beat marchetti
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«Ich bin nicht behindert, sondern Beat»

17.03.2022
von Sybille Bruetsch-Prevot

Beat Marchetti ist ein aktiver Mann: Er liebt Bewegung, seine Familie, den ZSC. Er ist viel unterwegs, kennt die verborgensten Winkel dieser Erde und sprüht vor Lebensfreude. Das Porträt eines Mannes, der gehörlos und fast blind ist.

Dass Beat Marchetti sehbehindert ist, merkt man an seinem weissen Stock, den er mit sich führt. Dass er aber auch nichts hört, ist auf den ersten Blick nicht erkennbar. Menschen sprechen ihn an, bieten ihm ihre Hilfe an – aber er reagiert nicht. «Die Leute denken vermutlich, ich sei unhöflich oder arrogant – oder ein Psychopath», erklärt Beat schulterzuckend. Auch schon hat der Kontrolleur in der S-Bahn die Bahnpolizei gerufen, weil er auf seine Frage einfach keine Antwort gab. Unangenehm. Wie hätte der Kontrolleur besser reagieren können? «Man muss mich einfach sanft an der Schulter berühren. Aber das machen die wenigsten, weil sie denken, das sei Belästigung.» Auf die Idee, dass der blinde Mann auch nichts hört, kommen die wenigsten.

Der mit dem Baseball-Cap

Beat Marchetti ist 51 Jahre alt und leidet seit seiner Geburt am Usher-Syndrom, einer genetischen Vererbung. Das Usher-Syndrom ist verantwortlich für Hörbehinderungen oder Gehörlosigkeit und eine Einschränkung der Sehkraft, die zu einer vollständigen Erblindung führen kann. Beat ist von Geburt an gehörlos und sein Sehpotenzial hat im Verlauf seines Lebens massiv abgenommen. Er ist nachtblind und sieht nur gerade noch starke Kontraste. Ausserdem schränkt ihn das blendende Licht zusätzlich ein, weshalb er immer ein Baseball-Cap trägt – sein Markenzeichen. Wie meistert man seinen Alltag mit diesen Einschränkungen? «Ich habe meinen Blindenstock, mein iPad für Informationen und die Kommunikation, die Braille-Schrift und eine persönliche Assistentin.»

«Die Leute denken vermutlich, ich sei unhöflich oder arrogant – oder ein Psychopath.»

All das ermögliche ihm eine gewisse Partizipation am täglichen Leben. Weil die Gebärdensprache eine visuelle Sprache ist, ist Beat auf taktile Unterstützung angewiesen. Das heisst, er hält die Hand der gebärdenden Person und versteht so, was sie sagt. 18 Jahre lang hatte er zudem Unterstützung von Blindenführhunden. «Das war eine sehr schöne und bereichernde Zeit», wie Beat sagt, «auch, weil ich Tiere liebe.» Diese Hunde hätten vieles erleichtert, sie kosteten aber auch Energie, brauchten Pflege und Aufmerksamkeit. Energie, die Beat Marchetti nicht mehr aufbringen konnte. «Man kann den Hund beim Nachhausekommen ja nicht einfach in die Ecke stellen wie einen Blindenstock!» Deshalb hat er sich vor ein paar Jahren entschieden, ohne Führhund unterwegs zu sein.

Die drei offenen Türen wertschätzen

Beat ging in die Gehörlosenschule, wo er den Kindergarten, die Unter-, Mittel- und Oberstufe besucht hat. «Ich hatte eine schöne Kindheit», erzählt er. «Ich war gut integriert und sehr aktiv.» Er machte ganz selbstverständlich überall mit: Fussballspielen, Schlittschuhlaufen, Rollbrett- und Velofahren, Skifahren, Schwimmen – und war in der Pfadi und im Turnverein. Später hat er eine Ausbildung zum Elektronikmonteur gemacht und Weiterbildungen zum dipl. Gebärdensprachlehrer und im NPO-Management absolviert und er besitzt den eidg. Ausbildner-Ausweis SVEB. Heute arbeitet er beim SZBLIND, dem Schweizerischen Zentralverein für das Blindenwesen, in der Fachstelle Hörsehbehinderung und Taubblindheit.

Auf die Idee, dass der blinde Mann auch nichts hört, kommen die wenigsten.

Er leitet Kurse für freiwillige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Menschen mit einer Hörsehbehinderung und Taubblindheit im Alltag begleiten, sowie für Kommunikationsassistentinnen und -assistenten. Er ist zufrieden mit seinem Leben. «Wenn für mich von hundert Türen drei offen sind, freue ich mich. Und ärgere mich nicht über die 97 verschlossenen», sagt er. Er weiss nicht, was die Zukunft bringt. Wird er ganz blind? Werden dann alle hundert Türen verschlossen sein? «Ich lasse mich nicht verrückt machen!», sagt er mit Vehemenz. 

Traum Weltreise

Wie aktiv Beat Marchetti unterwegs ist, sieht man auf seinem Instagram-Profil. Schneeschuhlaufen, Konzerte, ZSC-Match oder die Teilnahme an einem Deaf-Slam – er ist Hansdampf in allen Gassen. 2019 hat er sich einen riesigen Wunsch erfüllt: eine fast viermonatige Weltreise mit dem Schiff. Eine persönliche Assistentin hat ihn dabei begleitet. Karibik, Süd-, Mittel- und Nordamerika, Hawaii, Französisch-Polynesien, Neuseeland, Australien, Asien, die Malediven und Dubai.


Beat Marchetti ist 51 Jahre alt und leidet seit seiner Geburt am Usher-Syndrom, einer genetischen Vererbung. ©Markus Pulfer

Und wo hat es ihm am besten gefallen? «Jede Destination hatte ihren Reiz!», sagt Beat strahlend. «Aber San Francisco war grossartig!» Dort haben ihn zwei Freunde aus den Staaten und sein erwachsener Sohn sowie seine ehemalige Lebenspartnerin besucht. Zusammen waren sie an einem NBA-Spiel, «Golden State Warriors gegen Miami Heat!». 

Barrierefreie Gesellschaft

Natürlich gibt es sie auch, die schwierigen, einsamen Momente. Beim Abendessen mit der Familie zum Beispiel, wenn alle miteinander reden und er isoliert und alleine am Tisch sitze. «Allein sein ist für mich kein Problem. Aber wenn ich unter Leuten alleine bin, fühle ich mich einsam.» Umso mehr geniesst er die lustigen Momente mit seinen Kindern und seiner Lebenspartnerin, den Geruch im «Starbucks» oder von indischem Essen.

Er nimmt sie wahr, seine drei offenen Türen. Behindert fühlt er sich nicht. «Ich bin nicht behindert, ich bin Beat», sagt er und fügt an: «Es ist eher die Gesellschaft, die mich einschränkt.» Was wünscht er sich also von seinen Mitmenschen? «Die Akzeptanz, dass wir alle unterschiedlich sein dürfen. Den Respekt, dass alle dazugehören. Die Gesellschaft soll sich mir und allen anderen Menschen gegenüber öffnen. Das bedeutet für mich Barrierefreiheit.»

Text Sybille Brütsch-Prévot Bild Susanne Gadola

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