Andreas Schierenbeck, CEO von Hitachi Energy, über den Strombedarf künstlicher Intelligenz, Österreichs Stärken bei der Wasserkraft und das Zusammenspiel von Rechenzentren, Batteriespeichern und modernen Stromnetzen.

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Andreas Schierenbeck CEO, Hitachi Energy
Herr Schierenbeck, Energiepreise und Versorgungssicherheit beschäftigen Österreichs Industrie. Was entscheidet darüber, ob der Standort wettbewerbsfähig bleibt?
Unternehmen brauchen Energie, die verfügbar, leistbar und verlässlich ist. Österreich verfügt über eine starke industrielle Basis, hervorragend ausgebildete Fachkräfte und mit seiner Wasserkraft über einen besonderen Standortvorteil. Entscheidend ist, diese Stärken für die nächste Phase der industriellen Entwicklung zu nutzen.
Wir elektrifizieren Produktionsprozesse, Verkehr und Gebäude. Gleichzeitig entstehen durch Rechenzentren und künstliche Intelligenz neue Anforderungen an die Stromversorgung. Wer dafür rechtzeitig die Infrastruktur schafft, verbessert seine Chancen auf Investitionen, Wachstum und Arbeitsplätze und. Energiepolitik ist damit immer auch Standortpolitik.
Ohne leistungsfähige Stromnetze gibt es keine KI.
Warum ist der Handlungsdruck so groß?
Weil sich der Bedarf schneller verändert, als große Infrastrukturprojekte umgesetzt werden können. Denn: Ein Unternehmen kann über einen neuen Standort entscheiden, während der dafür erforderliche Netzausbau noch Jahre benötigt. Deshalb müssen wir heute für den Bedarf von morgen planen.
Dabei geht es um mehr als die insgesamt erzeugte Strommenge. Entscheidend ist auch, ob die benötigte Leistung zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar ist. Dafür brauchen wir leistungsfähige Netze, Speicher und eine intelligente Steuerung.
In Österreich wächst das Interesse an neuen Rechenzentren. Welche Chance liegt darin?
Rechenzentren sind eine Grundlage der digitalen Wirtschaft. Sie ermöglichen neue Dienstleistungen, Forschung und den Einsatz künstlicher Intelligenz in Unternehmen. Österreich kann von dieser Entwicklung profitieren, wenn digitale Infrastruktur und Energieinfrastruktur gemeinsam geplant werden.
Die Stromversorgung muss deshalb von Anfang an Teil der Standortentscheidung sein. Wo stehen ausreichende Netzkapazitäten zur Verfügung? Wie lässt sich erneuerbare Energie verlässlich nutzen? Welche Möglichkeiten gibt es, Abwärme sinnvoll einzusetzen? Solche Fragen entscheiden mit darüber, ob ein Projekt langfristig wirtschaftlich und nachhaltig betrieben werden kann.
Ist künstliche Intelligenz tatsächlich ein so großer Energiefaktor?
Absolut. Viele Menschen denken bei künstlicher Intelligenz zuerst an Software oder Chips. Tatsächlich beginnt KI bei der Energieversorgung. Moderne Rechenzentren benötigen große Mengen an Strom und eine besonders zuverlässige Versorgung. Ohne leistungsfähige Stromnetze gibt es keine KI.
Gleichzeitig hält KI zunehmend Einzug in industrielle Anwendungen: in der Fertigung, der Logistik oder bei der Steuerung komplexer Anlagen. Sie kann helfen, Wartungsbedarf frühzeitig zu erkennen und Energie effizienter zu nutzen. Damit ist sie sowohl ein zusätzlicher Stromverbraucher als auch ein Werkzeug, um die industrielle Produktivität zu verbessern.
Was muss geschehen, damit neue Rechenzentren die Stromversorgung nicht überfordern?
