst du stets mit den neuesten Trends mit?

Für mich sind neue Trends eher Entwicklungen. Da ich neugierig und interessiert bin, verfolge ich immer die neuen Prozesse in der Musik. Wenn man, wie ich, so involviert ist, sind solche «Trends» frühzeitig spürbar. Ich habe das Glück, meinen Beruf zu lieben. Deshalb fällt es mir nicht schwer, die neuesten Entwicklungen zu beobachten und anzuwenden, wenn sie mir gefallen. 

Vermisst du gewisse Aspekte von den Anfängen der Karriere?

Ich vermisse die Vergangenheit grundsätzlich nicht. Es gibt einen Grund, weshalb ich an diesem Punkt in meinem Leben bin und dafür bin ich dankbar. Aber das Geheimnis ist, die Gegenwart zu geniessen und nicht zurückzuschauen, auch in schwierigen Zeiten.

Du hast kürzlich dein achtes Studioalbum «Libertad» veröffentlicht. Wie fühlst du dich? Bist du zufrieden mit dem Endergebnis? 

Die Welt der Musik und wie sie konsumiert wird, haben sich verändert. Heute hören sich Menschen einzelne Songs auf Streaming-Diensten an. Meine Generation hat ganze Musikalben konsumiert und meine Art zu produzieren ist davon geprägt, was auch auf «Libertad» hörbar ist. Ich bin enorm zufrieden mit dem Ergebnis und die erste Single hat schon den Gold-Status erreicht. Wir sind momentan auf Tournee, die Leute kommen und ich habe eine gute Zeit. Ich bin sehr dankbar dafür.

Was möchtest du mit der Musik vermitteln? 

Ich möchte Hoffnung vermitteln und somit zurückgeben, was mir Musik selbst auch gegeben hat. Als ich jünger war, habe ich viel Musik gehört. Das war mein Halt und hat mich motiviert, ein besserer Mensch und Musiker zu werden. Ich möchte mit meiner Kunst aufzeigen, dass ein Licht am Ende des Tunnels existiert und man daran glauben kann. 

Kommen wir zum Thema der «Fokus»-Ausgabe: My Health. Was bedeutet Gesundheit für dich? 

Gesundheit bedeutet alles für mich. Ich hatte vor zwei Jahren einen Bandscheibenvorfall und war vorübergehend körperlich eingeschränkt. Jeder Schritt hat geschmerzt. Deshalb schätze ich meine Gesundheit enorm und habe gelernt, in meinen Körper zu investieren, und zwar Zeit, Geld und Aufmerksamkeit. Ich verlange viel von meinem Körper, deshalb muss ich mir Zeit nehmen, auf meinen Körper hören und darin investieren. Ich möchte noch lange das machen, was ich liebe und dafür brauche ich meinen Körper.

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Wie investierst du in deine Gesundheit?

Ich achte auf meine Ernährung und was ich konsumiere. Mittlerweile koche ich selbst und wähle die Zutaten gezielt aus. Zu Hause verzichte ich auf Fleisch und ich brauche auch keine drei Mahlzeiten: ein kleines Frühstück und ein grosses Mahl am Tag reichen mir aus. So habe ich eine persönliche Basis, die ich mit Sport kombiniere und die mir guttut.

Im Lied «Bye» rappst du von deinen früheren Problemen mit mentaler Gesundheit.  Kannst du mehr dazu sagen?

Wir alle tragen einen Rucksack mit vergangenen Erfahrungen mit uns. Wenn dieser voll ist, sollte er entladen oder aussortiert werden. Alleine ist dieser Prozess nicht machbar, aber ich persönlich möchte meinen Freundeskreis oder Familie nicht damit belasten. Deshalb sollte man in sich selbst investieren und in eine Therapie gehen. Eine neutrale und professionelle Person kann in diesem Prozess sehr hilfreich sein.

Dieses Loslassen kann herausfordernd sein. Ich habe schon Kunstschaffende getroffen, die dachten, sie seien nur gut aufgrund vergangener Traumata. Unsere Vergangenheit können unsere Lebensgeschichten prägen, aber sie machen uns als Person nicht aus. Wir müssen lernen, loszulassen, um frei zu werden. Diese Erfahrungen werden weiterhin existieren, ohne zu belasten. Es geht darum, nicht lebenslang einen überfüllten Rucksack mit sich zu tragen.

Mein persönlicher Prozess ist auch noch nicht beendet. Ich verstehe, was ich in meinem Leben durchgemacht habe, aber momentan brauche ich keine Therapie. Mir ist aber bewusst, dass ich Hilfe holen kann, wenn Fragen auftauchen oder mein Rucksack voll ist.

Du sprichst offen und öffentlich über deine Depressionen. Braucht das viel Überwindung?

