Interview von Rüdiger Schmidt-Sodingen

Sei speziell bei der Lieferung, nicht beim Produkt

Der Kunde ist König und wird schnellstens beliefert – mit diesem Plan hat der 1964 geborene Informatiker und Elektroningenieur Jeff Bezos den E-Commerce-Riesen Amazon aufgebaut. Und wie James Bond, dessen Filmrechte ihm seit diesem Jahr gehören, zieht es den Gründer ins Weltall.

Der Kunde ist König und wird schnellstens beliefert – mit diesem Plan hat der 1964 geborene Informatiker und Elektroningenieur Jeff Bezos den E-Commerce-Riesen Amazon aufgebaut. Und wie James Bond, dessen Filmrechte ihm seit diesem Jahr gehören, zieht es den Gründer ins Weltall. 

New York Anfang der 1990er Jahre. Ein junger Mann namens Jeffrey P. Bezos arbeitet als Börsenmakler beim Hedgefonds D. E. Shaw & Co. Er hat die Idee für ein Start-up, das Bücher übers Internet verkauft. Beim Spaziergang durch den Central Park sagt sein Chef: »Gute Idee. Aber das ist eher etwas für jemanden, der keinen guten Job hat.« Bezos ist kurz verunsichert, überlegt hin und her – und gründet 1994 in seiner Garage in Seattle dann die Website amazon.com. 

Schnell, aber langsam

Von Anfang an ist klar, was den Online-Service erfolgreich machen soll: Schnelligkeit. So schnell wie der Kunde ein Buch bestellen kann, soll er es auch in Händen halten. Das ist der erste Zeitfaktor. Der für den Kunden. Der zweite Zeitfaktor ist strategischer Natur – und plant unternehmensintern voraus, wie sich mit dem Internet in den nächsten Jahren die Geschäfts-, Bestell- und Lieferströme ändern werden. »Priorisiere immer den langfristigen Erfolg vor dem kurzfristigen« wird es dazu später in den 14 Führungsprinzipien des Konzerns heißen. Und »arbeite hart, habe Spaß und schreibe Geschichte«. Börsenanalysten sehen diese längerfristige Strategie zunächst skeptisch, denn die meisten Neuerungen bringen kurzfristig keine Gewinne. 

Erst geht es bei Amazon um Bücher, dann plötzlich auch um Haushaltswaren. Mit der Erfolgsformel »broader selection, lower prices, fast delivery« wird die Angebotspalette, auch dank vieler kleiner und mittlerer Händler, immer spezieller und vielfältiger. Amazon lebt davon, mit »Working Backwards«-Prozessen erst Kundenwünsche und -nutzen zu analysieren und darauf die Produktpalette aufzubauen. Nicht etwa andersrum. Sei nicht speziell beim Produkt, sei speziell bei der Lieferung. Die Plattform wird zur Such- und Beststellmaschine für immer mehr Waren und Produkte, die quasi per Express ausgeliefert werden – wie eilige Dokumente oder Notfalleinsätze. 

Neugier und Fehlerkultur

»Wir treffen bei Amazon zwei Arten von Entscheidungen«, erklärt Bezos 2018 während der »Air, Space and Cyber Conference« in National Harbor, Maryland. »Einmal gibt es die schnellen Zwei-Wege-Tür-Entscheidungen. Du gehst durch eine Tür hindurch, merkst vielleicht, dass diese Entscheidung nicht gut war – und gehst durch die Tür einfach wieder zurück. Bei Typ-1-Entscheidungen mit vielen möglichen Konsequenzen überlegen wir dagegen lange und genau, was diese Entscheidungen bedeuten und nach sich ziehen. Und ich selbst, das können Sie mir glauben, bin hier der absolute Chief Slowdown Officer.«

2013 steigt Bezos mit dem Kauf der traditionsreichen Washington Post ins Nachrichten- und Journalismus-Geschäft ein – und offenbart, wie sehr ihm klassische Werte oder auch Traditionen durchaus am Herzen liegen. In Seattle startet er Ende 2016, kurz vor Donald Trumps Präsidentschaft, die Supermarktkette Amazon Go, die ohne Kassen auskommt und für die man bei Amazon registriert sein muss. 

Mit dem Ausbau des Streaming-Programms Amazon Prime und der bereits 2006 gegründeten Cloud-Computing-Plattform Amazon Web Services, die unter anderem Dropbox, Netflix und Reddit bedient, führt Bezos private Entertainment- und öffentliche Arbeitswelten zusammen. Er glaube an kommerzielle Systeme, sagt Bezos in Maryland, denn nur sie brächten ein Produkt oder ein System voran. »Mit mehr Kunden wächst die Erfahrung – und das Produkt wird immer besser. Wenn du zu einem Arzt gehst, möchtest du ja auch, dass er möglichst viele Menschen behandelt.« 

Richtung Mond

In seinem letzten Aktionärsbrief schreibt der scheidende CEO Bezos im April 2021 vom Wert, anders zu sein – und Kundenwünsche schnell zu erfüllen. 28 Prozent aller Kunden tätigten ihre Käufe in höchstens drei Minuten, 50 Prozent in unter 15 Minuten. Bezos betont auch die Verantwortung für die Mitarbeitenden in den Fulfillment Centern und die Herkulesaufgabe eines neuen, nachhaltigen Wirtschaftens, die er mit der Initiative The Climate Pledge weltweit angehe. Kurze Zeit später kauft Amazon für seine 200 Millionen Prime-Kunden die Rechte an den James-Bond-Filmen des britischen Autors Ian Fleming, der in den 1930er selbst Börsenmakler war, obwohl er lieber schreiben wollte. 1955 sinnierte Fleming in »Moonraker«: »Jemand hat mal gesagt, dass man, um sehr reich zu werden, eine Kombination aus bemerkenswerten Umständen und ständigem Glück braucht.«

Auf den Tag genau 52 Jahre nach der ersten Mondladung hebt auch Bezos erstmals mit einer »New Shepard«-Rakete seiner Firma Blue Origin ins Weltall ab. Mit an Bord: Bruder Mark, der 18-jährige Niederländer Oliver Daemen, quasi als zahlender Tourist, und die 82-jährige Pilotin Wally Funk, die in den 1960er Jahren die NASA-Mercury-Missionen testete, aber den echten Flug dann Männern überlassen musste. Der erklärte Star-Trek-Fan, der 2016 einen Gastauftritt in »Star Trek Beyond« als außerirdischer Sternenflottenoffizier bekam, sagt: »Ich möchte einen Weg ins All errichten, damit zukünftige Generationen unglaubliche Dinge im Weltraum tun können.« Zehn Minuten dauert der Flug des ungleichen Quartetts. So kurz wie eine durchschnittliche Amazon-Bestellung.

Bild Amazon

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26.08.2021
von Rüdiger Schmidt-Sodingen
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