Betreiber, Energieversorger und Netzbetreiber müssen frühzeitig zusammenarbeiten. Große neue Verbraucher lassen sich nicht unabhängig vom bestehenden Stromsystem planen. Netzanschlüsse, Versorgungskonzepte und mögliche Flexibilität müssen von Beginn an zusammengedacht werden.
Auch die Fragen der Menschen vor Ort gehören dazu: der Energie- und Ressourcenverbrauch, die Kühlung und der konkrete Nutzen für die Region. Wer diese Fragen transparent beantwortet und beispielsweise eine sinnvolle Abwärmenutzung ermöglicht, schafft bessere Voraussetzungen für Akzeptanz.

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Auch Batteriespeicher gewinnen in Österreich stark an Bedeutung. Was können diese sogenannten BESS leisten?
BESS steht für Battery Energy Storage Systems, also stationäre Batteriespeichersysteme. Sie können Strom aufnehmen und zeitversetzt wieder abgeben. Damit helfen sie, schwankende Erzeugung, beispielsweise aus Wind- und Solaranlagen, auszugleichen und kurzfristige Leistungsspitzen abzufangen.
Ihr besonderer Vorteil ist die schnelle Reaktion. Je nach technischer Auslegung können sie auch wichtige Dienstleistungen für die Stabilität des Stromsystems erbringen. Österreich hat durch seine Pumpspeicher bereits Erfahrung mit Flexibilität. Batteriespeicher erweitern diese Möglichkeiten um eine Technologie, die sich an unterschiedlichen Standorten einsetzen lässt.
Entscheidend sind dabei der richtige Standort, die Dimensionierung und die Betriebsweise. Ein Speicher sollte so eingebunden werden, dass er das Gesamtsystem unterstützt.
Österreich verfügt über viel Wasserkraft. Warum braucht es zusätzlich Batteriespeicher?
Weil unterschiedliche Speicher unterschiedliche Aufgaben besonders gut erfüllen. Batteriespeicher eignen sich vor allem für schnelle Reaktionen und den kurzfristigen Ausgleich. Pumpspeicherkraftwerke können große Energiemengen aufnehmen und über längere Zeiträume wieder bereitstellen. Die konkreten Möglichkeiten hängen jeweils von der Anlage ab.
Mit dem Ausbau von Wind- und Solarenergie wächst der Bedarf an diesem Zusammenspiel. Österreich kann seine vorhandene Stärke bei der Wasserkraft mit neuen Speichertechnologien verbinden. Daraus entsteht ein flexibleres Energiesystem.
Welche Rolle spielt die Wasserkraft künftig für Österreich und Europa?
Sie bleibt eine tragende Säule der österreichischen Stromversorgung. Besonders wertvoll ist die Flexibilität von Speicher- und Pumpspeicherkraftwerken. Sie können dazu beitragen, Erzeugung und Verbrauch auch dann zusammenzubringen, wenn die aus Wind und Sonne gewonnene Energiemenge schwankt.
Das hat eine europäische Dimension. Österreich ist eng mit den Stromsystemen seiner Nachbarländer verbunden. Leistungsfähige grenzüberschreitende Netze ermöglichen es, erneuerbare Energie und Speicherkapazitäten über nationale Grenzen hinweg besser zu nutzen. Die österreichische Wasserkraft ist deshalb auch für das europäische Energiesystem von Bedeutung.
Hitachi Energy ist am neuen Pumpspeicherkraftwerk Kühtai 2 der TIWAG beteiligt. Was zeigt dieses Projekt?
Kühtai zeigt, wie Österreich seine Kompetenz in der Wasserkraft für die Zukunft weiterentwickelt. TIWAG schafft dort zusätzliche Speicherfähigkeit und stärkt die Versorgungssicherheit. Wir sind als Technologiepartner an dem Projekt beteiligt.
Für uns steht Kühtai beispielhaft für das Zusammenspiel von Erzeugung, Speicherung und Netzanbindung. Ein Kraftwerk entfaltet seinen Nutzen im Energiesystem erst dann vollständig, wenn die Energie zuverlässig aufgenommen, umgewandelt und dorthin transportiert werden kann, wo sie gebraucht wird. Genau an diesen Schnittstellen setzen unsere Technologien an.