Nein, denn so habe ich schon immer Musik geschrieben und meine Erfahrungen geteilt. Man sollte sich für nichts im Leben schämen. Eine Depression zu haben, bedeutet nicht, dass man schwach ist. Als Musiker möchte ich auf diese Thematiken aufmerksam machen und somit meinen Fans helfen. 

Welche Rolle spielte die Musik in deinem Heilungsprozess? 

Im Prozess vom Songschreiben kann ich die schweren Situationen verarbeiten. Im letzten Album «Sincèrement» konnte ich mich so mit meiner Depression befassen und abschliessen.

Ich betrachte mich selbst nicht als eine öffentliche Person, aber merke, dass die Realität anders aussieht.

Sobald ich meine Gedanken niederschreibe, verschiebt sich die Situation auf das Papier und ich kann mich davon verabschieden. Dies nimmt mir auch jegliche Gefühle der Überforderung weg. Ich muss aber mit den Umständen klarkommen, um den Text zu schreiben.

Wann hast du gemerkt, dass du in einem Tief warst? 

Als ich nicht mehr leben wollte, aber ich bin jetzt mental an einem besseren Ort. Wenn ich heute wieder ähnliche Gedanken habe, erkenne ich sie schneller. Ich versuche dann, besser auf mich zu hören und zu verstehen, weshalb ich mich so fühle. Dies hilft mir, die Gefühle wirksam zu verarbeiten, sodass sie wieder verschwinden und nicht in meinem Kopf herumschwirren. Ich fühle mich besser, wenn ich solche Gedanken nicht ignoriere, sondern mich aktiv und bewusst mit diesen auseinandersetze.

Inwiefern hatte deine Position als öffentliche Person einen Einfluss auf deine mentale Gesundheit? 

Ich betrachte mich selbst nicht als eine öffentliche Person, aber merke, dass die Realität anders aussieht. Es gab Momente, da wollte ich in der Öffentlichkeit nicht schwach wirken oder verspürte Druck. Schlussendlich geht es darum, wie man damit umgeht. Mittlerweile habe ich die Umstände akzeptiert und kann in der Öffentlichkeit offen und transparent sein. Ich muss nichts vorspielen und es geht mir dabei besser. Ich bin eine sehr offene, ehrliche und direkte Person und sage immer, was ich denke.

Hast du Tipps, wie man sich gesund hält? 

Für mich ist Gesundheit sehr wichtig und es gibt dabei zwei Schwerpunkte: die mentale und die physische Gesundheit. Man sollte immer einen körperlichen Ausgleich schaffen, sei es Sport oder gesunde Ernährung. Mental sollte man sich stets weiterentwickeln können und nicht nur passiv konsumieren. Man sollte immer das Beste aus sich selbst herausholen. 

Du hast dich kürzlich von deiner langjährigen Partnerin getrennt. Hatte dies Auswirkungen auf deine mentale Gesundheit? Hattest du Befürchtungen, dass du wieder in eine Depression fallen könntest? 

Nein, denn ich war während der Trennung mental an einem guten Ort. Dies machte die Situation allerdings nicht einfacher. Wäre dies nicht schwierig gewesen, hätten die letzten neun Jahre nichts für mich bedeutet. Ich musste den Prozess akzeptieren und mir Zeit geben, die Situation zu verarbeiten. Ich habe sechs Wochen daran gearbeitet und viel Zeit mit meiner Mutter verbracht, geredet und geweint. Die Verarbeitung von solchen Gefühlen ist wichtig, auch wenn es länger geht.  

Wie geht es deiner Gesundheit heute? 

Es geht mir super. Ich bin froh, dass ich Konzerte geben kann, viel Positives erlebe und eine gute Zeit habe. Momentan habe ich viel zu tun, aber ich lasse mich davon nicht stressen.

Hast du einen Ausgleich nach einem anstrengenden Tag? 

Ich habe meine Routine, vor allem, wenn ich gestresst bin. Meistens mache ich Stretch- oder Atemübungen und nehme mir 10 bis 15 Minuten Zeit, um meine Ziele zu visualisieren. Diese Visualisierung hilft mir, einen klaren Kopf zu bekommen, aber jeder muss einen eigenen Weg finden. An manchen Tagen schalte ich auch gerne ab und schaue Serien.

Interview Elma Pusparajah
Bild Sebastien Agnetti

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Stress, entscheide:

Stadt oder Natur?

Natur

Frühaufsteher oder Nachteule?

Nachteule

Solos oder Featurings?

(zögert kurz) Beides

Instagram oder TikTok?

Instagram

Lausanne oder Zürich?

Da kann ich nicht wählen! Mein Herz gehört beiden Städten.

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07.07.2022
von Elma Pusparajah
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