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Editorial Finanzen

So wird Innovation mehr als ein Buzzword

16.12.2021
von SMA

Eine globale Finanzindustrie ersäuft im Geld, buchstäblich: Kürzlich hat die Boston Consulting Group das Asset-Management, also die Produktion und Verwaltung von Anlagegeldern für institutionelle Kunden und von Anlagefonds, angesichts erneut zweistelliger Wachstumsraten als «The $100 Trillion Dollar Machine» tituliert. In die seit Jahren äusserst populären Indexfonds flossen im ablaufenden Jahr 2021 erstmals über 1 Billion Dollar an Neugeldern, über 20 Prozent mehr als 2020.

Der Grund für dieses unheimliche Wachstum liegt vor allem an der Geldpolitik der Zentralbanken und weniger an der Attraktivität einer pionierhaften und innovativen Asset-Management-Industrie. Noch vor wenigen Jahren mussten sich die Asset-Manager:innen vorwerfen lassen, zu viel zu verdienen und zu wenig zu leisten, zu hohe und intransparente Gebühren zu kassieren und für Kund:innen unterdurchschnittliche Renditen zu kassieren. 

Zumindest dies ändert sich: Der ETF oder Indexfonds gilt als eine der grössten Finanzinnovationen der letzten Jahrzehnte. Dank seines einfachen, einen Börsen-Index replizierenden Investmentprozesses und seiner tiefen Kosten hat der ETF zu einer Demokratisierung der Investmentwelt geführt. Der Boom hat seine Schattenseiten: Die Margen der Asset-Manager:innen sinken rapide ab. Es ist ein Wachstum, mit dem Asset-Manager:innen immer weniger verdienen.

Während sogenannte Industry Leader laufend über technologischen und digitalen Fortschritt und disruptive Innovationen predigen, sieht die Realität im Asset-Management vielfach anders aus. Entlang der Wertschöpfungskette finden sich nach wie vor hohe Ineffizienzen und Kostentreiber, von denen man meinte, sie gehörten dem letzten Jahrhundert an. 

Die technologischen Entwicklungen, die sich unter Schweizer Asset-Manager:innen beobachten lassen, sind beeindruckend. Adrian Schatzmann

Von diesem Verdikt lassen sich auch Teile der Schweizer Asset-Management-Industrie nicht ausschliessen. Doch mit ihrem Fokus auf aktives Portfoliomanagement kann sich die hiesige Branche dem extremen Margendruck etwas entziehen und sich somit stärker auf ihre Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit konzentrieren. 

Die technologischen Entwicklungen, die sich unter Schweizer Asset-Manager:innen beobachten lassen, sind beeindruckend: Cloud-basierte Technologien lösen traditionelle IT-Infrastrukturen ab, was die Flexibilität und Prozessgeschwindigkeiten massiv erhöht. Dank offenen Plattformen können Anbieter Dienstleistungen und Produkte über Drittparteien vertreiben. Roboter, oder vielmehr intelligente Prozessautomatisierungen übernehmen repetitive administrative Aufgaben im Back- und Middle-Office. Kund:innen erhalten nun digitale Anlageberatung und -lösungen. Smarte Algorithmen durchforsten und analysieren die Datenwelt, um bessere Investmententscheidungen zu treffen: Geschäftsberichte, Konferenzprotokolle, Social-Media-Kanäle oder Satellitenbilder. Quantencomputer werden dereinst die gewaltigen Datenmengen noch schneller und noch intelligenter auswerten. Mit der Blockchain- oder Distributed-Ledger-Technology wird bereits intensiv im Bereich der Tokenisierung von Assets experimentiert, womit sich Prozesse effizienter und kostengünstiger gestalten und Kund:innen höhere Transparenz und einen einfacheren Zugang zu Produkten und Anlagelösungen erhalten. 

Angesichts der bereits im Bereich von Decentralised Finance erprobten Blockchain-Anwendungen ist das innovative und disruptive Potenzial für Asset-Manager:innen greifbar. Die Frage stellt sich, ob es im Jahr 2030 das klassische Fondsvehikel mit Administrator, Custodian, Transfer Agent und Settlement Agent noch geben wird. 

Die Antwort darauf liegt nicht allein in einem technologischen Wettrüsten und dem Einsatz von Quantencomputern. Sie liegt in den zwei einfachen Begriffen «Talent & Skill», Talente und Fähigkeiten. Der disruptive Charakter von Innovationen und Technologien, der anhaltende Regulierungsdruck und die anspruchsvollen und sich verändernden Kundenbedürfnisse zwingen Asset-Manager:innen zur Anstellung von hoch gebildetem und spezialisiertem Personal mit einem breiten, interdisziplinären Hintergrund. Schweizer Hochschulen und Universitäten machen mit einem breiten Angebot von spezifischen Bildungsblöcken bereits einen hervorragenden Job, um die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit des Schweizer Finanzplatzes zu bekräftigen. Gleichzeitig wäre eine auf mehr Internationalität ausgerichtete Personenfreizügigkeit in der Schweiz wünschenswert. Denn ohne einen weltoffenen und Grenzen überschreitenden Spirit bleibt Innovation nicht mehr als ein Buzzword.

Text Adrian Schatzmann, CEO Asset Management Association Switzerland  

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