In vielen Wasserkraftregionen ist die Technologie fest verankert. Was lässt sich daraus für andere Infrastrukturprojekte lernen?
Die Menschen in Österreich kennen in den entsprechenden Gebieten die Bedeutung der Wasserkraft für ihre Region – für die Versorgung, für Arbeitsplätze und für die wirtschaftliche Entwicklung. Diese Erfahrung kann eine gute Grundlage für neue Projekte sein.
Akzeptanz muss dennoch bei jedem Vorhaben neu erarbeitet werden. Dazu zählen transparente Informationen, ein früher Austausch, ein sorgfältiger und im besten Sinne nachhaltiger Umgang mit Natur und Landschaft. Menschen wollen nachvollziehen können, warum ein Projekt gebraucht wird und welchen Nutzen es bringt. Das gilt für Wasserkraft ebenso wie für Stromleitungen, Batteriespeicher oder Rechenzentren. Und diesem grundlegenden Bedürfnis müssen wir gerecht werden.
Wenn Erzeugung und Speicher ausgebaut werden: Warum bleiben die Netze so entscheidend?
Weil Netze alles miteinander verbinden. Strom muss von den Erzeugungsanlagen zu den Verbrauchern gelangen. Speicher müssen sowohl Strom aufnehmen als auch wieder abgeben können. Neue Rechenzentren und elektrifizierte Industriebetriebe brauchen verlässliche Anschlüsse.
Ein modernes Energiesystem benötigt deshalb ausreichend Transportkapazität und eine intelligente Steuerung. Österreichs Stärken bei erneuerbarer Energie und Speicherung können sich nur dann voll entfalten, wenn auch die Netzinfrastruktur mitwächst.
Was bedeutet dieser Umbau für Hitachi Energy?
Unsere Aufgabe ist es, die Technologien bereitzustellen, die diesen Umbau ermöglichen: Transformatoren, Schaltanlagen, Systeme zur Stromübertragung, digitale Netzsteuerung und Lösungen zur Integration von Speichern.
Dabei geht es zunehmend um das Zusammenspiel dieser Komponenten. Wir unterstützen unsere Kunden dabei, neue Erzeugungsanlagen, Speicher und große Verbraucher sicher in ein komplexer werdendes Stromsystem einzubinden. So schaffen wir die Verbindung zwischen der Energieerzeugung der Zukunft und den Verbrauchern von morgen.
Welchen Wunsch haben Sie an die Politik?
Am meisten wünsche ich mir den Mix aus Planbarkeit und Geschwindigkeit. Energieinfrastruktur entsteht über Jahrzehnte. Unternehmen brauchen verlässliche Rahmenbedingungen, um langfristig investieren zu können. Gleichzeitig müssen Planungs- und Genehmigungsverfahren mit der Dynamik der Entwicklung Schritt halten.
Dafür ist ein enger Austausch zwischen Politik, Wirtschaft und Netzbetreibern entscheidend. Wenn wir Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz gemeinsam erreichen wollen, müssen wir Erzeugung, Netze und Speicher als zusammenhängende Aufgabe behandeln.
Zum Schluss: Sind Sie optimistisch für Österreichs Energiezukunft?
Ja, das bin ich. Denn Österreich bringt viel mit: industrielle Kompetenz, Erfahrung mit Wasserkraft und eine starke Einbindung in das europäische Energiesystem. Auch die Technologien für den nächsten Entwicklungsschritt stehen zur Verfügung.
Jetzt kommt es darauf an, diese Voraussetzungen in konkrete Projekte zu übersetzen. Wenn Österreich seine Stärken mit modernen Netzen, zusätzlichen Speichern und einer vorausschauenden Planung verbindet, kann die Energiewende zu einem wichtigen Motor für Österreichs positive wirtschaftliche Zukunft werden.
Weitere Informationen unter: hitachienergy.com
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